ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2002Embryonenforschung und PID: „Ethik des Heilens“ versus „Ethik der Menschenwürde“

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Embryonenforschung und PID: „Ethik des Heilens“ versus „Ethik der Menschenwürde“

Schott, Heinz

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LNSLNS Eine kritische Betrachtung jenseits von Pro und Kontra


Foto: Stiftung deutsches Schulschach
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Nur wenige haben in ihrem Beruf unmittelbar mit menschlichen Embryonen zu tun. Ontogenetisch gesehen bedeuten diese jedoch für alle gleichsam den dunklen Urgrund der individuellen Existenz, das „absolut Unbewusste“, wie der romantische Geburtshelfer, Naturforscher und Maler Carl Gustav Carus (1789 bis 1869) formulierte (2). Wir alle sind in unserem Leben selbst einmal Embryonen gewesen. Insofern handelt die Thematik auch von uns selbst – und nicht nur von Zygoten, Zellhaufen, Blastozyten.
Die experimentelle Forschung in der naturwissenschaftlich-biologischen Medizin folgt einer logischen Strategie. Im ersten Schritt werden bestimmte diagnostische oder therapeutische Methoden durch Tierversuche (Tiermodell) etabliert. Im zweiten Schritt folgt die Übertragung tierexperimentell gewonnener Fähigkeiten und Erkenntnisse auf den Menschen. Einem solchen Humanexperiment können im gesetzlich vorgegebenen Rahmen gesunde Versuchspersonen oder Kranke (Heilversuch) unterzogen werden. Bei positiven Forschungsergebnissen ist dann die klinisch-praktische Medizin um eine neue Methode oder ein neues Heilmittel bereichert, die in einem dritten Schritt in die klinische Praxis eingeführt werden.
Die Bonner Neurowissenschaftler Otmar Wiestler und Oliver Brüstle wollten gerade den üblichen konsequenten Schritt vom Tier- zum Humanexperiment machen: nämlich von der nachweisbaren Rekonstruktion defekter Rattenhirne mit Stammzellen aus Mäuseembryonen zur eventuellen möglichen Rekonstruktion defekter menschlicher Gehirne mit Stammzellen aus menschlichen Embryonen. Was für die Forscher einen wissenschaftlich innovativen und therapeutisch viel versprechenden Schritt bedeutet, wird jedoch in der breiten Öffentlichkeit von vielen als Skandal empfunden, was zu schwerem Geschütz in den Feuilletons, heftigen Debatten in den Medien, programmatischen Manifesten und Reden und vor allem zu einer Hochkonjunktur der professionellen Bioethik geführt hat. Diese hat sich zu einer Art „bioethics industry“ entwickelt. Nicht nur staatliche Großforschungsprojekte, sondern gerade auch die Privatunternehmen planen inzwischen von vornherein einen prozentualen Anteil der Investitionen für eine „begleitende“ Ethik ein.
So ist der renommierte Moraltheologe Ronald M. Green Leiter der Ethikkommission der US-amerikanischen Firma Advanced Cell Technology (ACT), die durch ihre jüngste Klonierung eines menschlichen Embryos weltweit Aufsehen erregt hat. Green vertritt eine liberale Eugenik: „Was wollen die Leute mit ihrem privaten Geld machen? Das soll ihnen überlassen bleiben.“ Die Mitglieder seien, wie er sagt, von der Firma ACT unabhängig und arbeiteten quasi „ehrenamtlich“. Jedes Mitglied des Ethikrates habe aber von vornherein gewusst, was die Firma vorgehabt habe, nämlich das therapeutische Klonen. Insofern sei es um eine ethische „Begleitung“ gegangen: „Ich habe niemanden in den Beirat berufen, der die Nutzung von Embryonen oder die gesamte Forschungsrichtung grundsätzlich ablehnt. Das würde keinen Sinn machen.“(8)
Patt-Situation
Die menschlichen Embryonen sind nicht nur wegen der Stammzellforschung in den Mittelpunkt der gegenwärtigen Kontroverse gerückt, sondern auch wegen der Präimplantationsdiagnostik (PID). In beiden Fällen geht es letztlich um die Frage, ob menschliche Embryonen unter bestimmten Voraussetzungen getötet werden dürfen: Im ersteren Fall werden zur Gewinnung von Stammzellen Embryonen „verbraucht“, im letzteren Fall defiziente Embryonen nach genetischer Testung „verworfen“. Die Debatte hat inzwischen eine typische Pro-und-Kontra-Struktur angenommen.
c Pro-Argumentation: Die Befürworter sagen, es gehe bei der Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen um hochrangige Ziele. Wer diese Forschung unterbinden wolle, mache sich schuldig. Er verhindere ungeahnte Chancen des medizinischen Fortschrittes und verstoße gegen den „therapeutischen Imperativ“ beziehungsweise die „Ethik des Heilens“ (3). So haben für den Rechtsphilosophen Reinhard Merkel die mit der Embryonenforschung „verfolgten Ziele der Hilfe für schwerkranke Menschen . . . ein so erhebliches Gewicht, dass sie die Verweigerung der Solidarität gegenüber frühesten Embryonen . . . rechtfertigen können“ (13). Demgegenüber tritt der Vorwurf, die Freiheit der Wissenschaft werde durch generelle Restriktionen der verbrauchenden Embryonenforschung verletzt, zunehmend in den Hintergrund.
c Kontra-Argumentation: Die Gegner der Forschung an menschlichen Embryonen stützen sich auf eine „Ethik der Menschenwürde“: Wer menschliche Embryonen – direkt oder indirekt – tötet, verstoße gegen die Menschenwürde, die dem menschlichen Embryo mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle zukomme. Dies bedeute einen Dammbruch, das Überschreiten des Rubikon. Der Begriff „Menschenwürde“ wird von drei dogmatischen Säulen gestützt: der Gottebenbildlichkeit im Sinne der Bibel (Gen. 1, 27), Kants Rede vom Person-Sein des Menschen als „Zweck an sich selbst“ (12) sowie dem einleitenden Satz des Grundgesetzes („Die Würde des Menschen ist unantastbar.“).
„Ethik des Heilens“ versus „Ethik der Menschwürde“: Im Schachspiel nennt man eine solche Situation „Patt“. Zug um Zug wird das Ja der einen Seite durch das Nein der anderen gekontert, annulliert und vice versa.
Angst und Schuld: die Macht von Metaphern
Woher kommt die starke Emotionalität in dieser Kontroverse? Achten wir hier zunächst auf ihre Metaphorik. Die Gegner der verbrauchenden Embryonenforschung und der PID orientieren sich an der zentralen Metapher des Dammbruchs. Diese setzt Assoziationen zum Terminus „Tabubruch“ frei und impliziert das Schreckensbild einer Überschwemmung mit der Gefahr des Ertrinkens. Ähnliches meint auch die Rede vom Überschreiten des Rubikon, der schiefen Ebene (slippery slope), einer „Bahn ohne Halt“ (Johannes Rau). Dementsprechend prognostiziert der Bonner Zellbiologe Volker Herzog eine „Kaskade zur Klonierung des Menschen“: von der Freigabe vorhandener menschlicher embryonaler Stammzell-Linien, über die Verwendung überschüssiger Embryonen, Schaffung von Embryonen zu Forschungszwecken bis hin zum therapeutischen und schließlich reproduktiven Klonen (10).
Die Vorstellung eines unaufhaltsamen Eroberungszugs (Stichwort: Rubikon) oder die eines automatischen Abrutschens in finstere Abgründe (Stichwort: schiefe Ebene) erzeugen Angst: Angst vor einer entfesselten Menschenzüchtung mit dem Verlust traditioneller Ideale unseres kulturellen Selbstverständnisses, die im Begriff der Menschenwürde verankert sind. Abgesehen davon, dass wohl auch manch ein Befürworter der verbrauchenden Embryonenforschung beziehungsweise der PID insgeheim Angst oder Unbehagen angesichts der neuen Zugriffsmöglichkeiten verspüren dürfte, kommt in der „Ethik des Heilens“ noch eine andere Angst zum Vorschein: nämlich schwer kranke Menschen ohne mögliche Hilfe ihrem Schicksal zu überlassen, „erbarmungslos“ oder „unbarmherzig“ an ihrer Not vorbeizugehen.
Die Schuld des Menschen an seiner Krankheit, die Krankheit als Folge der Sünde ist auch in unserer gegenwärtigen Medizin ein wirksamer, verborgener Topos, denken wir nur an alltägliche Bemerkungen über die krank machenden Folgen des übermäßigen Fettverzehrs oder des Zigarettenrauchens. Doch nirgends war und ist die Schuldfrage so brisant wie bei der Eugenik. Dies lässt sich historisch an der Propagierung der Zwangssterilisation illustrieren: Das Missachten der erbbiologischen Naturgesetze, etwa durch die Weitergabe krankhafter Erbanlagen an die Nachkommen, wurde in NS-Propagandafilmen vor Millionenpublikum wortwörtlich als Schuld der Eltern, als Sünde wider die Natur gebrandmarkt. Dies lässt sich aber auch aktuell belegen: In Frankreich haben Gerichte entschieden, dass Kinder mit pränatal absehbaren (mehr oder weniger schweren) Behinderungen ein Recht auf Nichtexistenz haben, ihr Geborenwerden also unter Umständen schuldhaft (durch fehlerhafte Pränataldiagnostik) zustande kommt.
Es gibt auch Metaphern der Angst, die den politökonomischen Bereich betreffen: etwa die Metapher vom Verpassen des Zuges, vom Zuspätkommen, von der Vertreibung von Wissenschaftlern und Forschungskapital ins Ausland. Hier meldet sich die Angst zu Wort, im neoliberalen Überlebenskampf zu kurz zu kommen und der Konkurrenz zu unterliegen, vom Ausland abhängig zu werden, den Standort Deutschland zu ruinieren et cetera.
Im Schatten von Darwinismus und Biologismus
Nach dem Philosophen Robert Spaemann setzt der Gedanke des Menschenrechts voraus, „dass jeder Mensch als geborenes Mitglied der Menschheit kraft eigenen Rechts den anderen gegenübertritt, und dies wiederum bedeutet, dass die biologische Zugehörigkeit zur Spezies homo sapiens allein es sein darf, die jene Minimalwürde begründet, welche wir Menschenwürde nennen“ (16). Die „Instruktion“ des Vatikans „Donum Vitae“ von 1987 formulierte unmissverständlich: „Die in vitro erzeugten menschlichen Embryonen sind als menschliche Geschöpfe und rechtsfähige Wesen zu betrachten: Ihre Würde und ihr Recht auf Leben sind vom ersten Augenblick des Lebens an zu achten.“ (4)
Die „Ethik des Heilens“, auf die sich die biomedizinische Forschung beruft, relativiert diesen Status menschlicher Embryonen. Sie versucht, Vorstufen zur Menschwerdung zu definieren, etwa einen „Prä-Embryo“ (17), dem noch keine unantastbare Menschenwürde zuzubilligen sei – zum Beispiel solange noch keine Einnistung erfolgt oder solange noch die Zwillingsbildung möglich sei. Wolfgang Frühwald, Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung, hat angesichts der gegensätzlichen Standpunkte einen „Kulturkampf“ – „christlich, zumindest kantianisches Menschenbild“ einerseits versus „szientistisch-sozialdarwinistisches Menschenbild“ anderseits – diagnostiziert (6, 7). Ohne Zweifel begegnen wir heute – im Verbund mit dem wirtschaftlichen Neoliberalismus – einem wieder belebten (sozial)darwinistischen Denken, das angesichts gentechnologischer Möglichkeiten die evolutionäre Leiter vom Affen zum Menschen nach oben für ausziehbar hält. Die Vision von der gentechnologischen Verbesserung des Menschen (enhancement) spukt in vielen Köpfen. So erklärte der Nobelpreisträger James D. Watson, „dass menschliches und anderes Leben nicht von Gott geschaffen wurde, sondern durch einen evolutionären Prozess entsteht, den Darwinschen Prinzipien der natürlichen Auslese folgt“ (18). Atmen wir heute wirklich noch oder wieder den Geist des darwinistischen Zeitalters (der ja seinerzeit unter anderem auch Nationalismus und Imperialismus beflügelte)?
Natur und Geist: der vergessene Kontext
Im gesamten Diskurs über den Status menschlicher Embryonen fehlt eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Natur und dem des Geistes. So vermisse ich als Medizinhistoriker vor allem die klassischen Fragen der Naturphilosophie – beispielsweise: Was bedeutet irdisches Leben im Kosmos? Wie verhalten sich organische und anorganische Natur zueinander? Wie ist das Verhältnis von Mensch und Welt (Mikrokosmos und Makrokosmos) beschaffen? Wie begegnen sich tierische und geistige Natur im Menschen?
Ist schon der Begriff der Natur für die Biomedizin ein blinder Fleck, so gilt dies umso mehr für den Begriff des Geistes. Der Bonner Philosoph Wolfram Hogrebe hat dies polemisch auf die Formel gebracht: „Im Stile einer Renaissance des 19. Jahrhunderts propagiert man heute, nur um dem Geist ausweichen zu können, Life Sciences, Lebenswissenschaften. Sie sollen die Geisteswissenschaften unnötig machen. . . . Was braucht man Geist, wenn man die Gene hat, mit denen Geld zu machen ist? . . . Wenn wir jemanden fragen: ‚Wer bist du?‘, dann fragen wir nicht nach seinen Genen, sondern nach seiner geschichtlichen Identität, über die er zugleich immer auch hinaus ist.“ (11) Der Begriff des Geistes ist für den Diskurs der Biomedizin offensichtlich bedeutungslos.
Die Leitbegriffe der Ethikdebatte, wie Menschenwürde, Lebensrecht, Heilen, Güterabwägung et cetera, können keine konstruktive gesellschaftskritische Kraft entfalten, da weder die historischen Quellen noch der globale Kontext ins Auge gefasst werden. Ein Kant-Zitat zur Würde der Person und der Verweis auf Artikel 1 des Grundgesetzes oder die Rede vom „therapeutischen Imperativ“ und dem „Kinderwunsch“ als Postulat der Autonomie bedeuten noch keine kritische Analyse unserer geistigen Situation, unseres Aufenthaltsortes in der Natur- und Menschheitsgeschichte. Erst wenn wir uns mit diesem Kontext der modernen Biomedizin auseinandersetzen, können wir in historischer Perspektive durch „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ (Freud) eine Gemeinschaft verändernde Orientierung für die Zukunft gewinnen. Können, dürfen wir uns schon jene Freiheit herausnehmen, welche die liberale Eugenik gegenwärtig bereits einfordert? Oder müsste sie nicht erst durch disziplinierte Bildungsarbeit an uns selbst errungen werden?
Sexualität – Eros – Liebe
1978 wurde das erste Kind nach In-vitro-Fertilisation in England geboren. Vor dem „Retortenbaby“ Louise Brown wurden alle Babys der Welt durch Invivo-Fertilisation gezeugt. Diese Zeugung geschieht bekanntlich im Spannungsfeld von Sexualität und Liebe – und in schlimmen Fällen im Spannungsfeld von Sexualität und Gewalt. Embryonen werden heute – unabhängig von ihrer ethisch-rechtlichen Bewertung – als isolierte biologische Monaden dargestellt und imaginiert, abgelöst von ihren organischen Ursprungsorten im Körper der Frau und des Mannes, abgelöst vom Zeugungsakt, der sich in einen Herstellungsakt verwandelt hat. Solche biotechnischen Eingriffe würden die „intuitive Unterscheidung zwischen Gewachsenem und Gemachtem“ verwirren, beklagte kürzlich Jürgen Habermas (9).
Die Begriffe Sexualität, Eros, Liebe haben im bioethischen Diskurs keine nennenswerte Bedeutung, sieht man einmal von der Position der katholischen Kirche ab, welche – gemäß der Enzyklika „Humanae vitae“ von Paul VI. – die „biologische Integrität des Geschlechtsaktes“, gewissermaßen also die „Würde des Sex“ (4), verteidigt. Dafür stoßen wir auf den Begriff des Kinderwunsches, der die Prozeduren der Reproduktionsmedizin unter dem Vorzeichen der Autonomie der Patienten beziehungsweise Klienten legitimiert. Doch inwiefern ist Sterilität überhaupt als Krankheit zu definieren? Und inwiefern ist der Kinderwunsch und seine reproduktionsmedizinische Realisierung tatsächlich als Rechtsanspruch „autonomer“ Personen auf ihre gesundheitliche Integrität zu begreifen?
Der Traum vom Menschenmachen
Wahrscheinlich ist in unserer angeblich säkularen, pluralen, liberalen Gesellschaft der Druck, Kinder zu bekommen, keineswegs geringer als etwa in traditionellen Kulturen oder Entwicklungsländern mit Großfamilien beziehungsweise unkontrolliertem Kinderreichtum. Dieser Druck tritt bei uns im Gegensatz zu früheren Zeiten und anderen Kulturkreisen nur zeitverschoben auf: Relativ junge Frauen sollen bis zum Erreichen einer bestimmten Stufe ihrer Berufs- und Lebenskarriere keine Kinder bekommen, dann aber umso gesicherter. Der Druck, zunächst keine Kinder zu bekommen, verkehrt sich in den Druck, um jeden Preis noch Kinder zu bekommen. Was bedeutet da eigentlich der Kinderwunsch als Rechtsanspruch auf reproduktionsmedizinische Behandlung?
Hybris bezeichnete ursprünglich den Hochmut, die Selbstüberhebung des Menschen gegenüber den Göttern und ist im Diskurs der „life sciences“ durchaus virulent. So meinte James D. Watson: In der Vergangenheit „konnten nur die Götter die Zukunft vorhersagen und unserem künftigen Schicksal eine gute oder schlechte Wendung geben. Heute liegt dies zum Teil in unseren eigenen Händen.“ (17) Namhafte Fachleute wie Peter Propping (15) oder die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard (14) sind gegenüber solchen Allmachtsfantasien skeptisch und mahnen zur Bescheidenheit. Doch die Hoffnung, einen Quantensprung der wissenschaftlichen Medizin vollziehen zu können, ist wohl für alle Beteiligten ein starkes Motiv.
Ein kurzer Einblick in Kultur- und Wissenschaftsgeschichte zeigt, dass es offenbar einem uralten Menschheitstraum entspricht, die Rolle des Schöpfergottes zu übernehmen und selbst einen Menschen zu schaffen. In Mythen, Sagen und in der Literatur begegnen uns Golems, Homunculi und Roboter, von der jüdischen Kabbala bis hin zu romantischen Schauerromanen. Merkwürdigerweise liegt auf den überlieferten Visionen, künstlich einen Menschen zu schaffen, kein Segen. Zumeist werden nämlich durch gotteslästerliche, teuflische Akte Zerrbilder des Menschen geschaffen, die angst- und ekelerregend sind und der Menschheit sehr gefährlich werden können, wie zum Beispiel Mary Shellys Frankenstein-Roman zeigt. Verena Wetzstein, die diesen mythischen Stoffen des Menschenmachens nachgegangen ist, kommt zum Schluss: „Diese zumindest im Unterbewusstsein der Öffentlichkeit noch präsenten Mythen sind in der heutigen öffentlichen Diskussion über Stammzellenforschung mitzubedenken, will man die Hitze der Debatte verstehen. . . . Die Klonierung von Menschen erscheint als die Verwirklichung des Homunculus. Wer sollte da nicht an die zügellosen Geschöpfe und die Bestrafung des blasphemischen Schöpfertums denken, die uns Mythen und Sagen jahrtausendelang erzählt haben?“ (19)
Hybris versus Selbstreflexion
In unserem Selbstverständnis gehen wir davon aus, in einer so genannten säkularen und pluralistischen Gesellschaft zu leben, die zu religiöser Neutralität und den universalen Menschenrechten verpflichtet ist. Inwiefern kann man dann überhaupt noch im herkömmlichen Sinn von Hybris sprechen, wenn die Vorstellung von Gott oder den Göttern unverbindliche Privatmeinung ist, wenn die Freiheit eines „Nichtchristenmenschen“ (Markl) gleichermaßen gilt? Zumindest eine Hybris besteht darin, die Geschichte der Menschheit mit ihren Mythen und Sagen, die Geschichte der Wissenschaft mit ihren Aufbrüchen und Irrwegen, die Geschichte der eigenen Person mit ihren Träumen und Intuitionen zu ignorieren, das heißt, ihnen keine wissenschaftliche Bedeutung für das eigene Wissenschaft-Treiben zuzubilligen.
Diese Hybris besteht aus einer historischen Selbstvergessenheit: nämlich der Idealisierung des Selbst-machen-Könnens, der Vorstellung einer eigenen Verfügungsgewalt über die Zukunft, gepaart mit der Abwehr des Gedankens einer unaufhebbaren Nicht-Autonomie des Menschen, seiner Abhängigkeit, Hilflosigkeit und Verletzbarkeit auf dieser selbst wiederum vergänglichen Erde, nur einer von „unendlich vielen Erden“, wie Giordano Bruno vor mehr als 400 Jahren spekulierte (1).
Was jenseits von Pro und Kontra, jenseits von Kant- und Darwin-Zitaten, jenseits von tagespolitischen Aufgeregtheiten von allen gefordert wird, ist das Infragestellen von gewohnten Gewissheiten, das Heraushören leiser Zwischentöne aus dem menschheitsgeschichtlichen und transkulturellen „Hintergrundrauschen“, die kritische und vor allem wissenschaftskritische Auseinandersetzung mit den vorherrschenden Menschen- und Weltbildern. Vor Hybris schützt nur kritische Selbstreflexion, die – salopp gesprochen – „Dekonstruktion“ und Demut zusammenbringt.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2002; 99: A 172–175 [Heft 4]

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser und über das Internet (www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Dr. phil. Heinz Schott
Medizinhistorisches Institut der Universität Bonn
Sigmund-Freud-Straße 25
53105 Bonn




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In der Schrift „De natura rerum“ meint Paracelsus in Hinblick auf die „generation [Erzeugung] der homunculi“: Die „alten philosophi“ hätten sich gefragt. „ob auch der natur und kunst möglich sei, das ein mensch außerthalben weiblichs leibs und einer natürlichen muter [Gebärmutter] möge geboren werden? darauf gib ich [Paracelsus] die antwort das es der kunst spagirica und der natur in keinem weg zuwider, sonder gar wol möglich sei. Wie aber solches zugang und geschehen möge, ist nun sein proceß also, nemlich das der sperma eines mans in verschloßnen cucurbiten [Kolben] per se mit der höchsten putrefaction . . . putreficirt werde auf 40 tag oder so lang bis er lebendig werde und sich beweg und rege . . . so . . . wird ein recht lebendig menschlich kint daraus mit allen glitmaßen wie ein ander kint, das von einem weib geboren wird, doch vil kleiner. dasselbi wir ein homunculum nennen und sol hernach nit anders als ein anders kint mit große fleiß und sorg auferzogen werden . . ..“(19) Diese Paracelsische Fantasie – von Goethe im zweiten Teil des „Faust“ ausgestaltet – ist auch unserer Zeit noch voraus, da sie buchstäblich das „Retorten-Baby“ antizipiert, das heißt ohne organische Zwischenstation in der Gebärmutter.
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