ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2002Disease Management: Scheinreform verweigern
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LNSLNS Die Einführung von Disease-Management-Programmen ist auch deshalb ethisch nicht vertretbar, weil sie den Grundsatz der Gleichbehandlung aller Kranken verletzt. Relativ willkürlich werden hier sieben Krankheitsbilder herausgegriffen, die nun seitens der Versicherer und Ärzte eine besondere Aufmerksamkeit erfahren sollen. Dies soll durch entsprechende finanzielle Anreize erreicht werden. Da der ambulanten Versorgung hierfür jedoch sicherlich keine zusätzlichen Gelder zur Verfügung gestellt werden, bedeutet dies in einem System mit festgeschriebenem Honorarvolumen, dass diese Sondermittel der Behandlung anderer Kranker, also auch chronisch Kranker, entzogen werden. Man fragt sich, mit welcher Berechtigung für die Behandlung eines Diabetikers oder Asthma-Kranken in Zukunft mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden sollen als für die Therapie von Parkinson-Patienten oder MS-Kranken. Hier werden Patientengruppen gegeneinander ausgespielt und chronisch Kranke erster und zweiter Klasse geschaffen.
Völlig auf verlorenem Posten werden Patienten stehen, die an einer seltenen chronischen Erkrankung leiden. Da sich Disease-Management-Programme für solche Krankheitsgruppen nicht lohnen, drohen sie bei einer Ausweitung dieser Projekte durch alle Maschen des Gesundheitsnetzes zu fallen. Die Disease-Management-Programme sind medizinisch unsinnig und ethisch nicht vertretbar. Sie dienen einzig dem Zweck, durch öffentlichkeitswirksame Maßnahmen zu verschleiern, dass sich durch die verschiedenen Budgets die ambulante Versorgung vor allem der chronisch Kranken in letzter Zeit erheblich verschlechtert hat. Es wäre zu hoffen, dass die Ärzteschaft die Solidarität aufbringt, sich dieser Art von Scheinreform zu verweigern.
Dr. med. Ekkehard Schönbrunn, Schöne Aussicht 29, 31180 Giesen
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