ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2002Präimplantationsdiagnostik: Eine neue Dimension der Debatte

POLITIK

Präimplantationsdiagnostik: Eine neue Dimension der Debatte

Dtsch Arztebl 2002; 99(4): A-158 / B-132 / C-128

Thomas, Kurt

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Bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) werden außerhalb des Mutterleibes befruchtete Eizellen (hier: Intra-Cytoplasmatische Spermien- Injektion) genetisch untersucht. PID durfte in Großbritannien bisher nur zum Ausschluss schwerer genetischer Krankheiten angewandt werden. Foto: dpa
Bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) werden außerhalb des Mutterleibes befruchtete Eizellen (hier: Intra-Cytoplasmatische Spermien- Injektion) genetisch untersucht. PID durfte in Großbritannien bisher nur zum Ausschluss schwerer genetischer Krankheiten angewandt werden. Foto: dpa
In Großbritannien kann nach einem Votum der Aufsichtsbehörde PID künftig auch zur Schaffung von genetisch
geeigneten Blut- oder Gewebespendern benutzt werden.

Britische Ärzte reagieren mit gemischten Gefühlen auf die jetzt von der zuständigen Aufsichtsbehörde genehmigte Ausweitung der Anwendungsmöglichkeiten der Präimplantationsdiagnostik (PID). Eltern wird erstmals erlaubt, mittels PID einen Blut- oder Gewebespender für ein bereits geborenes, krankes Kind zu erzeugen. Die britischen Entwicklungen könnten nach Meinung von Medizinethikern europaweite Signalwirkung haben.
Bislang durfte PID, bei der außerhalb des Mutterleibes befruchtete Eizellen genetisch untersucht und erst bei einer Eignung in den Mutterleib implantiert werden, nur zum Ausschluss schwerer genetisch bedingter Krankheiten angewandt werden. Vor kurzem votierte die britische Aufsichtsbehörde Human Fertilization and Embryology Authority (HFEA) für eine Ausweitung der PID-Indikationen. Diese Entscheidung ist nach Ansicht von Kritikern nicht zuletzt deshalb so bedeutsam, weil es sich dabei um einen Grundsatzbeschluss handelt. PID ist nicht länger nur auf die Verhinderung genetisch bedingter Krankheiten beschränkt, sondern kann künftig grundsätzlich auch zur Schaffung von genetisch geeigneten Blut- oder Gewebespendern benutzt werden. Damit geht Großbritannien weiter als die meisten anderen europäischen Länder.
Bevor Eltern zwischen London und Liverpool genetisch passende Embryonen selektieren können, legt ihnen die HFEA Steine in den Weg. In Großbritannien ist die PID auch künftig nur unter dem Vorbehalt erlaubt, dass sie zunächst in jedem Einzelfall von einem HFEA-Unterkomitee genehmigt wird. Damit unterscheiden sich die britischen Spielregeln sowohl von denen in den USA als auch von denen in Belgien.
Das HFEA-Unterkomitee hat bislang vier Fachkrankenhäuser lizenziert, Anträge auf Durchführung der PID zu stellen. Erfahrungen aus den vergangenen Jahren haben gezeigt, dass die Erlaubnis schwer zu erlangen ist. Bislang lassen sich die erteilten Genehmigungen jedenfalls in wenigen Dutzend messen. Allerdings geht die HFEA-Leitung davon aus, dass sich die Zahl der Genehmigungen in den nächsten Jahren „vervielfachen“ werde. Das rief Kritiker auf den Plan, die die weitere Ausweitung der PID als einen „gefährlichen Schritt“ bezeichnen. Die PID mache die Selektion zur Regel.
PID darf in Großbritannien außer in den jetzt neu genehmigten Fällen lediglich zur Verhütung schwerster Erbkrankheiten vorgenommen werden. Es obliegt dem jeweiligen Unterkomitee, im Einzelfall und unter Berücksichtigung der familiären Situation zu klären, ob eine solche Krankheit vorliegt. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass sich die Entscheider in der Regel an Krankheiten und Behinderungen orientieren, die auch einen Schwangerschaftsabbruch ermöglichen.
Die Ausweitung der PID-Indikationen geht auf den Fall einer Familie aus Nottingham (Mittel-England) zurück. Die betroffene Familie hat bereits ein an Betathalassämie leidendes Kind und will versuchen, ein als Blut- oder Gewebespender geeignetes zweites Kind, das nicht an dieser Krankheit leidet, zu zeugen. Betathalassämie kann seit 1999 auch mithilfe der PID festgestellt werden. Mittlerweile zeigte sich, dass die Transplantation von Nabelschnurblut, in dem Stammzellen enthalten sind, gute Behandlungsergebnisse zeigt.
In den USA gibt es bereits ein Beispiel, das zeigt, wohin PID führen kann. Der mithilfe der Präimplantationsdiagnostik gezeugte Adam Nash versorgte seine vier Jahre ältere und an Fanconi-Anämie leidende Schwester Molly mit Stammzellen aus dem Nabelschnurblut. Adam war ohne Genehmigung einer staatlichen Behörde gezeugt und ausgewählt worden. Nachdem der Fall bekannt wurde, entbrannte eine Kontroverse über die ethische Zulässigkeit dieses Vorgehens.
Diese Debatte hat inzwischen durch die Ausweitung der PID-Indikationen in Großbritannien eine neue Dimension erhalten. Beobachter weisen darauf hin, dass der Beschluss der HFEA die PID plötzlich in den Rang einer gesellschaftlich anerkannten Therapiemethode erhoben habe. Sowohl innerhalb der britischen Ärzteschaft als auch in der breiten Öffentlichkeit gibt es allerdings Gegner dieser Entwicklung.
Kurt Thomas
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