ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2002Terror und Gegenschläge: Anti-Terror-Krieg bei Ärzten umstritten

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Terror und Gegenschläge: Anti-Terror-Krieg bei Ärzten umstritten

Rabbata, Samir

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LNSLNS Eine Reihe von Zuschriften zu dem Beitrag von Dr. med. Horst Hoffmann über den Anti-Terror-Krieg in Afghanistan zeigt, dass dieses Thema auch von Ärzten kontrovers diskutiert wird.

Das Wort des Jahres 2001 ist ein Datum: der 11. September. Wie kaum ein anderer Tag steht jener Dienstag im September für Terror, Tod und Trauer. Ein weniger prominentes, dafür in seiner Bewertung umso umstritteneres Datum ist der 7. Oktober, der Beginn des Anti-Terror-Krieges der USA und ihrer Verbündeten in Afghanistan. Kann man den internationalen Terrorismus mit militärischer Gewalt bezwingen, und ist es legitim, dafür unter Umständen Tausende unschuldiger Opfer in Kauf zu nehmen? Fragen, die nicht nur in der Politik, sondern auch in weiten Teilen unserer Gesellschaft diskutiert werden. In seinem Artikel „Ohne Ursachenforschung keine Konfliktlösung“ im Deutschen Ärzteblatt (Heft 46/2001) ging Dr. med. Horst Hoffmann diesen Fragen nach. Der Kinderarzt aus Kiel löste damit zahlreiche Zuschriften an die Redaktion aus, die verdeutlichen, dass der Anti-Terror-Krieg der USA und seine Ursachen und Folgen auch innerhalb der Ärzteschaft unterschiedlich bewertet werden. Hoffmanns kritische Sicht westlicher Außenpolitik, insbesondere seine Warnung, Völker mit anderen Entwicklungsstufen „unter dem Gesichtspunkt globaler strategischer Machterhaltung zu missbrauchen“, wurde von der Mehrzahl der Leserbriefschreiber geteilt. Andere warfen ihm „Antiamerikanismus“ vor und forderten mehr Dankbarkeit für den Einsatz der USA gegen den Terrorismus.
Dr. med. Bertheide Nickls, Weiden, teilt Hoffmanns Ansicht. Nickls schreibt, dass es der Ärzteschaft in einer Zeit, in der „die ganze Republik auf Stromlinienform getrimmt wird“, gut anstehe, „ihre ureigensten Anliegen, nämlich die Humanität und die Prophylaxe, deutlich zu vertreten und über geeignete Maßnahmen zur Überwindung des Terrors nachzudenken. Nach jahrelangem untätigen Zusehen, dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, Bomben zu werfen, ist die denkbar schlechteste Lösung.“ Die Psychiaterin wird mit den Folgen des 11. September auch in ihrer ärztlichen Tätigkeit konfrontiert. „Ich erlebe es fast täglich in meiner Praxis, dass Patienten als Folge der Terroranschläge vom 11. September und der darauf folgenden Militäraktionen in Afghanistan zutiefst verunsichert sind.“ Bei Gesprächen mit ihnen werde deutlich, dass sie ein tiefes Gespür für die eigentlichen Konfliktursachen haben.
Medienberichte oftmals zu einseitig
In weiteren Zuschriften wird darüber geklagt, dass die Medien unausgewogen informieren. „Der Konflikt zwischen den USA und der muslimischen Welt wird in der Presse gern so dargestellt, als ob es sich um eine Auseinandersetzung zwischen einer aufgeklärten rational denkenden fortschrittlichen und einer religiös rückschrittlich denkenden Welt handelt“, beklagt Dr. med. Thomas Gabbert, Berlin. Diesen Eindruck vermittelten die Medien, indem sie Kritik an den Entscheidungen der Politik unterdrückten. Dass bei den militärischen Gegenschlägen unschuldige Menschen zu Schaden kommen oder ihr Leben lassen müssen, werde von der Politik als bedauerlicher, aber unvermeidbarer Umstand betrachtet. „Wer hier mit humanistischen Kategorien gegenargumentiert, wird als weltfremder Spinner abgekanzelt.“ Es sei deshalb zu begrüßen, dass im Deutschen Ärzteblatt eine „unabhängige und kritische Stimme zu Wort kommen“ konnte, schreibt Gabbert. Auch Dr. med. Susanne Ley, Köln, macht in den Medien eine eher kriegsbefürwortende Meinung aus. Es sei deshalb wichtig, dass sich gerade aus den Reihen der Ärzte kritische Stimmen äußerten. Ley weist darauf hin, dass der Arzt nach der hippokratischen Ethik für das Wohl und die Würde des Patienten einstehen müsse. Es sei deshalb auch Aufgabe der Ärzte, sich für die Wahrung der Menschenrechte, nicht nur bei uns, sondern überall auf der Welt einzusetzen.
Für Dr. med. Gerd Kirn, Villingen-Schwenningen, ist der Beitrag von Hoffmann eine Bestätigung seiner eigenen Erfahrungen in Entwicklungsländern. Der Artikel „war Balsam für die Seele eines Arztes, der erst kürzlich aus der Entwicklungshilfe zurück nach Deutschland kam und die doppelbödige westliche Moral vor Ort täglich erleben konnte“. Nach Einschätzung Kirns müsse man sich fragen, ob Armutsbekämpfung, eine Entschuldung der ärmsten Länder und eine effektive Entwicklungshilfe der beste Schutz vor Terroranschlägen seien. In die gleiche Richtung geht auch die Argumentation von Dr. med. Frank Nebbe, Mittelbiberach, der falsche Prioritäten in der Anti-Terror-Politik ausmacht. „Es mutet doch seltsam an, dass innerhalb weniger Wochen eine gigantische Militärmaschinerie mobilisiert werden konnte, um Terroristen zu jagen, dagegen Hilfslieferungen angeblich nicht in ausreichender Zahl organisiert werden können. Bedenklich war auch die Erhöhung des US-Verteidigungsetats um 35 Milliarden US-Dollar, während weltweit noch für die Opfer und Hinterbliebenen der Terroranschläge gesammelt wurde“, so Nebbe.
Besonders wichtig findet Dr. med. Wieland Walther, Kirchzarten, den Hinweis auf die täglich weltweit etwa 24 000 Hungertoten. Die aus extremer Armut herrührende Verzweiflung rechtfertige nicht die Terroranschläge vom 11. September, müsse aber bei der Analyse der Ursachen miteinbezogen werden. Wieland schreibt: „Dass die USA wie aber auch wir eine selbstkritische Neubesinnung nötig haben, ist wohl jedem denkenden Menschen klar.“ Darauf verwies kürzlich auch der bekannte norwegische Friedensforscher Johann Galtung. Er fügte sinngemäß hinzu, dass wir nur eine Zukunftschance durch eine Umkehr von unserer Luxus- und Spaßgesellschaft zu einer solidarischen Weltgesellschaft hätten. Eine Konsequenz für die Ärzteschaft könnte sein, sich noch mehr als bisher in Solidaritätsgruppen und Menschenrechtsorganisationen zu engagieren, meint Walther.
Wie kaum ein anderer Tag steht der 11. September für Terror, Tod und Trauer. Tausende Menschen sterben in den Trümmern des World Trade Centers.
Wie kaum ein anderer Tag steht der 11. September für Terror, Tod und Trauer. Tausende Menschen sterben in den Trümmern des World Trade Centers.
Warum ist die Welt nicht besser geworden?
Dr. med. Abdul Maroof, ein in Gronau bei Münster tätiger Arzt kurdischer Herkunft aus dem Irak, ist überzeugt, dass den aggressiven und destruktiven Fantasien von Menschen keine Grenzen gesetzt seien. Maroof berichtet, dass ihm beim Anblick des brennenden World Trade Centers weitere „apokalyptische Bilder unserer Zeitgeschichte“ in den Sinn kamen: der Völkermord in Ruanda, die hunderttausenden Opfer des Pol-Pot-Regimes in Kambodscha oder die vielen Toten und schwer verletzten Kurden infolge des Giftgasbombardements der nordirakischen Stadt Halabadja. „Warum ist die Welt nach all diesen Tragödien nicht besser geworden?“ fragt Maroof. Es mache wenig Sinn, Terroranschläge einfach damit zu erklären, dass es sich um die Taten einer Hand voll persönlichkeitsgestörter Menschen handele. Vielmehr müsse man konsequent an die Wurzeln der Probleme gehen, das Nord-Süd-Gefälle überwinden und Waffenverkäufe an diktatorische Regime unterbinden. Nur so könne Extremisten und Fanatikern der Nährboden entzogen werden. Dazu müsse sich der Westen aber fragen lassen, ob sich die so genannte freie Welt von den historischen und gegenwärtigen Problemen in Asien, Afrika und Lateinamerika freisprechen könne. Ähnlich argumentiert Dr. med. Brigitte Hornstein, Münster. Die Ärztin kritisiert die mangelnde Rücksicht des Westens auf die Interessen anderer Kulturen. „Solange der Westen, und hier voran die USA, nicht ablässt, seine Version der Dinge als Maßstab für alles in der Welt zu nehmen und anderen Kulturen nicht zutraut, eigene Lösungswege für Probleme zu finden, wird sich am Hass auf den Westen nichts ändern.“ Im Grunde wüssten wir erschreckend wenig über andere Länder und deren Sitten. Dies zu ändern sei Aufgabe der Medien, der Schulen, aber auch der Ärzte. Wegen ihres hohen Ansehens in der Bevölkerung habe das Verhalten der Ärzte Signalwirkung auch auf andere, so Hornstein.
Der Anti-Terror-Krieg der USA und ihrer Verbündeten trifft auch Unschuldige und wird deshalb in Politik und Gesellschaft kontrovers diskutiert. Fotos: dpa
Der Anti-Terror-Krieg der USA und ihrer Verbündeten trifft auch Unschuldige und wird deshalb in Politik und Gesellschaft kontrovers diskutiert. Fotos: dpa
Ganz anders die Einschätzung von Dr. med. Rolf Klimm, Bad Endorf. Für den Arzt steht fest, dass sich der Kampf Osama bin Ladens und seiner Terrororganisation Al Qaida gegen die USA nicht aus hegemonialen oder kolonialen Verfehlungen des Westens ableiten lasse. Vielmehr sei der Hass gegen die demokratischen Freiheiten des Westens, die nach ihrem Verständnis „des Teufels“ sind, ursächlich für Terroranschläge radikaler Islamisten. Klimm kritisiert auch, dass das humanistische Weltbild des Autors keine Diskussionsgrundlage für den Islam sein könne. „Selbst liberale islamische Intellektuelle betonen immer wieder, dass es demokratische Freiheiten und unteilbare Menschenrechte außerhalb der Korangesetze nicht geben kann.[. . .] Beängstigend ist die geringe Entwicklungsmöglichkeit, die der Islam im Vergleich mit anderen Weltreligionen bietet. Für Säkularisierung ist da kein Spielraum. Selbst eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Koran ist nicht erlaubt“, schreibt Klimm.
Für Dr. med. Uwe Kleen, Bad Windsheim, liegen die Ursachen des internationalen Terrorismus in den unterschiedlichen Lebensbedingungen zwischen dem Westen und den Entwicklungsländern. Den Menschen dort werde unser Lebensstandard durch die Medien immer wieder vor Augen geführt, beklagt Kleen. Gleichwohl müsse man aber dankbar sein, „dass die Amerikaner bereit sind, sich weltweit gegen Terrorismus und für die Menschenrechte zu engagieren, auch wenn sie nicht unmittelbar selbst betroffen sind, wie zum Beispiel im ehemaligen Jugoslawien“. Außerdem sei zu befürchten, dass auch Deutschland Ziel terroristischer Attacken werden könnte. Deshalb sollten wir über die Bereitschaft der Amerikaner, ihre militärische Macht gegen den weltweiten Terrorismus einzusetzen, froh sein.
Entsetzt darüber, dass „nun antiamerikanische Artikel im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht werden“, zeigte sich Jens Freitag, Schwäbisch Gmünd. „Herr Hoffmann reiht in seinem Artikel Anschuldigung an Anschuldigung gegen die USA. Missachtung von Menschenrechten und fremden Kulturen wirft er ihnen vor. Die Taten der Terroristen werden von ihm dagegen relativiert, fast entschuldigt. Er scheint zu vergessen, dass die Terroristen von New York keine entrechteten Flüchtlinge waren, sondern meist aus wohlhabenden Familien stammten und eine gute Ausbildung genossen“, so Freitag.
Bequemer Pfad deutscher Besserwisserei
„Soll man weitere Anschläge mit gekaperten Passagiermaschinen und womöglich mit chemischen und biologischen Waffen ohne militärische Gegenmaßnahmen abwarten, bis der Nahostkonflikt gelöst ist und die Weltwirtschaftsordnung im Sinne ihrer Kritiker geändert worden ist?“ fragt Prof. Dr. med. Detlev von Zerssen, Starnberg. Die Argumentation Hoffmanns laufe darauf hinaus, den Terroristen freie Hand zu lassen, was bedeuten würde, sich von ihnen erpressen zu lassen, warnt von Zerssen. Kritisch auch die Reaktion von Dr. med. Joachim Hellenthal aus München. „Der Verfasser dieses Artikels wandelt mit seiner Meinung auf einem mittlerweile breiten und bequemen Weg deutscher Besserwisserei, die ganz im Gegensatz zu der nachdrücklich geforderten Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Geisteshaltungen steht. [. . .] In dem Rat, Amerika sollte sich an Deutschland ein Beispiel an Vergangenheitsbewältigung nehmen, wird dabei ein ungewöhnlich hoher Gipfel an Überheblichkeit erreicht“, so Hellenthal.
Dr. med. Stelian Balanescu unternimmt einen Versuch, die Motivation der Attentäter aus psychiatrischer Sicht zu beleuchten. Der Arzt verdeutlicht, dass der Terrorakt, wie der Mord oder der Selbstmord, eine Grenzhandlung sei, die man nicht mit einer anderen menschlichen Handlung vergleichen könne. „Jenseits der Motivation muss noch etwas existieren, was Voraussetzung für die Umsetzung der Motivation in die Tat ist. Im Falle des Terrorismus ist dieses ,etwas Andere‘ der Fanatismus, der unverrückbare Glaube an die Richtigkeit seiner Motivation, der die sofortige Umsetzung in die Tat verlangt.“ Die Unverrückbarkeit einer solchen Überzeugung bei dem Fanatiker, die fehlende Durchlässigkeit für die Stimme der Vernunft, erwecke in uns aber das Gefühl der „Anormalität“, der Verrücktheit, dies mache aus dem Fanatiker einen Bruder des psychisch Kranken. Balanescu: „Der Mensch ist ein abgründiges Wesen, haben einmal Nietzsche und Heidegger gesagt. Eben diese Abgründigkeit ist verantwortlich für die Höhen und Tiefen seiner Natur.“ Samir Rabbata
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