ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2002Telemedizinische Betreuung bei Sportereignissen: „Cyber-Docs“ an Bord

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Telemedizinische Betreuung bei Sportereignissen: „Cyber-Docs“ an Bord

Goertzen, Meinolf J.

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LNSLNS Im Rahmen des Volvo Ocean Race wird erstmals eine telemedizinische
Überwachung weltweit koordiniert.


Die deutsche Yacht Illbruck aus Düsseldorf. Fotos: VolvoEventManagement Southampton
Die deutsche Yacht Illbruck aus Düsseldorf. Fotos: VolvoEventManagement Southampton
32 700 Seemeilen in neun Monaten und durch vier Ozeane rund um die Welt. Das im September 2001 in Southampton gestartete Volvo Ocean Race Around the World (früher Whitbread-Race) gilt als die größte Herausforderung des modernen Segelsports. Mithilfe eines weltweiten elektronischen Netzwerks sind die High-Tech-Yachten nicht nur ständig mit dem Race-Hauptquartier in Southampton und Fernsehanstalten in aller Welt verbunden, sondern auch mit einem Team von Ärzten verschiedener Fachrichtungen. Mit Internet und Live-Videokonferenzen können die Ärzte selbst auf Tausende von Seemeilen Distanz per Satellit Diagnosen und medizinische Behandlungen vornehmen oder facharztspezifische Erste Hilfe an Bord leiten.
50. Breitengrad Süd – Southern Ocean. Ein eisiger Sturm rüttelt mit mehr als 60 Knoten Geschwindigkeit am Rigg der Rennyacht. Außentemperatur um null Grad, kleinere Eisberge in Sichtweite. Jedes der acht internationalen Syndikate ist in diesem Moment weit entfernt von jedem Ort der Zivilisation. Die Boote kämpfen mit bis zu fünfzehn Meter hohen Wellen. Auf der Anzeige blinken Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 34 Knoten (1 kn = 1,852 km/h) auf. Plötzlich bohrt sich der Rumpf in der Talsohle mit einem gewaltigen Ruck in die nächste Welle. Durch den abrupten Stopp wird die Mannschaft einer Yacht durcheinander gewirbelt. Die Crew-Mitglieder sind zwar über Lifebelt und kurze Stropps fest mit der Yacht verbunden, damit sie nicht über Bord gehen, doch gibt es einen Spielraum, um die Arbeit an Deck zu ermöglichen. Ein Mann stürzt den Niedergang hinunter und bricht sich dabei den Oberschenkel. Seine Crew-Kameraden handeln sofort: Der Mann wird in eine Koje gebracht und unter den widrigen Bedingungen bestmöglich gegen die heftigen Bewegungen des Bootes geschützt. Niemand kann und will das Rennen an dieser Stelle aufgeben. Am wenigsten der Betroffene selbst, der umgehend mit Analgetika aus den zwei großen wasserdichten Spezialcontainern der Rennleitung behandelt wird, die vom hochspezifischen Verbandsmaterial über Mini-Beatmungs- und EKG-Gerät bis hin zum verplombten Morphium alle nur denkbaren Hilfsmittel einschließlich genauer Anweisungen für Einnahme und Anwendung der Mittel enthalten. Reichen die Erste-Hilfe-Maßnahmen an Bord nicht aus, nimmt die Crew Kontakt mit den „Cyber-Docs“ auf.
Auf ein solches Szenario hat sich das mit international anerkannten Ärzten besetzte Medical Advisory Committee (MAC, Textkasten) seit mehr als zwei Jahren intensiv vorbereitet. Das MAC wird weltweit unterstützt von mehr als 80 Ärzten (meist aus Universitätskliniken und Militäreinheiten) in Nord- und Südamerika, Europa, Südafrika und Australien/Neuseeland. Darüber hinaus gewährleistet es eine aufwendige medizinische Versorgung aller Teammitglieder des begleitenden Medien- und Sponsorentrosses in den zehn Zielhäfen von Southampton, Kapstadt, Sydney, Auckland, Rio de Janeiro, Miami, Baltimore, La Rochelle, Göteborg bis Kiel im Juni 2002. Unter der Leitung von zwei Orthopäden und Sportmedizinern – Dr. med. Tim Spalding (Sprecher der Rennleitung) und Dr. med. Meinolf Goertzen (Telemedizin-Koordination) – wurde ein zeitzonenunabhängiges „Specialist Care Concept“ der wesentlichen medizinischen Fachdisziplinen im Rahmen eines internationalen Sportereignisses geschaffen, das von Volvo und Unternehmen aus der Informationstechnologie-Branche finanziell und logistisch unterstützt wird.
Das webbasierte Telemedizinnetz ermöglicht über die verschiedenen Inmarsat-Satellitensysteme den chiffrierten Austausch von Audio, Video, E-Mails, Standbildern, EKG, EMG und anderen medizinischen Daten beziehungsweise Informationen zwischen den beteiligten medizinischen Zentren und den Rennyachten. Logistische Kernstücke sind unter der Kontrolle deutscher IT- und Netzwerkspezialisten nahezu ausfallsichere Zentralserver in Düsseldorf, London und Miami. Diese Systeme gewährleisten ein digitales satellitengestütztes Informations-Rooting und eine lückenlose „on duty“-Verfügbarkeit der verantwortlichen Mitglieder des MAC, die fachspezifische Zusatzinformationen über die Kooperationszentren einholen können. Für alle Fälle ist ein „duty officer“ rund um die Uhr im Race Headquarter in Southampton verfügbar, der in ständigem Kontakt mit den Booten steht.
Ob Frakturen, akuter Darmverschluss, inkarzerierte Leistenhernien oder eine Appendizitis, unklare dermatologische Befunde, Augen- und HNO-Probleme, orthopädische Überlastungssyndrome oder Kopfverletzungen – bei der siebten Auflage des Segelrennens rangiert die medizinische Betreuung der Athleten ganz oben auf der Prioritäten-Liste der Rennleitung.
Ein Mitglied des MAC ist der amerikanische Notfall- und Sportmediziner Dr. Rudi Rodriguez (University of Baltimore). Der erfahrene Vollzeit-Regattaarzt reist im Flugzeug mit der Flotte mit und steht den Seglern bei den Zwischenstopps zusammen mit dem leitenden Physiotherapeuten Timo Malinen in den Häfen zur Seite. Zudem koordinieren beide die begleitenden wissenschaftlichen Projekte der angeschlossenen internationalen Forschungseinrichtungen vor Ort.
Hilfe via Satellit und Internet
Doch was wirklich zählt, ist die Hilfe via Satellit und Internet, wenn die Mannschaften draußen auf See ganz auf sich allein gestellt sind und möglicherweise mit Unfallverletzungen oder komplizierten Erkrankungen konfrontiert werden. Zwar verlangt das Reglement, dass jede Crew über zwei so genannte Medics verfügt, die vor dem Rennstart eine Rettungssanitäter-Ausbildung absolviert haben. Auch können sie speziell entwickelte interaktive CD-ROMs zu Rate ziehen. Doch diese Maßnahmen reichen im Notfall zur Behandlung von schwereren Verletzungen oder lebensbedrohlichen Erkrankungen nicht aus.
Die medizinische Fernbehandlung sieht bei Routinefällen so aus: Ein Crew-Mitglied füllt einen kurzen Online-Befundbogen aus. Die Angaben werden chiffriert und dann mit den von jedem Teilnehmer vorhandenen medizinischen Hintergrunddaten auf einem zentralen MAC-Webserver – dem virtuellen Krankenhaus – verknüpft. Trifft diese erste Information auf dem Server im Hauptquartier ein, werden automatisiert sämtliche Mitglieder des MAC über ihre Mobiltelefone über das Vorliegen einer dringenden Nachricht auf der Website informiert. Dann haben sie verschiedene Optionen zu handeln. Auch bei Nichtverfügbarkeit eines stationären Rechners oder Laptops können sie sich die Nachricht sofort in digitalisierte Sprache konvertieren und vorlesen lassen.
Raue See im Southern Ocean
Raue See im Southern Ocean
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Der Sanitätsoffizier T. Spalding der britischen Marine hat viel Erfahrung mit medizinischen Problemen auf See: „Wir können per E-Mail weitere notwendige Daten anfordern. Wir können um Aufnahmen der Erkrankung oder Verletzung bitten oder uns Videoaufnahmen senden lassen. Natürlich ist auch ein direkter Kontakt mit der Yacht via Satellitentelefon oder Videokonferenz möglich.“ Die Kommunikation dient auch dazu, beruhigend auf alle Beteiligten einzuwirken, die üblicherweise nicht mit derartigen Problemen und einem Lösungszwang konfrontiert werden.
Die Aktiven können im Volvo Ocean Race schneller als in früheren Zeiten mit professioneller Hilfeleistung rechnen. Die beteiligten Ärzte verfügen über langjährige fundierte Erfahrungen, gewonnen unter anderem in prominenten Veranstaltungen wie der Rallye Paris–Dakar oder in der Europäischen Raumfahrt. Ein Großteil der Erkenntnisse stammt aus der Automobilbranche. Diese hat über Jahrzehnte große Anstrengungen unternommen, um im Rahmen ihrer Unfallforschung medizinische Daten aus dem Inneren von Unfallfahrzeugen zu sammeln, auszuwerten und das so gewonnene Wissen in Neuentwicklungen einfließen zu lassen.
Notfallmanagement
Im medizinischen Notfall, bei dem sofort ein Notfallmediziner oder Anästhesist verfügbar sein muss, kann das MAC zusätzlich auf die Ressourcen des telemedizinischen Teams des Derriford Naval Hospital, der wichtigsten marinetechnischen Einrichtung in Großbritannien, zurückgreifen. Das Team hat Erfahrungen bei Notfalleinsätzen im Rahmen von Antarktis-Expeditionen und in militärischen Krisengebieten im Golf- und Afghanistan-Krieg gesammelt. Wie wichtig diese Zusammenarbeit in Krisen ist, zeigte das Notfallereignis an Bord der italienisch-finnischen „Amer Sports One“ auf der Strecke von Kapstadt nach Sydney mitten im Southern Ocean. Per E-Mail hatte der neuseeländische Skipper Grant Dalton von der Yacht „Amer Sports One“ gemeldet, dass der US-amerikanische Trimmer Keith Kilpatrick an heftigen Unterleibsschmerzen leide, und um dringende Hilfe gebeten. Rund 2 600 Meilen lagen noch vor der Rennyacht. Erst zwei Wochen später, Anfang Dezember 2001, sollte die zweite Etappe planmäßig zu Ende sein. „So lange konnte Kilpatrick nicht an Bord bleiben“, schildert Dr. Sinclair (Universität Göteborg).
Die vor Sydney gekenterte Yacht Amer Sports I
Die vor Sydney gekenterte Yacht Amer Sports I
Die schmerzstillenden Medikamente und Infusionen an Bord reichten dazu nicht aus. Auch konnte eine inkarzerierte Leistenhernie beziehungsweise ein Darmverschluss nicht ausgeschlossen werden. In einer dramatischen Rettungsaktion wurde der zunehmend dekompensierende Profisegler gerettet. Nach Alarmierung der australischen Luftwaffe wurde zunächst eine Militärmaschine entsandt, die Medikamente und Infusionen neben die Yacht in die aufgewühlte See abwarf. Sobald das Segelboot in Reichweite der australischen Küste kommen würde, sollte der Kranke mit einem SAR-Hubschrauber geborgen werden, um ihn so schnell wie möglich in einem australischen Krankenhaus zu behandeln. Eine seegestützte Rettungsaktion war infolge des hohen Wellenganges und der Nichtverfügbarkeit geeigneter Schiffe verworfen worden. Einige Tage später wurde Kilpatrick vor der australischen Insel Eclipse per Motorboot von Bord und ins Hospital nach Perth zur operativen Weiterversorgung gebracht.
Ein weiterer Notfall ereignete sich kurz nach dem Start der 2. Etappe von Kapstadt nach Sydney nach einem plötzlichen Wassereinbruch auf der „Illbruck-Challenge“, der einzigen deutschen Yacht unter den Teilnehmern. Hier ging es aber durch das professionelle Engagement der gesamten Crew mit ausgedehnten Platzwunden und schweren Weichteilprellungen relativ glimpflich ab. Während des Zieleinlaufs in Sydney Anfang Dezember 2001 unterlief darüber hinaus der Crew der „Amer Sports One“ ein Steuerfehler, bei der die Yacht beinahe kenterte. Schwere Rippenserienfrakturen und Prellungen der Mannschaftsmitglieder waren die Folge. Hauptsächlich wurden auf dem bisherigen Streckenverlauf Magen- und Darmprobleme, diverse Knochenbrüche, orthopädische Überlastungssyndrome im LWS- und Schulter-Arm-Bereich sowie Dermatosen telemedizinisch behandelt. Um diesen Stand der Telemedizin zu ermöglichen, wurden die Yachten mit innovativer Video-, Computer- und Satellitenkommunikationstechnik ausgestattet. Jedes der Boote verfügt über zwei fest installierte hochauflösende und nachtsichtfähige Digitalkameras, um sicherzustellen, dass jeder Bereich an Deck gut überschaubar ist. Eine der Kameras schaut vom Mast nach hinten, die andere kann auf Augenhöhe Bilder vom Vorschiff ebenso wie vom Heck einfangen. Zusätzlich gibt es mindestens einen digitalen Hand-Camcorder, der von einem Crew-Mitglied bedient wird.
Skipper Dalton auf dem Weg ins australische Krankenhaus
Skipper Dalton auf dem Weg ins australische Krankenhaus
Sämtliches Filmmaterial wird auf einem von drei wasserdichten Laptops unter Deck gespeichert. Einmal im Computer gespeichert, kann das Material bearbeitet und komprimiert werden. So wird es via Satellit an das Headquarter als MPEG-File gesendet. Das Inmarsat B-(International Maritime Satellite-)Netzwerk wird genutzt, weil es Übertragungsgeschwindigkeiten ermöglicht, mit denen Videosignale transferiert werden können. Die Sender an Bord sind so konstruiert, dass sie sowohl mit dem älteren analogen Inmarsat-Satelliten-Netzwerk (Satcom C) als auch mit modernen digitalen Konstellationen arbeiten können. Mit dieser Technik kann jedes Boot Livebilder einschließlich Ton und andere medizinisch relevante Informationen weltweit versenden. So werden auf der Volvo Ocean Race-Website auch Live-Schaltungen mit den Crews angeboten. Mit den Aufnahmen der Kameras an Bord, die keine Action-Minute verpassen, versetzt die Regatta die Fans vom sicheren Computer-Bildschirm zu Hause mitten ins atemberaubende Off-shore-Geschehen. Darüber hinaus ermöglicht die aufwendige Technik, medizinische und umweltbezogene Forschungsprojekte mit internationalen Forscherteams während des Sportereignisses durchzuführen.

Meinolf J. Goertzen, M.D., Ph.D.
VOR Medical Advisory Committee
c/o Zentrum für Orthopädische Chirurgie und
Sporttraumatologie
Georgstraße 19
30159 Hannover
E-Mail: goertzen@telemed.de

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