ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2002Rumänien: Kampf dem bösen Geist aus der Flasche

THEMEN DER ZEIT

Rumänien: Kampf dem bösen Geist aus der Flasche

Dtsch Arztebl 2002; 99(5): A-273 / B-217 / C-205

Jelenik, Armin

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LNSLNS In Rumänien gehen Alkohol und Armut eine teuflische Allianz ein:
Gerade einmal eine Einrichtung mit 21 Plätzen bietet eine Langzeittherapie an.

Ungewöhnliche Therapiemethode: Dr. Holger Lux (rechts) bei einer Gruppensitzung, in der mithilfe von Holzfiguren eine Familienaufstellung vorgenommen wird.
Ungewöhnliche Therapiemethode: Dr. Holger Lux (rechts) bei einer Gruppensitzung, in der mithilfe von Holzfiguren eine Familienaufstellung vorgenommen wird.

Die Schafe im Stall blöken, weil sie noch nichts zu fressen bekommen haben. In dem kleinen Schuppen nebenan wischt sich ein junger Mann, der Pflastersteine in einem großen Ofen brennt, den Schweiß von der Stirn, und draußen auf dem Hof zerlegen zwei Männer mit ölverschmierten Händen ein altes Mofa in seine Einzelteile. Wer im früheren evangelischen Pfarrhaus des kleinen rumänischen Dorfes Sura Mica (Kleinscheuern) in der Nähe von Sibiu (Hermannstadt) lebt, muss zupacken und kämpfen können: gegen den Alkohol und für das Überleben der einzigen stationären Langzeittherapie für Alkoholiker in Rumänien.
In dem osteuropäischen Land sind Alkohol und Armut eine besonders teuflische Allianz eingegangen: Wie in den meisten osteuropäischen Ländern ist der Alkohol in Rumänien ein ernsthaftes Problem, doch das Geld fehlt, um die Folgen zu bekämpfen. Das Haus „Nazareth“ in Sura Mica ist nach Angaben seines Leiters, Dr. Holger Lux (35), die einzige Einrichtung in Rumänien, die eine Langzeittherapie für Alkoholiker nach westlichem Vorbild anbietet. 16 Plätze für Männer und fünf für Frauen in einem Nachbardorf – mehr hat Dr. Lux der Sucht seiner Landsleute nicht entgegenzusetzen.
Der Grat zwischen toleriertem Alkoholkonsum und gesellschaftlicher
Isolation sei im Armenhaus Europas schmal, erklärt der Deutsch-Rumäne. „Viel Alkohol anzubieten und auch zu trinken gehört bei uns zu den traditionellen Bildern von Gastfreundschaft und männlicher Stärke. Doch wer süchtig geworden ist, wird ganz schnell als charakterlos und unmoralisch verurteilt.“
Tuica, ein doppelt gebrannter Schnaps, ist das Nationalgetränk der Rumänen und wird bei jeder Gelegenheit, oft schon am frühen Morgen, gereicht. In einer Armutsgesellschaft, die sich auch elf Jahre nach dem blutigen Putsch gegen den verhassten Diktator Nicolae Ceaucescu noch immer nicht ganz von der sozialistischen Herrschaft erholt hat, zählt der Anbau von Wein im eigenen Garten ebenso zu den Überlebensstrategien der armen Leute wie das schwarze Brennen von Hochprozentigem. Wie groß das Problem wirklich ist, kann niemand genau sagen. Der rumänische Staat und die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) geben den Alkoholkonsum der Rumänen mit zwölf Litern reinem Alkohol pro Kopf und Jahr an. Der tatsächliche Verbrauch dürfte durch schwarz gebrannte Alkoholika jedoch mindestens um die Hälfte höher liegen. Im europäischen Durchschnitt werden sieben Liter pro Jahr konsumiert. Dr. Lux vermutet, dass von seinen 22 Millionen Landsleuten mindestens eine Million alkoholkrank sind – ein europäischer Spitzenwert.
Beschäftigungstherapie und Geldquelle: Nelu Niamtu repariert im Hof des Hauses „Nazarath“ ein Mofa, das später zur Finanzierung der Therapie verkauft werden soll. Fotos: Armin Jelenik
Beschäftigungstherapie und Geldquelle: Nelu Niamtu repariert im Hof des Hauses „Nazarath“ ein Mofa, das später zur Finanzierung der Therapie verkauft werden soll. Fotos: Armin Jelenik
Etwa 200 von ihnen konnte der Arzt seit der Gründung der kleinen Therapieeinrichtung im Jahr 1993 wenigstens ein Stückchen weiterhelfen. Nach westlichem Vorbild bietet er zusammen mit einem Psychologen und einem Ergotherapeuten den Alkoholkranken eine drei bis sechs Monate dauernde Behandlung an, die vor allem auf Einzel-, Gruppengesprächs- und Beschäftigungstherapie setzt.
Die Gesichter der Patienten sprechen Bände: Die gerötete Haut berichtet von jahrelangem Alkoholmissbrauch, die schwachen, hinter dicken Brillen verborgenen Augen vom Raubbau an der Gesundheit, der wirre Bart vom sozialen Abstieg. Ungelenk schiebt ein etwa 45 Jahre alter Mann während der Gruppentherapie einige Holzfiguren auf dem Tisch umher, die in seinen großen Händen beinahe verschwinden. Elf Zuschauer sehen gespannt zu, wie vor ihnen aus einer Ansammlung von Holzmännchen das Abbild einer Familie entsteht, deren Strukturen vielleicht für die Alkoholabhängigkeit des Mannes verantwortlich sind. Solche „Familienaufstellungen“ sind in Rumänien bislang noch gänzlich unbekannte Therapiemethoden, doch der Erfolg gibt Dr. Lux Recht: 80 Prozent seiner Patienten hätten die Therapie bislang regulär abgeschlossen, etwa die Hälfte von ihnen lebe nach wie vor abstinent. Dem Arzt ist klar, dass seine Zahlen weniger als der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein bedeuten, denn der rumänische Staat übe sich, heute wie damals unter Ceaucescu, bei der Suchtbekämpfung vor allem im Wegsehen. Die Definition der WHO, nach der Alkoholismus eine Krankheit ist, wird zwar auch in dem osteuropäischen Land anerkannt, doch praktische Konsequenzen hatte das bislang kaum.
Einen Einkommensausgleich oder Krankengeld für die Patienten, die in die monatelange Therapie im Haus „Nazareth“ kommen, gibt es nicht. Viele verlieren deshalb ihre Arbeitsstelle und ihre Wohnung. „Während der Entgiftung in der Psychiatrie habe ich genauso weiter gesoffen wie vorher“, beschreibt Nelu Niamtu die halbherzigen Bemühungen der staatlichen Kliniken, dem Problem Herr zu werden. Mit Bestechung, dem Prinzip, nach dem ein Großteil des rumänischen Alltags organisiert ist, sei auch in den Krankenhäusern an Alkohol heranzukommen, und oft greife der Arzt mit seinen Patienten gemeinsam zur Flasche. Heute kann Nelu Niamtu über diese Vorkommnisse lachen, denn mithilfe von Dr. Lux schaffte es der 36-Jährige vor vier Jahren, von seiner Sucht loszukommen. Er kann inzwischen wieder einer geregelten Arbeit nachgehen und tut dies mit großem Engagement in einem kleinen Schuppen im Hof des alten Pfarrhauses. Vor der Holzhütte beginnt er, zusammen mit einem Patienten, ein altes Mofa in seine Einzelteile zu zerlegen, um es nach einer gründlichen Reparatur verkaufen zu können. Kreativität ist gefragt, um die chronisch schlechte Finanzlage der Therapieeinrichtung zu verbessern, und so gehört das Geschäftemachen im Haus „Nazareth“ zum Alltag.
Mithilfe gefragt. Ein Patient bereitet zusammen mit einer Köchin Waffeln für den Nachmittagskaffee vor. Fotos: Armin Jelenik
Mithilfe gefragt. Ein Patient bereitet zusammen mit einer Köchin Waffeln für den Nachmittagskaffee vor. Fotos: Armin Jelenik
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Etwa 150 € kostet ein Therapieplatz im Monat – für deutsche Verhältnisse ein lächerlicher Betrag. Doch bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 75 € ist diese Summe für die meisten Rumänen ein kleines Vermögen. Eine Kran­ken­ver­siche­rung wird erst noch entwickelt, und die 15 bis 20 Prozent, die der Staat seit kurzem zu den Therapiekosten zuschießt, reichen bei weitem nicht aus. Weitere zehn Prozent steuern die Patienten bei, der Rest des Haushalts muss aus anderen Quellen gedeckt werden.
Die Beschäftigungstherapie hat daher weit mehr als nur heilenden Charakter. Vieles, was in der Therapie hergestellt wird, muss anschließend verkauft werden, um Geld für den Betrieb der Einrichtung zu bekommen. So gießen die Patienten Pflastersteine, ziehen Lämmer groß, arbeiten im Obstgarten des Pfarrhauses, um aus den Äpfeln später Saft zu machen, oder basteln mit Nelu Niamtu an gebrauchten, aus Deutschland und der Schweiz gespendeten Fahrrädern herum. Immerhin etwa 260 Räder kann Niamtu jährlich verkaufen und damit 20 Prozent des Haushaltes abdecken.
Neben seinen ärztlichen Tätigkeiten versucht Dr. Lux zudem Selbsthilfegruppen aufzubauen, die Therapiewillige durch die oft monatelange Wartezeit begleiten und ehemalige Patienten nach ihrer Entlassung betreuen. Vier solcher Gruppen existieren bereits, und in einer von ihnen findet auch Nelu Niamtu Halt. Er habe eine Mauer um sich herum gebaut, die ihn vor seiner Sucht schützt, sagt er: „Ich weiß jetzt, dass ich alle Probleme meistern kann, denn mein einziges wirkliches Problem ist der Alkohol.“ Armin Jelenik

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