ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2002Leukämie-Therapie: Neues Wirkprinzip mit Enzymblockade

VARIA: Wirtschaft - Aus Unternehmen

Leukämie-Therapie: Neues Wirkprinzip mit Enzymblockade

Dtsch Arztebl 2002; 99(3): A-138 / B-118 / C-114

Leinmüller, Renate

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Mit einem spezifischen Hemmstoff, der den definierten Änderungen im Erbgut, dem Philadelphia-Chromosom, Rechnung trägt, sind bei allen Formen der chronisch myeloischen Leukämie (CML) hohe Responseraten sowohl hinsichtlich zytogenetischer als auch hämatologischer Remissionen zu erzielen. Für die Patienten bedeutet dies eine Alternative oder – in Kombination – eine zusätzliche Option zu den bisherigen Therapieformen.
Bei einem Symposium der Firma Novartis während der Jahrestagung der Deutschen und Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie in Mannheim erläuterte Dr. Andreas Hochhaus (Mannheim) das Wirkprinzip: Die Substanz STI571 (Glivec®) blockiert kompetitiv die ATP-Bindungsstelle der aktivierten Tyrosinkinase bcr-abl; ein Enzym, das bei 95 Prozent der Patienten mit CML infolge der zytogenetischen Aberration gebildet wird und für die maligne Transformation essenziell ist.
Gut verträglicher neuer Wirkstoff
Der Hemmstoff blockiere zwar auch einige andere Tyrosinkinasen, so Prof. Dietger Niederwieser (Leipzig), die Mehrheit werde jedoch nicht inhibiert. Resistenzen sind möglich, etwa durch Mutationen im Kinasegen oder bei Genamplifizierung, hier wird eine Kombinationstherapie mit Interferon versucht.
Seit 1998 wurden mehrere Tausend CML-Patienten mit dem oralen Medikament behandelt. In klinischen Studien hat sich bei Patienten in der chronischen Phase bereits nach drei Monaten eine Majorremission in der zytogenetischen Antwort gezeigt; 91 Prozent der Patienten sind über ein Jahr progressionsfrei. In der akzelerierten Phase scheint die zytogenetische Antwort nach drei Monaten prognostische Aussagekraft zu besitzen: Alle Patienten, die sich dann in einer Majorremission befanden, sind nach 1,1 Jahren noch am Leben. Die Reaktion könnte deshalb ein Entscheidungskriterium für oder gegen eine Stammzelltransplantation sein.
Bei Patienten in der Blastenkrise liegt der Median für die hämatologische Remission bei 8,3 Monaten; 65 Prozent der Patienten sind nach sechs Monaten progressionsfrei. Die Verträglichkeit bezeichnete Hochhaus als gut, Nebenwirkungen nichthämatologischer Art (Übelkeit, Flüssigkeitsretention, Mus-kelkrämpfe, Diarrhö, Dermatitis) sind meist leicht; bei den hämatotoxischen Nebenwirkungen wurde eine Granulozytopathie und/oder Thrombopenie beobachtet. Die Substanz soll für Interferon-resistente Patienten in der chronischen Phase und für akzelerierte Stadien mit Blastenkrisen zugelassen werden.
Die neue Wirksubstanz zeigte auch bei Patienten mit fortgeschrittener Philadelphia-Chromosom-positiver akuter lymphatischer Leukämie (ALL) eine niedrige Grad-III/IV-Toxizität bei guter klinischer Wirkung, wie Prof. Oliver Ortmann (Frankfurt/Main) darlegte. Bei Patienten mit Rezidiv wurde eine hohe initiale Ansprechrate dokumentiert, eine Monotherapie sei allerdings nicht ausreichend; eine Kombination mit Chemotherapie oder der Immunsuppression nach Stammzelltransplantation ist möglich. STI571 müsse frühzeitig eingesetzt und Resistenzen müssten beachtet werden.
Sowohl bei CML- als auch Philadelphia-Chromosom-positiven ALL-Patienten mit Stammzelltransplantation induzierte der neue Wirkstoff auch bei Patienten ohne Nachweis der Spenderhämatopoese deren Rekonstitution ohne ungewöhnliche Nebenwirkungen, sagte Dr. Thomas Fischer (Mainz).
Zusätzlich scheint STI571 auch bei anderen Krebsarten mit Mutationen im Erbgut wirksam, bei denen pathogenetisch eine Tyrosinkinase involviert ist – etwa bei gastrointestinalen Stromatumoren (GIST). Diese Malignome sind meist schon bei Diagnosestellung metastasiert und äußerst chemoresistent. Bei Gabe von 400 oder 600 mg/ die STI571 hat Prof. Heikki Joensuu (Hus) in Finnland bei bisher 86 Patienten in 59 Prozent eine partielle und 26 Prozent eine stabile Remission beobachtet, 13 Prozent waren progressiv. Der Referent stufte die neue Substanz deshalb als ersten effektiven systemischen Ansatz bei diesen Tumoren ein und prognostiziert für die Zukunft den Einsatz als adjuvante Behandlung nach Chemotherapie.
Offene Fragen sind neben dem Langzeit-Überleben und der langfristigen Toxizität noch der Einsatz bei anderen Tumoren, die durch Tyrosinkinasen „getrieben“ werden. Denkbar sind hier Keimzelltumoren, Basalzellkarzinome der Haut und auch das kleinzellige Bronchialkarzinom. Dr. Renate Leinmüller
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema