ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2002Interview - Waldorfpädagogik und Neue Medien: „Kinder brauchen die sinnliche Wahrnehmung“

VARIA: Bildung und Erziehung

Interview - Waldorfpädagogik und Neue Medien: „Kinder brauchen die sinnliche Wahrnehmung“

Dtsch Arztebl 2002; 99(4): A-221 / B-175 / C-173

Bühring, Petra

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Peter Lang ist Leiter der Freien Fachschule für Sozialpädagogik, Stuttgart. Foto: privat
Peter Lang ist Leiter der Freien Fachschule für Sozialpädagogik, Stuttgart. Foto: privat
Computerschulen für Vorschulkinder haben Konjunktur.
Bildungspolitiker streben den Einsatz von Neuen Medien in Kindergärten an. Eltern kaufen Lern- und Spielsoftware für die Kleinsten. Die Waldorfpädagogik dagegen lehnt den Umgang mit Computern im Kindergartenalter ab.
Der Pädagoge Peter Lang, Leiter der Freien Fachschule
für Sozialpädagogik – Waldorfkindergartenseminar –,
Stuttgart, zu den Gründen



DÄ: Warum stehen Sie dem Computereinsatz im Vorschulalter skeptisch gegenüber?
Peter Lang : Waldorfpädagogik hat nichts mit Technikfeindlichkeit zu tun, auch wenn ihr das häufig unterstellt wird. Sie teilt aber auch nicht blindlings die vorherrschende Computer-Euphorie. Die Waldorfpädagogik fragt wann, wie, mit welchem Ziel das Kennenlernen und Beherrschen des Computers sinnvoll ist und wann noch nicht – im Kindergartenalter definitiv nicht.

DÄ: Warum nicht?
Peter Lang : Kinder brauchen die sinnliche Wahrnehmung, um verstehen zu können. Sie sollten der Welt aus „erster Hand“ begegnen, das heißt sie tasten, schmecken, riechen, hören und sehen. Denn der Weg kindlicher Erkenntnis führt im wahrsten Sinne des Wortes vom Ergreifen zum Begreifen. Der Computer dagegen bietet immer nur eine Welt aus „zweiter Hand“, er liefert Kopien und Imitate, Illusionen. Auch das beste Mal- und Bastelprogramm auf der zweidimensionalen Bildschirmfläche bringt mit dem virtuellen Pinsel und der Schere nicht annähernd das Lernerlebnis, das mit realen Farben und Materialien verbunden ist.
Wer die Welt erforschen will, muss sich bewegen. Für Kinder bedeutet das springen, klettern, balancieren, seilhüpfen, graben, aber auch malen, kneten und Gemüse schnippeln, um dabei die Feinmotorik zu entwickeln.
Bereits in den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts erkannte der Schweizer Psychologe Jean Piaget in der Bewegung des Kindes eine wesentliche Grundlage für dessen kognitive, soziale und emotionale Entwicklung. Er wusste: Wer seinen Gleichgewichtssinn nicht entwickelt, hat auch Probleme mit der seelischen Balance. In dem Maß wie die Sinnesentwicklung beeinträchtigt ist, ist auch die Verstandesentwicklung gestört. Auch das Auge ist ein Bewegungsorgan. Beim Nah- oder in die Ferne Sehen ist die Augenlinse in ständiger Bewegung, die Pupille weitet oder verengt sich, je nach den Lichtverhältnissen. Beim Umgang mit dem Computer ist diese Bewegungsbereitschaft deutlich herabgesenkt. Der Entfernungsabstand zwischen Auge und Gerät bleibt immer gleich, die Dreidimensionalität des natürlichen Raumes ist aufgehoben und zur Zweidimensionalität reduziert. Der Blickwinkel des Kindes, normalerweise bis etwa 180 Grad weit, verengt sich auf 70 bis 80 Grad.

DÄ: Sie meinen, die gesunde Entwicklung des Kindes wird beeinträchtigt?
Peter Lang: Welche Faktoren spielen denn neben Liebe, Geborgenheit und sicheren sozialen Beziehungen für die gesunde Entwicklung eines Kindes eine Rolle? Es sind erstens die Verstehbarkeit der Welt. Das bedeutet für das kleine Kind, dass es überschaubare, nachahmbare und sinnvolle Handlungsabläufe erlebt und umsetzt. Zweitens: Handhabbarkeit, das heißt, Vertrauen zu gewinnen, aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer Menschen Aufgaben meistern zu können, und drittens: Sinnhaftigkeit der eigenen Lebensgestaltung, zu lernen, sich für sinnvolle Ziele und Projekte anzustrengen, zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen. Zu all dem kann der Computer in der frühen Kindheit nichts beisteuern. Im Gegenteil, er wirkt behindernd.

DÄ: Ab welchem Alter halten Sie Kinder für reif genug, mit dem Computer umzugehen?
Peter Lang: Wenn ich es mir wünschen könnte, frühestens ab dem 12. oder 13. Lebensjahr. In den ersten Schuljahren bis in die Pubertät hinein kommt es darauf an, die Begabungen der Kinder zu erkennen und zu fördern, ihre Interessen und Neigungen zu wecken. Kinder müssen erst lernen, Illusion und Realität sicher auseinander zu halten, Ursache und Wirkung klar zu unterscheiden und in sinnvolle Zusammenhänge zu bringen. Wir Erwachsene sollten uns von der Je-früher-desto-besser-Haltung verabschieden und mehr zu einer Alles-zu-seiner-Zeit-Pädagogik kommen. Kinder haben keinen Vorteil davon, wenn Erfahrungen, die sie zu einem späteren Zeitpunkt lohnend machen könnten, immer früher auf sie zukommen.
DÄ: Arbeiten Waldorfschulen mit Computern im Unterricht?
Peter Lang: Wir beginnen mit der Heranführung an diese Technologie meistens in der achten oder neunten Klasse und differenzieren sie mehr und mehr bis zur 12. Klasse hin. Dabei ist das Unterrichtsziel nicht allein, mit dem Computer umzugehen, sondern ihn zu erforschen und zu verstehen. Bevor die Jugendlichen in der 12. Klasse eigene Hardware bauen und die passende Software schreiben, lernen sie zuvor die digitale Elektronik kennen.
Die Schüler hatten vor dem Computer-Einsatz genug Zeit, neben kognitiven auch soziale, emotionale und künstlerisch-handwerkliche Fähigkeiten zu entfalten. Sie sind am Ende ihrer Schulzeit alt genug zu verstehen, dass die Maschine nur ein Hilfsmittel ist, um inhaltli-che Aufgaben zu lösen. Die Inhalte aber bestimmt der Mensch.
Interview: Petra Bühring

Die Broschüre „Kinder und Computer“, Nummer 7 aus der Reihe „Recht auf Kindheit – Ein Menschenrecht“, herausgegeben von der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten e.V., Stuttgart, befasst sich ausführlich mit diesem Thema. Erschienen sind bisher acht Hefte mit verschiedenen Themenschwerpunkten, die einen Einblick in die heutige Waldorfpädagogik geben. Zu beziehen unter Fax: 07 11/26 84 47 44.
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