ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2002Rauchen: Verwirrend und irreführend
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LNSLNS Der Beitrag von Hans-Joachim Maes enthält eine Reihe von Behauptungen betreffend die Verlässlichkeit von Angaben der Welt­gesund­heits­organi­sation über die Gesundheitsrisiken des Tabakkonsums. Diese Behauptungen sind bewusst verwirrend und irreführend. Bei ihren Aussagen über die Gesundheitsrisiken des Tabakkonsums stützt sich die WHO auf die Ergebnisse jahrzehntelanger epidemiologischer Untersuchungen in verschiedenen Bevölkerungen. Unsicherheiten bezüglich der jeweils genauen Zahl der Rauchertoten pro Jahr sind zwar denkbar, doch das Ausmaß der Epidemie ist ohne jeden Zweifel erwiesen.
Nach WHO-Schätzungen rauchten Anfang der 90er- Jahre weltweit 1,1 bis 1,2 Milliarden Menschen. Diese Zahl dürfte bis ungefähr 2025 auf 1,5 bis 1,6 Milliarden ansteigen. Je nachdem, wie erfolgreich die Maßnahmen zur Bekämpfung des Tabakkonsums in den nächsten 20 Jahren sind, kann sich diese Prognose ändern. Schwankungen dieser Schätzungen um plus/minus 100 Millionen sind angesichts des verfügbaren Datenmaterials keineswegs überraschend.
1990 starben weltweit schätzungsweise drei Millionen Menschen an den Folgen des Tabakkonsums. 1999 war diese Zahl auf ungefähr vier Millionen angestiegen, und sie dürfte laut neuesten Schätzungen für das Jahr 2000 4,2 Millionen betragen. Ausgehend von gegenwärtigen Trends, rechnet die WHO mit etwa 8,5 Millionen Tabaktoten für das Jahr 2020 beziehungsweise mit 10 Millionen für das Jahr 2030.
Die WHO erstellte auch Schätzungen der kumulierten Zahl der Tabaktoten in der Vergangenheit und in der Zukunft. Im 20. Jahrhundert waren ungefähr 100 Millionen Todesfälle auf das Rauchen zurückzuführen, davon allein 60 Millionen in entwickelten Ländern. Die meisten dieser Todesfälle ereigneten sich nach 1950 als Folge des massiven Anstiegs des Tabakkonsums, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunächst unter den Männern, später unter den Frauen zu verzeichnen war. Wenn die gegenwärtige Tendenz anhält, werden 250 Millionen heute lebender Kinder und eine ähnlich hohe Anzahl heute lebender Erwachsener früher oder später an den Folgen des Tabakkonsums sterben. Von allen gegenwärtig lebenden Menschen dürften somit insgesamt 500 Millionen am Rauchen sterben. Die WHO nimmt auch an, dass es im 21. Jahrhundert eine Milliarde Tabaktote geben wird, davon etwa 150 Millionen in den ersten beiden Jahrzehnten. Mitte der 90er-Jahre starben in China ungefähr 750 000 Menschen an den Folgen ihres Tabakkonsums. Es ist davon auszugehen, dass die Zahl der Rauchertoten in China innerhalb von wenigen Jahrzehnten auf drei Millionen pro Jahr ansteigen wird. Von den 0,3 Milliarden chinesischen Männern, die jetzt im Alter von 0 bis 29 Jahren sind, werden 100 Millionen, das heißt ein Drittel, früher oder später an Tabak sterben.
Entgegen der Behauptung des DÄ sind diese Zahlen nicht unzuverlässig, sondern vielmehr erschreckend. Den Unterschied zwischen der geschätzten Zahl der Rauchertoten pro Jahr und dem Gesamttotal der zu erwartenden zukünftigen Sterbeziffern scheint H.-J. Maes schlicht nicht zu verstehen. Beide Zahlen sind ungemein hoch und vollkommen vermeidbar. Der Verfasser scheint auch ein ziemlich getrübtes Verständnis vom Begriff der Lebenserwartung zu haben. Dass das durchschnittliche Todesalter von chinesischen Männern 68,1 Jahre beträgt (oder betrug), heißt noch lange nicht, dass dort überhaupt niemand 70 Jahre alt wird, wie H.-J. Maes anzunehmen scheint. Ein Durchschnitt von 68,1 Jahren bedeutet per definitionem, dass die Hälfte aller chinesischen Männer über 68,1 Jahre alt wird.
Breit angelegte Studien über die zukünftige Entwicklung in den Industrieländern bestätigen, dass die Hälfte aller Raucher letzten Endes – sei es im mittleren oder im höheren Lebensalter – durch Tabak umkommen wird. Neueste, beängstigende Ergebnisse aus China und Indien, die zusammen die Hälfte der Bevölkerung in den Entwicklungsländern ausmachen, lassen dort auf eine ähnliche Entwicklung schließen: Aufgrund der Verlängerung der Dauer des Konsums dürften dort mit der Zeit nicht mehr über ein Drittel, sondern die Hälfte
aller Raucher an Tabak sterben.
Dr. Vera da Costa e Silva, Dr. Allan Lopez, World Health Organization,
CH-1211 Genf
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