ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2002Lebensreform: Zeit des Aufbruchs

VARIA: Feuilleton

Lebensreform: Zeit des Aufbruchs

Dtsch Arztebl 2002; 99(4): A-213 / B-183 / C-171

Apke, Bernd

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Fotos: Institut Mathildenhöhe
Fotos: Institut Mathildenhöhe
Die Reformbewegungen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkommen, gipfeln in einer „allumfassenden Erneuerung des Lebens“.


„Ich glaube, dass die Vegetarier mit ihrer Vorschrift, weniger und einfacher zu essen, mehr genützt haben als alle neueren Moralsysteme zusammengenommen.“ Das Pathos dieser gewagten Aussage stammt nicht von einem Vertreter der Alternativbewegung vor zwei Jahrzehnten, sondern von Friedrich Nietzsche, dem geistigen Dreh- und Angelpunkt um 1900.
Nietzsche in dieser Weise für den Vegetarismus zu vereinnahmen ist nicht üblich, aber durch den Besuch der Darmstädter Ausstellung zur „Lebensreform“ relativiert sich manches. Im Reformhaus einkaufen und anschließend wandern gehen, im Bodybuilding-Studio schwitzen und dann am FKK-Strand liegen: alles in vergleichbarer Weise schon einmal da gewesen. Bereits einige der Ururgroßeltern sind entsprechend aktiv und dabei Teil von Reformbewegungen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkommen, in der Zeit um 1900 gipfeln und sich verschiedenen Bereichen einer umfassenden Erneuerung des Lebens widmen.
Ausgangspunkt ist die als träge, steif und einengend empfundene Gesellschaft der Kaiserzeit, die die Frauen in ein Korsett sperrt und von den Männern gravitätische Korpulenz erwartet. Man hat genug von den Folgen der Industrialisierung mit ihren wuchernden Städten. Man möchte weg von normiertem Sex, der der Arterhaltung zu dienen hat, und sucht gleichzeitig nach geistiger Sinnstiftung, die man in den Kirchen nicht mehr zu finden meint.
Paula Modersohn-Becker: Mutter und Kind (1907), Öl auf Leinwand, Museum am Ostwall Dortmund
Paula Modersohn-Becker: Mutter und Kind (1907), Öl auf Leinwand, Museum am Ostwall Dortmund
Es ist die Zeit des großen Aufbruchs. Eine Erneuerungsbewegung erfasst die Menschen um 1900, ganz so, wie sie der Maler Ludwig von Hofmann in einem Bild festhält: Ein nackter Jüngling mit zwei jungen Frauen in körperbetonten Kleidern schreitet dem offenen Meer entgegen, wo Sonnenlicht und heftiger Wind Körper und Geist beleben. Jugendlichkeit ist angesagt, und als „Jugendstil“ bezeichnet man folgerichtig auch eine Kunstrichtung dieser Zeit, die die Wohnungen entrümpeln und stattdessen mit Möbeln ausstatten will, die sich an Material und Funktion ausrichten und deren Schlichtheit sich häufig an Formen der Natur orientiert.
Die Ausstellung in Darmstadt, einem Ort, der neben München als das deutsche Jugendstilzentrum gilt, hat nicht nur zum Jugendstil hohe Qualität zu bieten. Spannend ist die Schau dabei nicht der populären Namen, wie Ernst Ludwig Kirchner oder Ferdinand Hodler wegen. Es sind stattdessen die Werke weniger bekannter Künstler, die die ganze Spannbreite der Kunst der Lebensreform aufblättern. Minnes zauberhaft in sich versunkene Skulptur eines grazilen, knienden Jünglingsaktes kommt einer geschlechterübergreifenden Androgynie recht nahe. Metzners monumentale Skulptur der „Erde“ hingegen wird von einem vor Kraft schier explodierenden, aus seiner kauernden Haltung erwachenden Männerakt symbolisiert und steht damit gleichzeitig, neben der Androgynie, für eines der neuen Ideale von „Mann“. Fortan muss der sich in freier Natur stählen, um der Frau, die sich ihres Körpers nun ebenfalls bewusst wird und ihr Gewicht beispielsweise durch die neuen Ausdruckstänze reduziert, etwas Anziehendes bieten zu können.
Immer mehr Frauen ergeben sich um 1900 zudem nicht mehr in ihr Schicksal, sondern engagieren sich in der neuen Frauenrechtsbewegung für politische und gesellschaftliche Mitbestimmung. Und, auch dies schon, gegen das Abtreibungsverbot, das bereits damals vielfach als männliches Machtgebaren empfunden wird.
Die groß angelegte Ausstellung ordnet die Exponate aus allen Bereichen sechs übergreifenden Themen zu. Neben „Körper“, „Natur“, „Leben“, „Lebenspraxis“ und „Seele“ findet sich auch der Oberbegriff „Geist“. Dort stößt man beispielsweise auf recht esoterische Zeichnungen und Schriften eines Rudolf Steiner, der die Anthroposophie begründete.
Einer der Reize der Ausstellung besteht eben, neben manchem ästhetischen Genuss, genau darin: Zeitgenössische Verhaltensweisen und Vorstellungen werden auf ihre historischen Ursprünge zurückgeführt und so hinterfragbar. Will man Genaueres erfahren, sei man guten Gewissens auf die zwei gleichsam enzyklopädischen und deshalb schwergewichtigen Katalogbände verwiesen. Bernd Apke
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