ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2002Englisch: Eigentümliches Minderwertigkeitsgefühl
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LNSLNS . . . Als alter Rheumatologe, der noch aufmerksam und selbst noch produktiv die Entwicklung seiner einschlägigen Literatur verfolgt, bin ich beeindruckt und betroffen von dem zunehmenden Verlust der historischen Dimension ärztlichen deutschsprachigen Wissens und Denkens im Bewusstsein der jetzt aktiven Generation unserer Kollegen. Aus der internationalen Literatur ist die deutsche Sprache verschwunden, und in unserem eigenen Land unterliegt sie einem eigentümlichen Minderwertigkeitsgefühl, das nun in der vorliegenden Umfrageaktion nicht zum Ausdruck kommt, im Erlebnis beim Literaturstudium aber evident ist.
Ausdruck und Spiegel dieser Denk- und Bewusstseinssituation sind die Literaturverzeichnisse deutschsprachiger Publikationen . . . Die Bibliographie von Arbeiten in deutschen Zeitschriften erwecken ganz überwiegend den Eindruck, als seien sie der Darstellung der englischsprachigen Literatur vorbehalten; und vielfach betrifft die auffallende Ignorierung deutschsprachiger Publikationen eine auch fachlich dilettantische Ignoranz von Wissensgrundlagen und neuen Erkenntnissen, denen die fremdsprachigen unter der nahezu mythologischen Prämisse der Höherwertigkeit vorgezogen werden. Es gehört offenbar noch zu unserer Nachkriegs-Nationalpsychologie, dass unter Missachtung der eigenen Sprache und der eigenen Tradition die fremdsprachige Artikulation einen schon primär unterbewussten Vorzug größerer Glaubwürdigkeit und höherer Kompetenz genießt. Wer etwas auf sich hält, der liest nur englischsprachige Zeitschriften, und er publiziert auch nur englischsprachig: seine deutsche Sprache gewährt er nur der Fortbildung. Er ist auch kaum geneigt, inländische also deutschsprachige Erkenntnisse in seinen auswärtig publizierten Arbeiten bekannt zu machen, unter der Annahme, dass deutsche Autorennamen und Literaturzitate deutscher Herkunft unbeachtet oder als minderbewertet den Autor belasten könnten. Meine eigene Erfahrung ist sogar die, dass deutschsprachig publizierte Arbeiten überhaupt nicht mehr gelesen werden und damit also ihren Wert für die Entwicklung von Erkenntnissen verlieren . . .
Prof. Dr. med. F. Schilling, Hebbelstraße 20, 55127 Mainz
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