ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2002Internate: „Kinder spüren, welche Schule zu ihnen passt“

VARIA: Bildung und Erziehung

Internate: „Kinder spüren, welche Schule zu ihnen passt“

Dtsch Arztebl 2002; 99(4): A-218 / B-172 / C-178

Bühring, Petra

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Nach zwei Jahren auf einem britischen College sprechen die Schüler nahezu muttersprachliches Englisch. Foto: Euro-Internatsberatung
Nach zwei Jahren auf einem britischen College sprechen die Schüler nahezu muttersprachliches Englisch. Foto: Euro-Internatsberatung
Die Euro-Internatsberatung veranstaltet regelmäßig allgemeine Beratungstage für Schüler und Eltern.

Früher haben viel mehr Ärzte ihre Kinder auf Internate geschickt – die Einkommen scheinen gesunken zu sein“, bemerkt Jörg Müller, Marketingleiter der Euro-Internatsberatung (Euro) im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Geld brauchen Eltern in der Tat, die ihr Kind auf ein Internat schicken wollen: zwischen 350 € im Monat für ein staatlich gefördertes Internat und 3 500 € für eine Elite-Schule in der Schweiz oder den USA – Nebenkosten nicht eingerechnet. Die Klientel der Münchener Internats-Vermittlungsagentur kommt aus der oberen Mittelschicht. Der Rahmen für die Elternberatungstage, das elegante Dom-Hotel in Köln, war also passend gewählt.
Jeweils im Januar und im Juni, kurz vor den Zeugnissen, führt Euro in 16 deutschen Städten Beratungstage für Eltern und Schüler durch. Der Vorteil für Eltern, die mit dem Gedanken spielen, ihr Kind auf ein Internat zu schicken: Euro erstellt ein Persönlichkeitsprofil des Kindes und trifft eine Vorauswahl von drei Internaten. „Wir können aufgrund unserer 20-jährigen Erfahrung feststellen, welches Kind in welche Schule – die
wir alle persönlich kennen – passt“, erklärt Müller, der zuvor das Internat Schloss Neubeuern in Bayern geleitet hat. Euro bereitet die Reise zu diesen Schulen vor, und den Rest sollte das Kind selbst entscheiden. „Kinder haben ein sehr gutes Gespür für das, was zu ihnen passt.“ Die Internatsberatung betreut das Kind auch während des Aufenthalts, was besonders bei Schulen im Ausland wichtig ist: zu unterschiedlich sind oft die Schulsysteme. Der Service ist für Eltern kostenfrei; das Geld verdient die GmbH mit den Provisionen der Schulen, beispielsweise zehn Prozent des Jahresunterhalts für den Schüler.
Weg vom Image der Problemlösung für Reiche
Die häufigsten Gründe, warum Eltern ein Internat für ihr Kind suchen, sind schulische Probleme, erklärt Müller, gefolgt von beruflich sehr eingespannten Eltern, die keine Zeit für die Erziehung haben, und bereits eskalierten Situationen, in denen die Beziehung zwischen Eltern und Jugendlichem nicht mehr funktioniert. Das sind Gründe, die dem Internat das Image als Problemlösung für Gutverdienende verpassen. „Dieses Bild in den Köpfen sollte sich ändern“, sagt Müller. Als Vorbild zeigt er auf die Tradition der angelsächsischen Länder, wo es als Privileg gilt, ein Internat besuchen zu dürfen.
Bei den Beratungstagen erhalten Interessierte zunächst allgemeine Informationen über die Vorteile des Internatsbesuchs und die Unterschiede in den jeweiligen Ländern. Ullrich Kintscher, der 15 Jahre Leiter der Hermann Lietz-Schule Schloss Bieberstein in Hessen war, spricht aus Erfahrung: „Die Schüler lernen Teamgeist und Fairness, sie entwickeln sich zu Persönlichkeiten.“ Internate bieten kleine Klassen, hoch motivierte Lehrer, einen klar strukturierten Tagesablauf und eine ganzheitliche Erziehung. Die öffentliche Halbtagsschule sei reduziert auf Wissensvermittlung, im Internat könne das Wissen viel praktischer vermittelt werden. Beispielsweise, wenn auf einem zweiwöchigen Segelschifftrip Astronomie und Nautik unterrichtet werden. Kintscher betont jedoch: „Im Internat herrscht keine Hanni-und-Nanni-Romantik, es gibt auch Probleme.“
Euro vermittelt Schüler in die Schweiz, Großbritannien, USA und Kanada. „Zurzeit werden die Schweizer Internate verstärkt nachgefragt, weil sie die internationalsten sind“, berichtet Kintscher. Eine multikulturelle Erziehung ergebe sich von selbst, wenn Schüler aus 30 Nationen zusammenleben. Aus den im Internat geknüpften Kontakten entstehe ein weltweites Netzwerk, das meist ein Leben lang hält. Die Schweizer Internate legen besonderen Wert auf die formale Erziehung: Benimm-, Tisch- und Kleidungsregeln müssen sitzen.
Deutsche Schüler, die ein Internat in Großbritannien besuchen, sprechen bereits nach zwei Jahren fast perfektes Englisch, betont Müller, der selbst ein Internat in England geleitet hat. Diesen Vorteil bietet auch die USA, doch die relative Nähe der britischen Insel erleichtere vielen Eltern die Entscheidung. In Großbritannien ist für den Erwerb der Hochschulreife (A-Levels) – die bereits nach 12 Schuljahren erworben werden kann – ein höherer Grad an Spezialisierung möglich als beim Abitur. Das heißt, Schüler können je nach Neigung zum Beispiel Naturwissenschaften ganz ausklammern. Für ein Studium in Großbritannien bieten die A-Levels beste Voraussetzungen, für deutsche Universitäten sind sie jedoch nicht ausreichend. Allerdings bieten immer mehr Schulen den Erwerb des International Baccalaureate an, dem weltweit anerkannten und zugleich anspruchsvollsten Abschluss.
„Die Top-Schulen in den USA haben eine unvorstellbare Ausstattung“, betont Müller. Sie bieten optimale Bedingungen für Sportbegeisterte und naturwissenschaftlich Interessierte. Die Tradition des „Old boys network“ verhelfe den Schulen zu Geld: Jeder ehemalige Schüler fühle sich verpflichtet, seinem Internat etwas zu spenden beziehungsweise die Absolventen in ihrer Karriere zu unterstützen (Alumni-System). Der amerikanische Highschool-Abschluss wird von deutschen Universitäten nicht anerkannt. Spezielle Kurse, die auf einem sehr hohen Niveau durchgeführt werden, vervollständigen den Abschluss erst zur allgemeinen Hochschulreife. „Doch die meisten wollen nicht mehr nach Deutschland zurück und studieren in den USA“, weiß der Berater.
Petra Bühring

Kontakt-Adresse
Euro-Internatsberatung, Grillparzerstraße 46, 81675 München, Telefon: 0 89/45 55 55 0, Fax: 0 89/45 55 55 44, Internet: www.gledon.de (global education online)

Stipendien 2002
Für dieses Jahr stellen die Partnerschulen der Euro-Internatsberatung 130 Stipendien im Wert von 1,2 Millionen Euro zur Verfügung. Für die Stipendien, die jeweils 50 Prozent des Schul- und Internatsgeldes umfassen, können sich leistungsstarke Schüler mit einem Notendurchschnitt über 2,0 bewerben. Unterlagen können bei der Euro-Internatsberatung angefordert werden.
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