ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2002Frankreich: Praktische Ärzte streiken

AKTUELL

Frankreich: Praktische Ärzte streiken

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Reden aneinander vorbei: Sozialministerin Elisabeth Guigou hat bislang kein offenes Ohr für die Belange der Ärzte. Foto: afp
Reden aneinander vorbei: Sozialministerin Elisabeth Guigou hat bislang kein offenes Ohr für die Belange der Ärzte. Foto: afp
Verhandlungen mit der Regierung um höhere Honorare festgefahren
Überforderte Notärzte, überlastete Krankenhäuser und stundenlange Wartezeiten für die Patienten: Während der Feiertage haben in Frankreich 80 Prozent der 55 000 Praktischen Ärzte gestreikt, um höhere Honorare durchzusetzen. Besonders problematisch waren die zwei langen Wochenenden über Weihnachten und Neujahr. Obwohl rund 5 000 Praktische Ärzte behördlich zum Bereitschaftsdienst aufgefordert worden waren, blieb vielen Patienten nichts anderes übrig, als die öffentlichen Notdienste oder Krankenhäuser aufzusuchen, wo sie Wartezeiten von zwei bis vier Stunden auf sich nehmen mussten. In den meisten Regionen meldeten die Not- und Rettungsdienste zwei- bis dreimal mehr Anrufe als üblich. Um eine völlige Überlastung der Notdienste zu vermeiden, hatten die ärztlichen Leiter vieler Notdienste bereits an den Weihnachtstagen über Presse und Fernsehen an die Bevölkerung appelliert, sich nur im akuten Notfall an sie zu wenden.
Mit ihrem Streik wollen die Praktischen Ärzte eine Erhöhung ihres Konsultationshonorars von 17 auf 20 A sowie der Hausbesuchspauschale von 20 auf 30 A durchsetzen. Mitte November waren sie deswegen bereits in einen „Nachtstreik“ getreten und hatten die Patientenversorgung zwischen 20 und 8 Uhr eingestellt. Die Ärzteverbände sehen in ihrer Streikaktion das einzige Mittel, mittelfristig eine qualitativ hochwertige und flächendeckende Gesundheitsversorgung aufrechtzuerhalten. Denn aufgrund der niedrigen Honorare und der schlechten Arbeitsbedingungen sinke die Zahl der Praktischen Ärzte seit Jahren. Die Verbände wiesen zudem darauf hin, dass die Krankenversicherung seit zwei Jahren wieder schwarze Zahlen schreibe und daher ihre Honorarforderungen erfüllen könne, die mit rund einer Milliarde A jährlich zu Buche schlagen würde.
Nachdem Sozialministerin Elisabeth Guigou am 6. Januar die Forderungen der Ärzte als unrealistisch zurückgewiesen hat, haben die ärztlichen Verbände ihre Kollegen aufgerufen, am 23. Januar, dem „Tag ohne Ärzte“, ihre Praxen geschlossen zu halten. Auch die Nacht- und Wochenendstreiks werden fortgeführt. Angesichts der festgefahrenen Verhandlungen haben die Ärzte in einigen Departements den Druck auf die Regierung verstärkt und ihre Honorare eigenmächtig angehoben – ein illegales Vorgehen, weil die Patienten die Differenz aus eigener Tasche zahlen müssen. Inzwischen haben Politiker, darunter auch Sozialisten, die Regierung zu weiteren Verhandlungen aufgefordert.
Anzeige

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote