ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2002Infektionsschutzgesetz: Problematische Bestimmungen

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Infektionsschutzgesetz: Problematische Bestimmungen

Dtsch Arztebl 2002; 99(5): A-258 / B-202 / C-190

Müller, Hans E.

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Pockenviren. Foto: Gopal Murti/Mauritius
Pockenviren. Foto: Gopal Murti/Mauritius
Bei endemischen Infektionen verfehlt das Gesetz sein Ziel,
Infektionskrankheiten frühzeitig zu erkennen.

Das Infektionsschutzgesetz (IfSG), das im Januar 2001 in Kraft getreten ist, nennt als hoch gestecktes Ziel, „Infektionen frühzeitig zu erkennen und ihre Weiterverbreitung zu verhindern“. Das ist bei nichtendemischen, importierten Infektionskrankheiten ein realistischer Ansatz, bei endemischen dagegen ziemlich aussichtslos – zumal das IfSG auch nicht zwischen exogenen und endogenen Infektionen differenziert. So macht § 37 die Badbetreiber selbst für endemisch-endogene Infektionen von Badenden verantwortlich, wenn die Grenzwerte für das Badewasser überschritten und damit exogene Infektionen wahrscheinlich werden.
Nicht meldepflichtig sind die hoch kontagiösen Erreger von nord- und südamerikanischer Blastomykose, Histoplasmose und Kokzidioidomykose, obwohl sie ständig von Touristen eingeschleppt werden. Zudem eignet sich die Kokzidioidomykose auch für Bioterrorismus. Andere nichtendemische Infektionskrankheiten wurden mit unrichtigen amtlichen Begründungen aus der Meldepflicht entlassen.
Entfallene Meldepflicht von Rotz unrichtig begründet
Ulcus molle sei leicht zu diagnostizieren, heißt es. Das stimmt allerdings nur für Experten. Hierzulande ist es eine seltene Importkrankheit. Sie wird keineswegs prima vista diagnostiziert und beschwört so die Gefahr einer unkontrollierten Ausbreitung. Das ebenfalls nichtendemische Lymphogranuloma venereum soll in Sentinel-Erhebungen erfasst werden. Doch dazu fehlt die diagnostische Methodik.
Unrichtig ist ferner die amtliche Begründung für die entfallene Meldepflicht von Rotz. Er sei „bis auf einige wenige kleinere Herde – vor allem in Asien – in der Welt erloschen“. Keineswegs, kleine Rotzherde gibt es aber nicht nur in Asien und hier bereits im Vorderen Orient, sondern auch in Afrika, Mittel- und Südamerika. Zudem lassen Rotzerreger aufgrund ihrer hohen Kontagiosität ein unkalkulierbares Risiko durch Bioterrorismus befürchten.
Die bei Pocken entfallene Meldepflicht wird mit der Ausrottung der menschlichen Pockenerreger begründet, aber noch immer existieren Laborstämme, möglicherweise sogar in Schurkenstaaten. Zudem werden Pocken nicht nur durch humane, sondern auch durch tierische Pockenviren verursacht. So sind die Katzen- beziehungsweise Kuhpocken-Erkrankungen in den letzten Dekaden im gleichen Maß gestiegen, wie der Anteil der nicht mehr geimpften Population und parallel die Zahl der besonders gefährdeten Atopiker gewachsen ist. Noch gefährlicher sind die Affenpocken.
Die unter das IfSG fallenden Krankheiten sind in § 6, die Erreger in § 7 genannt. Grund für die Aufspaltung der Meldepflicht in Krankheiten und Erreger war die bisher geringe Meldefreudigkeit der Ärzte, die für ihre Patienten bei einer Meldung mehr Nach- als Vorteile sehen konnten. Deshalb wurde die Liste der nach § 6 IfSG von Ärzten zu meldenden Krankheiten gekürzt, und dafür wurden die Laboratorien verpflichtet, die in § 7 IfSG aufgelisteten Erreger zu melden.
Die größte Hemmschwelle blieb mit der Meldepflicht bei Lebensmittelvergiftung oder akuter infektiöser Gastroenteritis erhalten. Sinnvoll ist zwar eine Meldung von Beschäftigten im Lebensmittelbereich, aber kontraproduktiv bei einer so genannten Häufung von zwei gleichartigen Durchfallerkrankungen. Das kommt in Familien häufig vor. Nur bei nosokomialen Infektionen ergeben sich daraus effektive Konsequenzen.
Die ebenfalls von Ärzten nach § 6 IfSG bei Krankheitsverdacht, Erkrankung und Tod namentlich zu meldende humane spongioforme Enzephalopathie, außer den familiär-hereditären Formen, ist als Meldetatbestand in zweifacher Hinsicht widersprüchlich. Einerseits wird die namentliche Meldung mit dem Erfordernis raschen Handelns durch das Gesundheitsamt begründet. Doch bei einer Inkubationszeit nach oraler oder parenteraler Infektion von zwei bis 40 Jahren kommen alle denkbaren Schutzmaßnahmen der Behörden zu spät. Andererseits erfordert der Schutz der Allgemeinheit vor parenteraler Übertragung durch Blut oder Gewebe von Patienten mit transmissibler spongioformer Enzephalopathie die Einbeziehung auch der familiär-hereditären Formen. Von ihnen geht das gleiche Risiko aus.
Weiterhin bedingt das duale Meldesystem einige Probleme, die der Gesetzgeber wohl unzureichend bedacht hat. Einerseits sind die früher nach § 3 BSeuchG und nun nach § 6 IfSG zu meldenden Krankheitsbilder zwar nicht so gut definiert wie die Erreger, aber andererseits sind ihre Beschreibungen vergleichbar exakt und ihre Phänomenologie konstant. Dagegen sind die Beschreibungen der nach § 7 IfSG zu meldenden Erreger unterschiedlich konsistent. Ihre Taxonomie ist vom Stand des aktuellen Wissens abhängig, und die Namen müssen der international gültigen Taxonomie folgen. Das bedingt eine fortlaufende Aktualisierung der meldepflichtigen Erreger in § 7 IfSG.
Leider ist das IfSG bereits mit mehreren teils obsoleten, teils unvollständigen Erregernamen gestartet: Bei darmpathogenen Campylobacter-Arten fehlen die Arcobacter- und Helicobacter-Arten. Neben Clostridium botulinum gibt es drei weitere Botulismuserreger: Cl. argentinense, Cl. barati und Cl. butyricum. Auch Cryptosporidium parvum ist nicht der einzige Erreger dieser Gattung, humanpathogen sind auch Cr. andersoni, Cr. felis und Cr. wrairi. Ferner führen neben Leptospira interrogans auch Le. borgpetersenii, Le. kirschneri und Le. weilii zu Leptospirose. Bei den Tuberkuloseerregern fehlt das Mycobacterium microti.
Vorgaben werden die Arbeit in Zukunft erschweren
Neben Norwalk-ähnlichen Viren kennt man Adeno-, Astro-, Parvo- und viele andere Viren als Enteritis-Erreger. Trichinose wird nicht nur durch Trichinella spiralis, sondern auch durch die hier ebenfalls endemischen Tr. pseudospiralis und Tr. britovi sowie wenigstens drei weitere, importierbare Trichinen-Arten hervorgerufen. Und neben Yersinia enterocolitica ist die nicht genannte Y. pseudotuberculosis mindestens genauso gefährlich.
Der Meldetatbestand Chlamydia psittaci existiert gar nicht mehr. Stattdessen gibt es vier neue Erreger, drei davon sind humanpathogen: Chlamydophila abortus, Chlamydophila felis und Chlamydophila psittaci. Schließlich verwischt der gesetzliche Erregername Salmonella paratyphi, dass es drei unterschiedliche Erreger von Paratyphus gibt: A, B und C. Derartige Vorgaben führen also schon heute zu einigen Schwierigkeiten. In Zukunft werden es noch mehr.

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Hans E. Müller
Laborpraxis John
Campestraße 7, 38102 Braunschweig
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