ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2002Ärztliche Hilfeleistung bei Flügen: Luft als rechtsfreier Raum

THEMEN DER ZEIT

Ärztliche Hilfeleistung bei Flügen: Luft als rechtsfreier Raum

Dtsch Arztebl 2002; 99(5): A-265 / B-209 / C-197

Hibbeler, Birgit

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Sicherheit auf Flugreisen kann weniger denn je garantiert werden. Bei ärztlichen Hilfeleistungen gibt es einen „rechtsfreien Raum“. Foto: BilderBox
Sicherheit auf Flugreisen kann weniger denn je garantiert werden. Bei ärztlichen Hilfeleistungen gibt es einen „rechtsfreien Raum“. Foto: BilderBox
Die Umsetzung internationaler Richtlinien zur Ausstattung von Passagierflugzeugen mit Notfallkoffern wird nur unzureichend kontrolliert.


Auf einem Langstreckenflug einer großen europäischen Luftfahrtgesellschaft hat ein Drogenschmuggler, ein so genannter Body Packer, große gesundheitliche Probleme. Offensichtlich ist es zu einer Resorptionsreaktion gekommen. Ein deutscher Anästhesist befindet sich an Bord. Er wird vom Flugpersonal gebeten, Erste Hilfe zu leisten. Außerdem soll er entscheiden, ob eine kostspielige Zwischenlandung notwendig ist.
Nicht an Bord: ein Notfallkoffer mit Intubationsbesteck. Das Flugpersonal scheint kaum auf eine solche Situation vorbereitet zu sein. Dieser reale Fall kommt zu einem guten Ende. Der Patient kann stabilisiert werden, eine Zwischenlandung ist nicht erforderlich.
Ein Intubationsbesteck muss nicht unbedingt an Bord einer Passagiermaschine sein. Die Empfehlungen der „JAA“ (Joint Aviation Authority) sehen dies nicht vor. Die „JAA“ ist ein Zusammenschluss europäischer Luftfahrtbehörden, 34 Staaten gehören ihr an. Zum Punkt Notfallausrüstung sind in den „JAA“-Richtlinien, den „JAR-OPS“ (Joint Aviation Requirement Operations), Mindestanforderungen beschrieben.
Notfallfausrüstung kein Prüfpunkt
Unterschieden wird in eine Erste-Hilfe-Ausrüstung (First Aid Kit) und eine medizinische Notfallausrüstung (Emergency Medical Kit). Die Menge der „First Aid Kits“, die unter anderem Verbandsmaterial enthalten, ist nach der Zahl der vorhandenen Passagiersitze festgelegt. Der „Emergency Medical Kit“ muss verschiedene Notfallmedikamente wie Furosemid, Atropin etc. enthalten. Wenn es mehr als 30 Sitze für Passagiere gibt und es länger als 60 Minuten dauern würde, bis eine qualifizierte medizinische Hilfe erreichbar wäre, soll nach den Richtlinien mindestens ein „Emergency Medical Kit“ an Bord sein.
In der Luftfahrtzulassung ist die medizinische Notfallausrüstung allerdings kein Prüfpunkt. Bei der flugbetrieblichen Abnahme einer Maschine ist keine Kontrolle vorgeschrieben. Dennoch sieht die Pressesprecherin des Luftfahrtbundesamtes, Cornelia Eichhorn, in den Bestimmungen der „JAA“ eine klare Rechtsverbindlichkeit. Der Gesetzgeber gestehe aber den Fluggesellschaften ein hohes Maß an Eigenverantwortung zu. Die Überwachung deutscher Luftfahrtunternehmen erfolge durch „systemanalytische Audits“. In regelmäßigen Abständen würden die einzelnen Bereiche eines Luftfahrtunternehmens durch die Fachbereiche des Luftfahrtbundesamtes überprüft.
Diese Kontrollen sind für den Leiter des medizinischen Dienstes der Deutschen Lufthansa, Dr. med. Lutz Bergau, nur „graue Theorie“. In seiner 18-jährigen Tätigkeit sei ihm kein Fall bekannt geworden, in dem ein Flugzeug daraufhin kontrolliert wurde, ob ein Notfallkoffer vorhanden ist. Für ihn haben die Richtlininien der „JAA“ eher den Charakter einer Empfehlung. Viele Luftfahrtunternehmen gingen jedoch über die Bestimmungen hinaus. So seien an Bord von Lufthansa-Maschinen auch Intubationsbestecke und Defibrillatoren.
Sollte ein gewissenhafter Arzt also in Zukunft mit eigener Ausrüstung reisen, um die Utensilien mit sich zu führen, die er als sinnvoll erachtet? Den Angaben der Lufthansa zufolge ist es theoretisch denkbar, dass ein Arzt seinen eigenen Notfallkoffer mit an Bord bringt – allerdings nur, wenn dieser Handgepäckformat hat. Angesichts der extremen
Sicherheitskontrollen aufgrund der Anschläge vom 11. September 2001 gibt es aber unüberwindliche Hindernisse, da keine spitzen Gegenstände mit auf die Reise gehen dürfen.
Ein weiterer Punkt, der für Hilfe leistende Ärzte wichtig sein dürfte, ist die Haftung bei Behandlungsfehlern. In der Regel greift die ärztliche Berufshaftpflicht. Es macht keinen Unterschied, ob eine ärztliche Erste-Hilfe-Leistung in der Luft oder auf dem Boden stattfindet. Dem Bundesaufsichtsamt für Versicherungswesen zufolge lässt sich die Frage nach der Haftung jedoch nicht pauschal beantworten. Je nach Risikobeschreibung des jeweiligen Versicherungsvertrages seien Unterschiede denkbar. Ein Versicherungsschutz könne möglicherweise daran scheitern, dass nicht für Schäden gehaftet wird, die im Ausland eintreten.
Nach welchem nationalen Recht aber werden Schäden, die auf internationalen Flügen entstehen, behandelt? Dr. jur. Wolf D. Müller-Rostin, Justiziar der Deutschen Luftfahrtversicherungs-AG (Delvag), zufolge kommt hier das Flaggenrecht zum Tragen. Macht ein Patient Schadensersatzansprüche gegenüber dem Hilfe leistenden Arzt geltend, greift das nationale Recht des Staates, in dem das Flugzeug zugelassen ist. Das Territorialrecht – also das nationale Recht des Staates, in dessen Luftraum sich das Flugzeug zum Zeitpunkt des Behandlungsfehlers befindet – tritt hinter diesem zurück. Einige Fluggesellschaften haben ärztliche Helfer über die unternehmenseigene Haftpflichtversicherung abgesichert. Zu ihnen zählen beispielsweise British Airways und Lufthansa.
Notlandung: Arzt kann nur Empfehlung geben
Für eine Zwischenlandung, die durch eine Fehleinschätzung des Arztes zustande kommt, kann dieser niemals haftbar gemacht werden. Denn der Arzt kann lediglich eine Empfehlung abgeben; die Entscheidung für oder gegen eine unplanmäßige Landung erfolgt ausschließlich durch den Kapitän.
Für den helfenden Arzt bleiben Unsicherheitsfaktoren: Soll er vor Reiseantritt bei der Fluggesellschaft anfragen, inwieweit man bei dem medizinischen Equipment über Mindeststandards hinausgeht, damit er ungefähr weiß, was ihn erwartet, wenn er den Notfallkoffer öffnet? Soll er sich vor jedem Flug bei der Fluggesellschaft darüber informieren, ob für ihn durch das Unternehmen ein Versicherungsschutz besteht?
Nach den Terroranschlägen in den USA ist offensichtlich, wie wenig für Sicherheit auf Reisen garantiert werden kann. Diskutiert wird über die Anwesenheit bewaffneter Sicherheitsbeamter an Bord von Passagiermaschinen. Verletzungen und nachfolgende ärztliche Handlungen auf Flugreisen sind auch in diesem Zusammenhang nicht unwahrscheinlich. Wünschenswert und sinnvoll wäre eine Mitversicherung Hilfe leistender Ärzte durch sämtliche Fluggesellschaften, damit am Ende nicht der Helfende der Dumme ist. Ferner ist es nicht nachvollziehbar, wieso die medizinische Ausrüstung in der Zulassung eines Flugzeuges kein Prüfpunkt ist. Birgit Hibbeler
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