ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2002Zwei Jahre nach Gentherapie-Todesfall: Neue Zusammenhänge

POLITIK: Medizinreport

Zwei Jahre nach Gentherapie-Todesfall: Neue Zusammenhänge

Dtsch Arztebl 2002; 99(4): A-167 / B-138 / C-134

EB

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Adenoviren sind in Gentherapiestudien häufig eingesetzte Transportmittel, um therapeutische Gene in Körperzellen einzuschleusen. Vor zwei Jahren verstarb der achtzehnjährige Jesse Gelsinger in den USA an plötzlichem Organversagen, nachdem ihm gentechnisch abgeschwächte Adenoviren als Gentaxi in die Blutbahn gespritzt worden waren. Die molekularische Ursache seines Todes ist bisher ungeklärt. Einen Hinweis auf eine unbeachtete Immunreaktion gegen Adenoviren liefert die Arbeit eines Berliner Forscherteams (Gene Therapy 2001; 23: 1794–1800). Hierbei lösten hohe Mengen an Adenoviren im Labor eine unerwartet starke Aktivierung des Komplementsystems aus. Derart fatale Attacken des Komplementsystems sind von Traumapatienten, nach Verbrennungen oder nach Transfusion von Blut mit der falschen Blutgruppe bekannt. Dabei treten massive Entzündungserscheinungen in den Gefäßwänden von Leber, Lunge und Niere auf, die im Multiorganversagen enden können.
Die Autoren haben bei ihren Laboruntersuchungen steigende Konzentrationen verschiedener Adenoviren (unter anderem Serotyp Ad5) mit dem Blutplasma von 18 freiwilligen Spendern vermischt. Anschließend analysierten sie die Konzentration eines Indikators der Komplementaktivierung (C3a-desArg), eines der so genannten Anaphylatoxine. Zu ihrer Überraschung beobachteten die Forscher bei Viruskonzentrationen, die auch im Blut von Gentherapie-Patienten während einer Gentherapie auftreten können, eine massive Aktivierung des Komplementsystems. Diese trat bei all jenen Probanden auf, die in ihrem Leben schon mit natürlichen Adenoviren Kontakt hatten und Antikörper gegen den Erreger aufwiesen.
Bei der Gentherapiestudie waren Gelsinger 300 Milliarden (3 x 1011) Viruspartikel pro Kilogramm Körpergewicht in die Leberarterie infundiert worden. Dies entspricht einer Virendosis von 7,5 Milliarden (7,5 x 109) Partikeln pro Milliliter Blutpasma. Bei einer entsprechenden, in isoliertem Plasma im Reagenzglas eingesetzten Virusdosis fanden die Wissenschaftler als Reaktion des Komplementsystems 3 000 Nanogramm (ng) des Proteins C3a-desArg pro Milliliter Blutplasma – der Normalwert liegt unter 150 Nanogramm pro Milliliter. Aus klinischen Studien mit schwer verletzten Patienten ist bekannt, dass eine starke Komplementaktivierung auftreten kann.
Erreicht deren Wert im Blut eine Schwelle von 1 000 ng C3a-desArg/ml Plasma, besteht ein stark erhöhtes Risiko für die Entwicklung unkontrollierter Entzündungsreaktionen, in deren Folge Leber- und Nierenversagen auftreten können. Die im Labor nach Adenovirusgabe induzierte Komplementaktivierung liegt mit einem Wert von 3 000 ng C3a-desArg/ml Plasma um das Dreifache über dem klinisch ermittelten Schwellenwert. EB

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema