ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2002Psychosomatische Medizin: „Ureigenste ärztliche Aufgabe“

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Psychosomatische Medizin: „Ureigenste ärztliche Aufgabe“

Dtsch Arztebl 2002; 99(5): A-250 / B-196 / C-184

Kettler, Richard

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LNSLNS Der Autor grenzt die Tätigkeit des Facharztes für
Psychotherapeutische Medizin von den übrigen
psychotherapeutischen Fachgebieten ab.


Der Deutsche Ärztetag hatte 1992 mit der Einführung des neuen Fachgebietes „Psychotherapeutische Medizin“ die Integration der Psychosomatik in die Medizin konsequent weiter geführt und damit einem erweiterten Krankheitsverständnis Rechnung getragen. Inzwischen sind rund 3 000 Fachärzte ambulant tätig.
Der Wirksamkeitsnachweis von Psychotherapie bei psychogenen und
psychosomatischen Störungen durch Dührssen und Jorswieck in den 60er-Jahren ermöglichte es, entsprechende Leistungen in die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung einzuführen. Zugleich wurde die Aufnahme der psychosomatischen Medizin als Pflichtfach in die ärztliche Approbationsordnung begünstigt.
Die Bezeichnung des Fachgebiets „Psychotherapeutische Medizin“ ist unglücklich gewählt. Mit der Bezeichnung „Psychosomatische Medizin und Psychotherapie“ soll das eigenständige, wissenschaftliche Paradigma der pathogenen, seelisch-körperlichen Wechselwirkungen besser zum Ausdruck kommen. Ein Antrag auf Umbenennung liegt dem Deutschen Ärztetag vor. Damit wäre die Identifizierung und Abgrenzung des Faches als ärztliches Versorgungsgebiet leichter möglich und die Terminologie in Approbations- und Weiter­bildungs­ordnung vereinheitlicht. Der Zusatz „Psychotherapie“ unterstreicht einen wichtigen Inhalt des Gebietes.
Der Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM) weist bisher kein fachspezifisches Leistungskapitel für dieses spezielle Gebiet aus. Der Facharzt ist auf die Methoden der Richtlinienpsychotherapie angewiesen. Damit kann er jedoch sein niedrigschwelliges, psychosomatisches Versorgungspotenzial weder bedarfsgerecht noch gesundheitsökonomisch sinnvoll entfalten. Der Berufsverband der Fachärzte für Psychotherapeutische Medizin e.V. (BPM) fordert daher seit Jahren ein eigenes Leistungskapitel zusätzlich zu den Methoden der Richtlinientherapie im EBM. Begrüßenswert ist, dass im Entwurf des neuen „EBM 2000 plus“ erstmalig ein solches Kapitel vorgesehen ist.
Dies stößt jedoch auf Widerstände der Richtlinienpsychotherapeuten. Sie befürchten, dass der Facharzt mit einer unbegrenzten Leistungsmenge die Psychotherapierichtlinien unterlaufen könnte. Abgesehen davon, dass die Leistungsbegrenzung in den Honorar-Verteilungsmaßstäben der Kassenärztlichen Vereinigungen geregelt ist und nicht Opportunitätserwägungen von Verbänden folgt, sind solche Befürchtungen unbegründet: Der Facharzt nimmt der Richtlinienpsychotherapie nichts weg, da seine Leistung ärztliche Kompetenz erfordert, über die der Richtlinienpsychotherapeut nicht verfügen muss. Denn dieser arbeitet selektiv methodenorientiert – auch wenn er Arzt ist. Der Facharzt für Psychotherapeutische Medizin hingegen arbeitet medizinisch-psychotherapeutisch versorgungsorientiert, wobei er weiterhin die Methoden der Richtlinien einsetzen wird, die er beherrscht.
Die – umstrittene sozialrechtliche – Integration der Psychologischen Psychotherapeuten in die vertragsärztliche Versorgung berührt auch Fragen des beruflichen Selbstverständnisses der Akteure: Die „Psychologisierung der Medizin“ gerät mit dem ärztlichen Selbstverständnis und die von der Medizin erwünschte „Medizinalisierung der Psychotherapie“ vor allem mit dem psychoanalytischen Selbstverständnis in Konflikt. Hierauf weisen einige Reaktionen hin: Psychologische Psychotherapeuten fordern die Erlaubnis für ärztliche
Verrichtungen, analytische Richtlinientherapeuten werten es als Kunstfehler, wenn ein Arzt auch medizinische Maßnahmen während einer Psychotherapie durchführt, und stellen die Übertragbarkeit des medizinischen Krankheitsmodells auf die Psychotherapie infrage. Die paradox erscheinenden Widerstände von ärztlichen Psychoanalytikern gegen jenes Gebiet, das sie selbst auf dem Praxisschild führen, ist Ausdruck eines Konflikts zwischen ihrer psychoanalytischen und ihrer ärztlichen Identität, der durch das Psychotherapeutengesetz virulent geworden ist.
Ziel: Medizinalisierung der Psychotherapie
Die psychosomatisch-psychotherapeutische Versorgung muss als ureigenste ärztliche Aufgabe begriffen werden. Etwaige Ansprüche der Psychologischen Psychotherapeuten auf ärztliche Kompetenzen müssen zurückgewiesen werden. Die Befruchtung der Medizin durch die Psychologie war und ist erwünscht; es ist jedoch nicht gleich-gültig, in welcher Form: Erwünscht ist die Integration psychosomatischen Denkens in die ärztliche Identität zur Herausbildung einer entsprechend handelnden Arztpersönlichkeit. Hierfür sind Weiterbildungsstrukturen günstig, die nicht in Konkurrenz zur ärztlichen Identität treten, wie es in einer methodenorientierten psychotherapeutischen Weiterbildungssozialisation möglich war. Unerwünscht ist eine alleinige Repräsentanz der Psychotherapie in der Medizin durch die Psychologie. Die Verankerung psychotherapeutischer Kompetenz in der psychosomatischen Medizin kann Teil einer Facharztidentität werden, die die andernorts gefürchtete Medizinalisierung der Psychotherapie als Verwirklichung eines seit langem angestrebten ärztlichen Ziels ansieht. Dr. med. Richard Kettler, Berlin
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