ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2002Anonyme Geburten: Fallstricke einer Legalisierung

THEMEN DER ZEIT

Anonyme Geburten: Fallstricke einer Legalisierung

Dtsch Arztebl 2002; 99(1-2): A-30 / B-21 / C-21

Rautenstrauch, Julia

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Am 8. April 2000 wurde in Hamburg die erste Babyklappe eingerichtet, wo Frauen in Not anonym ihr Baby (das Foto zeigt eine Puppe) abgeben können. Foto: ddp
Am 8. April 2000 wurde in Hamburg die erste Babyklappe eingerichtet, wo Frauen in Not anonym ihr Baby (das Foto zeigt eine Puppe) abgeben können. Foto: ddp
Ärztliche Fachgesellschaften melden Bedenken an.

Das Entsetzen über tote, halb erfrorene oder fast verhungerte Neugeborene, die irgendwo im Müll oder am Straßenrand aufgefunden wurden, hat die Menschen in diesem Land in den letzten Jahren stark bewegt. Als direkte Folge wurde im April 2000 in Hamburg die erste Babyklappe eingerichtet, wo Frauen in Not ihr Baby anonym in die sichere Obhut anderer, meist kirchlich geprägter Betreuer abgeben können. Inzwischen gibt es bundesweit mindestens 24 solcher Klappen, meist an Krankenhäusern und Kinderheimen. Jetzt soll die Hilfe noch weiter gehen: In seltener Einigkeit streben Kommunen und Parteien, Politiker und Vertreter beider Amtskirchen die Legalisierung der anonymen Geburt an. Doch inzwischen haben ärztliche Fachgesellschaften und Adoptionsexperten ernst zu nehmende Bedenken angemeldet.
Ein im November 2000 von der CDU/ CSU-Fraktion eingebrachter Entwurf zur Änderung des Personenstandsgesetzes soll der Legalisierung anonymer Geburten den Weg bahnen, indem die Meldepflicht für Neugeborene und ihre Mütter unter bestimmten Bedingungen gelockert wird. Die anderen Fraktionen wollen dem Entwurf zustimmen, die Gesetzesänderung soll bereits zum l. Januar 2002 in Kraft treten.
Auf den ersten Blick überzeugt das Vorhaben, schließlich will man damit die Tötung und Aussetzung von Neugeborenen verhindern. Da bei vielen Findelkindern vermeidbare Schäden festgestellt wurden und schon die Geburt ohne fachgerechte Hilfe für Mutter und Kind ein Risiko darstellt, scheint es folgerichtig, die Babyklappe durch das Angebot der anonymen Geburt zu ergänzen. Schwangeren Frauen in Not wird die Möglichkeit geboten, in einer geburtshilflichen Abteilung zu entbinden, danach aber ohne Hinterlassung ihrer Personalien und ohne das Kind wieder gehen zu können.
Das Kind wird acht Wochen später zur Adoption freigegeben. Ein „gerettetes“ Leben? Die Fallstricke, die mit dieser Neuregelung verbunden wären, offenbaren sich erst auf den zweiten Blick. Nahezu alle Experten, die professionell eng mit der Mutter-Kind-Beziehung zu tun haben, sprechen sich gegen die geplante Legalisierung der anonymen Geburt aus:
- Organisationen wie ProFamilia und Terre des hommes,
- Adoptionsforscher, Familientherapeuten, Pädagogen, Sozialwissenschaftler, Psychologen und
- ärztliche Fachgesellschaften.
In einem offenen Brief der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe an die Bundesjustizministerin, unterzeichnet von den Professorinnen für Psychosomatik Mechthild Neises (Hannover) und Anke Rohde (Bonn), heißt es: „Die Diskussion geht von der Prämisse aus, dass mit der Legalisierung der anonymen Geburt die Aussetzung von Kindern oder sogar der schlimmste Fall, nämlich die Tötung des Kindes, verhindert werden kann. Dies ist weder durch wissenschaftliche Erhebung noch durch empirische Funde belegt.“
Kindstötungen, so heißt es weiter, würden von Frauen begangen, bei denen eine so erhebliche Persönlichkeitsproblematik bestehe, dass sie nicht in der Lage seien, adäquate Hilfsangebote wie eine Schwangerschaftskonfliktberatung oder die Freigabe des Kindes zur Adoption in Anspruch zu nehmen. „Nach einer verheimlichten beziehungsweise verleugneten Schwangerschaft wird die betroffene Frau von der Geburt ‚überrascht‘; im Sinne einer Stress- und Panikreaktion kommt es dann möglicherweise zur Tötung des Neugeborenen oder auch zur Aussetzung.“
Frauen mit einer solchen Problematik würden wahrscheinlich auch durch das Hilfsangebot der anonymen Geburt kaum zu erreichen sein. Zu befürchten sei jedoch, so Rohde und Neises, dass ganz andere Frauen das Angebot von Babyklappe und anonymer Geburt nutzen werden, und zwar in zunehmender Häufigkeit:
- Frauen, die ungewollt schwanger wurden und von ihrem Partner oder den Eltern dazu gedrängt werden;
- Frauen, die so spät gemerkt haben, dass sie schwanger sind, dass ein Abbruch nicht mehr infrage kommt, und die der schwierigen Entscheidung, ob sie das Kind selbst aufziehen oder zur Adoption freigeben wollen, auf diese Weise ausweichen;
- Frauen mit vorübergehenden psychischen Störungen in der Schwangerschaft, zum Beispiel Depressionen, Angst- und Zwangssymptomen.
„Solche Mütter entwickeln ausgeprägte Insuffizienz- und Versagensängste und sind fest davon überzeugt, eine schlechte Mutter zu sein“, geben die beiden Psychosomatikerinnen zu bedenken. Derzeit verhindere der langwierige Prozess der Adoptionsfreigabe, dass die Frau eine vorschnelle Entscheidung trifft. „Wird das aber noch genauso sein, wenn die anonyme Geburt legalisiert ist?“ fragen sie.
Inzwischen hat auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde die Bundesjustizministerin vor der lebenslangen Traumatisierung gewarnt, die eine übereilte und unkontrollierte Freigabe von Neugeborenen bei den Betroffenen hinterlassen kann.
Schon nach einer regulären Adoption haben Frauen, die ihr Kind weggegeben haben, oft später mit erheblichen Problemen zu kämpfen. Sie sind suizidgefährdet, leiden gehäuft unter psychosomatischen Krankheiten und können die Trennung von dem Kind oft nie verwinden. Nach Ansicht der Experten ist bei Frauen nach anonymer Geburt noch stärker mit solchen Problemen zu rechnen, weil die Entscheidung ohne begleitende Hilfe erfolgt und eine spätere Aufarbeitung, wie zum Beispiel im Fall einer offenen Adoption, unmöglich ist.
Aus Adoptionsstudien weiß man, dass die genetische Abstammung auch für die Kinder von größter Bedeutung ist, und zwar auch dann, wenn sie in einer liebevollen Pflegefamilie aufgewachsen sind. Kinder aus anonymen Geburten werden dagegen völlig von ihren Wurzeln abgeschnitten und empfinden das lebenslang als tiefe Verletzung. Das zeigen Erfahrungen in Frankreich, wo die anonyme Geburt bereits seit 1941 erlaubt ist. Dort haben sich die anonym Geborenen zur „Generation X“ zusammengeschlossen, mit dem Ziel, die anonyme Geburt wieder abzuschaffen. Auch deutsche Selbsthilfegruppen von Adoptierten warnen vor der geplanten Gesetzesänderung.
Adoptionsforscher raten heute zur offenen Adoption, bei der das Kind so früh wie möglich aufgeklärt und, wenn möglich, die leibliche Mutter mit einbezogen wird. „20 Jahre Erfahrung lehren, dass Adoptionen umso eher gelingen, je selbstverständlicher Eltern mit dem Thema umgehen, je einfühlsamer sie über die leibliche Mutter sprechen, je mehr das Kind das Gefühl hat, dass es zwischen seinen beiden Familien freundschaftliche Kontakte gibt“, betont Christine Swientek, Professorin für Sonderpädagogik in Hannover und Adoptionsforscherin, in einem Beitrag für die Fachzeitschrift „Familie Partnerschaft Recht“ (2001; 5: 353–357).
Dagegen halten die Befürworter von Babyklappen und anonymer Geburt diese Diskussion angesichts toter und ausgesetzter Kinder für ziemlich akademisch: „Bevor ein Kind sein Recht auf Abstammung geltend macht, muss es erst einmal leben“, lautet ihr sicherlich richtiges Gegenargument. Die Frage ist nur, ob man sich bei dem Versuch, ein uraltes Problem zu lösen, nicht ein neues, womöglich viel größeres einhandelt.
„Es wird eine völlig neue Klientel geschaffen, während die Zahl der Findelkinder – tot oder lebendig – nicht abnehmen wird!“ befürchtet Swientek. Mit Babyklappe und anonymer Geburt würden in Deutschland „Dritte-Welt-Verhältnisse“ geschaffen, kritisiert die Adoptionsforscherin. Die gesamte Diskussion gehe davon aus, dass es „die verzweifelten Mütter“ seien, die ihre Kinder töteten, aussetzten oder in Babyklappen legten. Es gebe aber Tatumstände, die eher daran zweifeln ließen.
Opfer-Selbsthilfegruppen
„Die Gefahr, dass missliebige Kinder aus der kriminellen Szene, aus Inzestbeziehungen, Zwangsprostitution und Frauenhandel auf diese diskrete Weise ,entsorgt‘ werden, lässt entsprechende Opfer-Selbsthilfegruppen fürchten, dass die Täter jede Chance haben, unerkannt zu bleiben.“ Dabei will sich die Pädagogin noch gar nicht ausmalen, was bei einer Legalisierung der anonymen Geburt mit schwer behinderten Kindern passieren könnte.
Derzeit rechnen Experten in Deutschland mit 40 bis 50 Kindesaussetzungen pro Jahr. Ausgehend davon, wäre die entsprechende Zahl in Frankreich bei etwa 30 bis 40 anzusetzen, rechnen Rohde und Neises vor. Tatsächlich aber gab es in Frankreich seit der Legalisierung bis zu 1 000 anonyme Geburten pro Jahr, aktuell sind es noch circa 600. Diese Zahl scheint die Befürchtung Swienteks zu bestätigen, dass das Angebot die Nachfrage schürt. Auch in Deutschland gibt es erste Hinweise auf eine solche Entwicklung:
Der Babyklappen-Pionier SterniPark in Hamburg berichtet auf seiner Webseite, dass im ersten Jahr der Babyklappe acht Neugeborene ab- beziehungsweise übergeben wurden.
Als Beleg für die „Wirksamkeit“ der Klappe wird angeführt, dass in den ersten zehn Monaten in Hamburg keine ausgesetzten oder toten Kinder mehr aufgefunden worden seien. Auf der anderen Seite meldet das Hamburger Abendblatt (vom 7. November 2001), dass der Verein seit Oktober 2000 bereits 37 (!) Frauen betreut hat, die ihre Kinder anonym zur Welt brachten. Auf den Rechnungen für Beratung, Entbindung und Unterkunft bleibt SterniPark jetzt allerdings sitzen.
Einzelne Frauenkliniken bieten die anonyme Geburt bereits an, obwohl sie sich damit juristisch auf unsicherem Boden bewegen. Die Zusicherung von Anonymität durch Kliniken oder Anbieter von Babyklappen hält Alfred Wolf, Ministerialdirigent a. D. und Professor an der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, für rechtswidrig („Familie Partnerschaft Recht“ 2001; 5: 345–353). Polizei, Jugendamt und Staatsanwaltschaft müssten von Amts wegen Ermittlungen aufnehmen. Das Kind habe einen Auskunftsanspruch gegen alle, die Kenntnisse zu seiner Abstammung erlangt haben.
„Wer einer Mutter Anonymität zusichert und sie deckt, greift in das Elternrecht ein, das im modernen Familienrecht immer stärker ausgebaut wurde.“ Ein Aussageverweigerungsrecht über die Identität der Mutter stehe Ärzten nicht zu. Schließlich sei der Arzt auch bei der heterologen Insemination verpflichtet, die Personalien des Samenspenders zu offenbaren. Eine Rechtfertigung der Anonymität durch die Aussage, damit würde Leben gerettet, hält der Jurist für unseriös.
Dr. med. Julia Rautenstrauch

Quellen
Offene Briefe der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe und der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde an die Bundesjustizministerin
1. Swientek Ch: Familie Partnerschaft Recht 5/2001, 353–357.
2. Wolf A: Familie Partnerschaft Recht 5/2001, 345–353.
3. Pressemitteilungen zur anonymen Geburt vom 11. Januar 2001, 15. Februar 2001, 7. Juni 2001 von SterniPark e. V., Hamburg, Brief von ProFamilia an Prof. Rohde
4. Hamburger Abendblatt vom 7. November 2001.
5. Internetadressen: www.sternipark.de, www.geburts
kanal.de, www.anonyme-geburt.de, www.Jux-fomm-adp.p.tlerter.de
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