ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2002Reform der Approbationsordnung: Letztendlich schlecht für die Patienten

POLITIK

Reform der Approbationsordnung: Letztendlich schlecht für die Patienten

Dtsch Arztebl 2002; 99(4): A-160 / B-134 / C-130

Anheier, Tanja

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LNSLNS Bundesweit demonstrierten Medizinstudenten gegen
ein „Hammerexamen“ nach dem Praktischen Jahr.

Foto: Philipp Bludau
Foto: Philipp Bludau
Mehr als 6 000 Medizinstudenten gingen am 16. Januar 2002 in Kittel, OP-Kleidung und mit großen Bannern auf die Straße. Unter dem Motto „Dr. theoreticus – unpraktischer Arzt“ protestierten sie gegen die 9. Novelle der Approbationsordnung. Diese soll voraussichtlich im Oktober 2002 in Kraft treten. Zwanzig verschiedene medizinische Fakultäten organisierten zahlreiche Sonderaktionen. Das Spektrum reichte von Blutspenden unter dem Motto „Bluten für die Bildung“ in Freiburg, Köln und Würzburg bis hin zur Enthüllung der Skulptur „Dr. theoreticus“ in Aachen. In Hannover halfen den Studenten gar mitgebrachte Nähutensilien beim „Flicken einer Reform“.
Die Studenten kritisieren vor allem die Einführung einer staatlichen Abschlussprüfung nach dem Praktischen Jahr (PJ). Während das Physikum als Prüfung nach dem vorklinischen Abschnitt des Studiums beibehalten werden soll, möchte das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) die drei Staatsexamina, die der angehende Arzt derzeit während des klinischen Abschnitts der ärztlichen Ausbildung absolviert, durch die staatliche Abschlussprüfung ersetzen. „Der Zeitpunkt eines solchen Hammerexamens ist absolut ungünstig“, betont Tina Schweickert, Medizinstudentin und Koordinatorin des bundesweiten Aktionstags gegen die Reform. Das medizinische Fachwissen der Studenten soll nicht mehr vor Eintritt ins PJ bundesweit einheitlich geprüft werden. Deswegen befürchten die Reformgegner, dass unter Umständen die theoretische und fachliche Befähigung für eine Arbeit am Patienten im PJ nicht mehr gewährleistet ist. Die Studenten plädieren dafür, den theoretischen Teil der Abschlussprüfung vor und den praktischen Teil nach dem PJ durchzuführen.
Schon lange fordern sowohl Ärzte, Politiker, Lehrstuhlinhaber als auch Studenten, dass das Medizinstudium grundlegend reformiert wird. Die Intention des BMG scheint auf den ersten Blick mit den Wünschen der Studenten übereinzustimmen: Es will die medizinische Ausbildung an die veränderten Anforderungen in der gesundheitlichen Versorgung anpassen, Klinik und Vorklinik verzahnen und einen stärkeren Praxisbezug schaffen. Doch die Frage der praktischen Umsetzung ist nach Ansicht der Fachtagung Medizin e.V. keineswegs gelöst: „Der Gesetzentwurf sollte das Studium praxisnäher machen. Leider wurde dieses Ziel krass verfehlt.“ Kritisiert wird, dass in dem schon seit 1997 zur Debatte stehenden Entwurf, der im Wesentlichen vom damaligen Ge­sund­heits­mi­nis­ter Horst Seehofer entwickelt wurde, keine verbindlichen Vorgaben zur Veränderung der Lerninhalte oder Lernmethoden gemacht werden. Auf diese Weise will das BMG nach eigenen Angaben den Universitäten mehr Freiräume hinsichtlich der Prüfungsmodalitäten einräumen. Aus Sicht der Studenten werden die Fakultäten aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht in der Lage sein, grundlegende Änderungen herbeizuführen. Tanja Anheier
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