ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2002Pharmaindustrie: Sorgen um Standort
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LNSLNS . . . Auch wir haben mit Sorge wahrgenommen, dass scheinbar gesunde Unternehmen von ausländischen Gesellschaften übernommen oder mit ihnen fusioniert wurden. Dies hat in vielen Fällen zu Arbeitsplatzverlusten, aber für die verbliebenen Arbeitsplätze auch mehr Sicherheit durch eine stärkere Stellung am Markt bedeutet. Manche der früheren Unternehmen existieren nicht mehr, weil sie vergessen haben, dass nur mit innovativen Produkten langfristig das Überleben zu sichern ist.
Wir machen uns natürlich Sorgen um den Standort Deutschland. Am 14. und 15. März 2002 findet in München unser Jahreskongress zu eben diesem Thema statt. Die Wahl des Ortes ist nicht zufällig: Hat nicht Bayern für Forschung und Entwicklung politisch Erhebliches getan, ist nicht die Atmosphäre dort innovationsfreundlich, gibt es nicht dort mit mehr als 60 Biotech-Unternehmen allein um München die höchste Dichte an pharmazeutischer Innovation? Der Standort ist also eine Sache der Länder (und einige scheinen diese Lektion vergessen zu haben, zum Beispiel Hamburg), aber auch eine Sache des Bundes. Wir erwarten dort mehrere Verbesserungen:
1. Fiskalisch und wettbewerbsrechtlich Voraussetzungen zu schaffen, dass Konzernzentralen nicht nur in Deutschland bleiben, sondern sich dort bevorzugt ansiedeln, und dass auch Start-ups die notwendige Flexibilität erhalten.
2. Die Universitäten weitgehend über ein neues Hochschulrahmengesetz zu öffnen, sodass eine bessere gegenseitige Kommunikation und kreative Befruchtung zwischen Universität, Klinik und Industrie stattfinden kann.
3. Die die Forschung behindernden Gesetze umgehend zu novellieren, um schon allein damit ein weltoffenes, innovationsförderndes Klima zu erzeugen. Dazu gehört auch die Anti-Korruptionsgesetzgebung, die aufgrund des üblichen „Futterneids“ gefährliche Auswüchse zeitigt.
4. Bei der Umsetzung der EU-Direktive zur klinischen Prüfung alle Vorgänge so zu vereinfachen, dass Deutschland innerhalb der EU einen deutlichen Wettbewerbsvorteil, zumindest aber keinen zusätzlichen Nachteil erhält. Das heißt im Klartext: weg mit den multiplen Ethik-Kommissionen, konsequente Umsetzung der Direktive ohne Hintertürchen für die „Ethik-Branche“. Die Umsetzung muss konkret heißen: Keinen Euro mehr in Deutschland für weitere bürokratische Erschwernisse bei der biomedizinischen Forschung
5. Leistungsbezogene Umsetzung eines neuen Hochschulrahmengesetzes, klare Möglichkeiten für wirtschaftliche Tätigkeit auch für öffentlich-rechtliche Angestellte und Beamte.
Wir wollen aber eines: nicht jammern. Das erweckt im Ausland den Eindruck, auf Deutschland könne man ohnehin nicht zählen.
Ich kenne ein Pharmaunternehmen – und solche Erfolgsbilanzen gibt es nicht nur einmal –, das sich innerhalb von zwei Jahren bezüglich der Patientenzahl aus internationalen Studien innerhalb Europas von Platz sieben auf Platz eins vorgearbeitet hat. Durch harte Arbeit, nicht durch Jammern. Und wir erwarten alle von der Politik, dass sie diese positive Grundhaltung unterstützt.
Dr. med. Michael Herschel, Bundesvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pharmazeutische Medizin, GlaxoWellcome GmbH, Alsterufer 1, 20354 Hamburg
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