ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2002Künstliche Befruchtung: ICSI wird Kassenleistung

POLITIK

Künstliche Befruchtung: ICSI wird Kassenleistung

Dtsch Arztebl 2002; 99(5): A-248 / B-213 / C-199

Korzilius, Heike

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LNSLNS Neue Studienergebnisse und ein Urteil des Bundessozialgerichts zwingen zur Aufnahme in den Leistungskatalog.


Die künstliche Befruchtung durch Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) soll nun doch Bestandteil des Leistungskatalogs der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung werden. „Die aktuelle Studienlage zur ICSI lässt in Verbindung mit den Vorgaben des Bundessozialgerichtes keinen anderen Schluss zu“, begründete der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, die Entscheidung, die der KBV-Vorstand trotz großer Bedenken am 18. Januar in Berlin getroffen hatte.
Die seit Jahren andauernde Diskussion darüber, ob das Verfahren als Kassenleistung anerkannt werden kann, ist damit vorerst beendet. Im Oktober 1997 hatte der Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen eine Anerkennung abgelehnt. Es sei noch nicht ausreichend untersucht, ob es nach Anwendung des Verfahrens zu einer erhöhten Missbildungsrate komme, hieß es damals.
Lübecker Studie weist nur gering höhere Risiken aus
Inzwischen hat sich die Lage geändert. Die „Lübecker Studie“ hat ergeben, dass Säuglinge nach einer mittels ICSI eingeleiteten Schwangerschaft 1,3fach häufiger fehlgebildet sind als Kinder, die auf „natürlichem“ Weg gezeugt wurden. Die Methode birgt damit kein relevantes Risiko für kindliche Fehlbildungen, folgerten die an der Studie beteiligten Wissenschaftler. Daneben hatte das Bundessozialgericht im letzten Jahr geurteilt, dass die gesetzlichen Krankenkassen Methoden der künstlichen Befruchtung unabhängig davon bezahlen müssen, ob ein erhöhtes Risiko von Missbildungen besteht. Die Entscheidung darüber, ob sie ein solches Risiko eingehen wollen, habe der Gesetzgeber den Eltern überlassen, hieß es in dem Grundsatzurteil vom 3. April (Az.: B 1 KR 40/00). Das Gericht beurteilte den Beschluss des Bundes­aus­schusses von 1997 als „mit höherrangigem Recht unvereinbar und damit unwirksam“ und verpflichtete die Krankenkassen, die Kosten für das ICSI-Verfahren zu übernehmen. Es kritisierte zugleich, der Bundes­aus­schuss habe seine Entscheidung nicht auf das Missbildungsrisiko abstellen dürfen. Der Gesetzgeber habe 1990 die künstliche Befruchtung in die Leistungspflicht der Krankenkassen aufgenommen, obwohl auch bei der In-vitro-Fertilisation ein erhöhtes Risiko von Behinderungen bestehe. Voraussetzung sei lediglich eine Beratung der Eltern über alle Risiken.
Eltern sollten sich vom Arzt ausführlich beraten lassen
Vor diesem Hintergrund können es die Ärzte im Bundes­aus­schuss nicht ablehnen, die ICSI-Methode in den Leistungskatalog aufzunehmen, heißt es bei der KBV. „Jeder, der in dieses Verfahren seine Hoffnung setzt, sollte sich aber von seinem Arzt intensiv über mögliche Risiken aufklären lassen und erst danach seine Entscheidung treffen“, sagte Richter-Reichhelm. Nur in rund 25 Prozent der Fälle kann über ICSI eine Schwangerschaft herbeigeführt werden.
Sorge dürften den Kassenärzten auch die zu erwartenden Zusatzkosten durch die Aufnahme der neuen Methode in den Leistungskatalog der GKV bereiten. Sie gehen von einem jährlichen Finanzbedarf von 100 bis 150 Millionen A aus. Bisher haben es die Kassen stets abgelehnt, zusätzliches Geld für neue Leistungen bereitzustellen. HK
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