ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2002Berliner Hochschulpolitik: Uniklinik kämpft gegen Schließung Fakultät der Freien Universität Berlin schließen

POLITIK

Berliner Hochschulpolitik: Uniklinik kämpft gegen Schließung Fakultät der Freien Universität Berlin schließen

Dtsch Arztebl 2002; 99(4): A-159 / B-133 / C-129

Richter, Eva A.

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FU-Beschäftigte demonstrieren gegen die Schließung des Klinikums. Foto: ddp
FU-Beschäftigte demonstrieren gegen die Schließung des Klinikums. Foto: ddp
Die neue SPD-PDS-Koalition will die Medizinische

A m Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF) der Freien Universität Berlin (FU) hängen Plakate und Spruchbänder: „Wir lassen uns nicht fressen“ oder „Rot Rot macht das Klinikum tot“. Das UKBF kämpft gegen seine Schließung. Etwa 4 000 Beschäftigte des Klinikums schoben am 11. Januar in einem zweistündigen Sternmarsch Krankenhausbetten durch Berlin bis zum Kongresszentrum ICC. Dort fand der Parteitag der Berliner SPD statt, auf dem die Delegierten den Koalitionsvertrag mit der PDS absegneten. Dieser sieht die Schließung des UKBF und dessen Umwandlung in ein städtisches Versorgungskrankenhaus vor. Universitäre Forschung und Lehre in der Medizin sollen sich in Berlin künftig auf die Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität (Charite´) beschränken.
Der neue rot-rote Berliner Senat will durch diese Maßnahme jährlich bis
zu 95 Millionen A an Zuschüssen für Forschung und Lehre sowie etwa 200 Millionen A an Sanierungskosten sparen. Der Dekan der Medizinischen Fakultät der FU, Prof. Dr. med. Martin Paul, hält dies für eine „Milchmädchenrechnung“. „Die Folgekosten werden die vermeintliche Sparsumme übersteigen“, prophezeit er. Denn um das Klinikum als Versorgungskrankenhaus zu erhalten, wäre ebenfalls eine Sanierung nötig, die dann jedoch nicht mehr vom Bund unterstützt würde. Das Land Berlin müsste sogar im Rahmen des Hochschulvertrages Bundeszuschüsse zurückzahlen. Neben dem Wegfall von bis zu 5 000 Arbeitsplätzen würden nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung der Region Berlin ferner jährlich etwa 200 Millionen A an Aufträgen und Investitionen entzogen. „Für die geplante Schließung der FU-Medizin gibt es keine ersichtlichen Gründe“, erklärt Paul. Dies habe bedauerlicherweise in der Stadt bereits zu Gerüchten geführt, die PDS wolle absichtlich das 1968 mit US-amerikanischer Unterstützung aufgebaute Klinikum im Westteil der Stadt abwickeln, das in Forschung und Lehre jetzt bundesweit Spitzenpositionen einnehme.
Die FU, die bei US-Studenten beliebteste Universität, bildet derzeit etwa
4 000 Medizinstudenten aus; die Studienplatzkosten bleiben dabei unter dem Bundesdurchschnitt. Jeder Professor des Klinikums wirbt jährlich etwa 310 000 A an Drittmitteln ein – etwa doppelt soviel wie der bundesweite Durchschnitt. Diese Mittel (jährlich etwa 25 Millionen A) seien personengebunden und nicht so einfach an die Charite´ zu verlagern, betont Paul. Einige Wissenschaftler hätten zudem angekündigt, im Fall einer Schließung des Klinikums die Stadt zu verlassen. „Die Chance Berlins, neben München und Heidelberg einer der wichtigsten Medizinstandorte zu bleiben, wäre dann vertan“, befürchtet der Dekan. Die wirtschaftliche Zukunft Berlins hänge hauptsächlich von Kultur und Wissenschaft ab. „Diese platt zu machen, wäre das falsche Signal einer Stadt, die sparen muss.“
Seit einigen Jahren bestehen – besonders auf dem Gebiet der Biomedizin – intensive Kooperationen zwischen dem UKBF, der Charite´, dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin Berlin Buch, dem Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik in Berlin-Dahlem und Biotechfirmen. Die Institute haben sich mit dem UKBF solidarisiert, denn auch sie wären von der Schließung betroffen. Auch der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Prof. Dr. med. Karl Max Einhäupl, wandte sich öffentlich gegen die Schließung. Besonders im Bereich der klinischen Forschung habe sich das Klinikum gegen eine starke Konkurrenz durchgesetzt, erklärt Prof. Dr. med. Rudolf Tauber, Prodekan für Forschung am UKBF. Zwei Klinische Forschergruppen werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert, zudem zwei Sonderforschungsbereiche sowie weitere Forschergruppen und Graduiertenkollegs.
Die Solidaritätsbekundungen stimmen die Beschäftigten des UKBF optimistisch. „Eine ungeprüfte Koalitionsentscheidung kann eine leistungsfähige Uniklinik nicht gegen das Votum der Wissenschaftsinstitutionen schließen – das wäre ein einmaliger Vorgang in Deutschland“, hofft Tauber. Ob für das UKBF tatsächlich Chancen bestehen, den Universitätsstatus nicht zu verlieren, bleibt offen. Der Dekan ist zuversichtlich, die Koalitionsentscheidung bei einem Gespräch am 21. Januar mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, rückgängig machen zu können. Eine unabhängige Expertenkommission solle die Leistungsbilanz des UKBF prüfen und über Einsparalternativen beraten. Der Wissenschaftsrat habe sich dafür bereits angeboten, berichtet Paul. Bei der PDS ist die Bereitschaft zu einer solchen Lösung erkennbar, doch die SPD-Spitze hält an dem Koalitionsvertrag fest. Wenn diese Entscheidung nicht durchgesetzt werden könne, dann passiere in der Stadt bald gar nichts mehr, sagte Wowereit. Dr. med. Eva A. Richter
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