ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2002Stammzellforschung: Durch- oder Dammbruch

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Stammzellforschung: Durch- oder Dammbruch

Dtsch Arztebl 2002; 99(4): A-149 / B-125 / C-121

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Nächste Woche, am 30. Januar, will der Deutsche Bundestag darüber entscheiden, ob embryonale Stammzellen nach Deutschland importiert werden dürfen. Er will damit eine Frage klären, die das deutsche Embryonenschutzgesetz offen gelassen hat – ob bewusst oder unbewusst, darüber streiten die Gelehrten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft steht bereits am Drücker, um grünes Licht für Forschungen an embryonalen Stammzellen zu geben.
Im Vorfeld der Bundestagsentscheidung hat es gegensätzliche gutachterliche Stellungnahmen gegeben. Die Enquete-Kommission des Bundestages plädierte für ein Verbot des Imports, ließ aber vorsorglich Alternativen erkennen. Der Nationale Ethikrat des Bundeskanzlers sprach sich für den Import aus, und die Zentrale Ethikkommission bei der Bundes­ärzte­kammer kam fast zeitgleich zum gleichen Ergebnis.
Eine Äußerung der Bundes­ärzte­kammer selbst steht aus, wenn man von einer zurückhaltenden Entschließung des Deutschen Ärztetages aus dem vergangenen Jahr einmal absieht. Der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer hatte sich noch am 17. Januar von Wissenschaftlern über den Stand der Erkenntnisse informieren lassen, eine eigene Entscheidung jedoch hintangestellt.
In den Bundestagsfraktionen und innerhalb der Bundesregierung sind die Auffassungen nach wie vor geteilt. Es bleibt also spannend, mit welcher Mehrheit der Bundestag abstimmen wird. Die Hoffnung der Befürworter der embryonalen Stammzellforschung geht dahin, dass die Abgeordneten durch die langwierige öffentliche Diskussion weich gekocht sind, wenn sie nicht ohnehin der Freiheit der Forschung, dem Wissenschaftsstandort Deutschland und den Hoffnungen auf Heilung den Vorzug vor ethischen Überzeugungen geben.
Eine positive Entscheidung des Bundestages würde von den einschlägigen Forschern gewiss als Durchbruch gewertet. Die Gegner befürchten eher einen Dammbruch. Ob Durchbruch oder Dammbruch, eine Zustimmung des Bundestages zum Import embryonaler Stammzellen wäre nur ein erster Schritt. Denn es würde nicht beim Import bleiben, sondern in der Logik der Entscheidung läge es, embryonale Stammzellen auch in Deutschland zu erzeugen und schließlich, Forschung siegt, auch weitergehende Forschungen, so sie nur mit genügenden Heilsversprechungen verbunden sind, in die Wege zu leiten.
Wenn der Bundestag das nicht will, dann müsste er ein klares Wort sprechen und sich auf die Linie des Embryonenschutzgesetzes begeben. Norbert Jachertz
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