ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2002Holzschnittkalender: Von besonderem Charme

VARIA: Feuilleton

Holzschnittkalender: Von besonderem Charme

Dtsch Arztebl 2002; 99(1-2): A-61 / B-47 / C-47

Schöning, Susanne

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Der Holzschnitt, eines der ältesten grafischen Verfahren,
erfreute sich bei Künstlern immer wieder großer Beliebtheit.


Der Holzschnitt, dessen Vorläufer im Mittelalter der Zeugdruck, also das Bedrucken von Textilgewebe war, gehört zu den ältesten grafischen Verfahren. Vor allem zwei Umständen verdankt er seine Entstehung: Zum einen wurde in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts die Papierfabrikation in Europa eingeführt, und zum anderen wuchs mit dem Aufkommen der Privatandacht der Bedarf an Abbildungen von Heiligen und deren Lebensgeschichte oder Vita. Bei den ersten Holzschnitten handelte es sich um Einzelblätter, so genannte Einblattholzschnitte, von denen heute beinahe 3 400 erhalten beziehungsweise bekannt sind. Kolorierte Einblattholzschnitte wurden im ausgehenden Mittelalter von fahrenden Händlern auf Jahrmärkten verkauft. Gedruckt wurde nur der schwarzweiße Holzschnitt, die weißen Flächen wurden mit dem Pinsel mit transparenten Wasserfarben ausgefüllt, die die gedruckten Linien nicht überdeckten.
Sie dienten als Flugblätter und auch als Streitschriften in Bildform. Daneben hatten sie durch religiöse Themen eine mahnende oder erzieherische Funktion, indem sie dem einfachen Volk den Schutz der Heiligen suggerieren und so seinen Glauben vertiefen sollten. Die Erhaltung der noch existierenden Drucke ist meist Zufällen zu verdanken; zum Beispiel, dass sie in sparsamen Klöstern als Vorsatzpapiere in Bücher eingeklebt wurden, wo man sie dann vier bis fünf Jahrhunderte später wieder entdeckte.
Bei den frühesten Exemplaren wurde der Text nach dem Druck mit der Hand eingefügt. Später schnitt man den Text zusammen mit dem Bild in den Holzstock hinein, und die Einblattholzschnitte wurden nach dem Druck zu „Blockbüchern“ zusammengebunden. Etwa dreißig solcher Blockbücher in mehr als hundert verschiedenen Ausgaben sind heute bekannt. Die ersten entstanden um 1420; da jedoch der 1455 von Johannes Gutenberg in Mainz erfundene Druck mit beweglichen Lettern diesem Verfahren weit überlegen war, geht ihre Geschichte schon 40 bis 50 Jahre später bereits wieder zu Ende.
Von den frühesten Holzschnittzeichnern kennt man keine Namen. Die ersten bekannten Künstler nahmen sich in den 80er-Jahren des 15. Jahrhunderts des Holzschnitts an: zuerst Michael Wolgemut (1434–1519), und dann vor allem dessen Schüler Albrecht Dürer, dessen „Apokalypse“ einen Höhepunkt in der Entwicklung dieser Handwerkskunst darstellt.
Um 1510 entstanden die ersten Farbholzschnitte. Bis dahin war die Druckgrafik in erster Linie eine Schwarzweißkunst. Der echte Farbdruck erfordert, dass jede Farbe ihre eigene Druckplatte erhält, auf der jeweils nur das dargestellt ist, was in der betreffenden Farbe erscheinen soll. Nach Herstellung des ersten Druckstocks bleibt daher nur ein geringer Spielraum für künstlerischen Einfallsreichtum, und der Zwang zur Wiederholung und Einpassung der Formen ist entsprechend groß.
Die ersten Versuche im Zusammendruck verschieden gefärbter Platten unternahmen 1486 der Augsburger Drucker Erhard Radtold und vier Jahre später J. Hammann mit Holzschnitten in drei Farben. Allerdings scheint der Aufwand in keinem Verhältnis zum Erfolg gestanden zu haben, denn sie setzten ihre Bemühungen um diese Technik nicht fort. Möglicherweise ist es dem Einfluss der reinen schwarzweißen Grafik Dürers zuzuschreiben, dass die Beschäftigung mit Farbdrucken in Deutschland damals nicht weiterverfolgt wurde, während sie in Italien eine Blüte erfuhr.
Im Laufe des 16. Jahrhunderts trat dann der Holzschnitt zugunsten des Kupferstichs allmählich in den Hintergrund, um erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen neuen Höhepunkt zu erleben, nachhaltig beeinflusst durch den japanischen Farbholzschnitt.
In Europa versuchten Künstler dem Holz- beziehungsweise Farbholzschnitt die Größe und Ausdruckskraft der Frühzeit wiederzugeben. Für die Expressionisten wurde er sogar zum wichtigsten Ausdrucksmittel. Auch heute hat der Holzschnitt noch nichts von seinem Charme eingebüßt. Dr. Susanne Schöning


Hinweis auf den Holzschnitt-Kalender: Im Dezember erschien der neue Holzschnittkalender der Werkstatt am Küppel. Der Künstlerkalender besteht in diesem Jahr erstmalig aus 13 Farbholzschnitten. Er ist als Dauerkalender mit Platz für Einträge konzipiert. Da die auf 520 Exemplare limitierte Auflage erfahrungsgemäß schnell vergriffen ist, empfiehlt es sich, mit der Bestellung nicht allzu lange zu warten. Dauerkalender „Aus Hof und Garten“, mit Blumen, Tieren und Früchten, Original Farbholzschnitte (Zwei- und Drei-Farbdrucke) in limitierter und nummerierter Auflage, Anzahl: 520 Stück, Ringbindung, Größe 34,5 cm x 23,5 cm, Kosten: 23 A zuzüglich 3 A Versandkosten. Bezug: Anne Schöning, Werkstatt am Küppel, Sparbrod 9, 36129 Gersfeld/Rhön, Telefon: 0 66 54/79 99.
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