ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2002Krankenhaus: Ziel verfehlt
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LNSLNS Die Karikatur einer Chefarztvisite, die Jörg Degenhardt bemüht, um „deren wesentliche Elemente deutlich hervortreten (zu) lassen“, verfehlt das Ziel einer Diskussion über Qualitätskontrolle im Krankenhaus mindestens in zweifacher Weise: Erstens, das Spiel mit einer Witzfigur „Chefarzt“ hat Unterhaltungswert, verfehlt aber das Ziel einer sachlichen Auseinandersetzung. Zweitens, der Autor hat sich als ärztlicher Direktor eines Krankenhauses und damit als Ranghöchster der ärztlichen Krankenhaushierarchie exponiert, auf den die Kritik, die er übt, projektiv zurückfällt. Der Titel „Entbehrliches Ritual oder Qualitätskontrolle? Psychogramm einer Chefarztvisite“ suggeriert eine einfache Lösung im Hinblick auf die Einrichtung der Visite, die mit (zu) vielen Aufgaben in einem knappen Zeitrahmen belastet ist. Das mehrfach geteilte Visitengespräch, das der Autor vorschlägt – Arzt-Patient-Beziehung am Krankenbett, Fachgespräche anderenorts – entspricht einer Reformpraxis, die aus der Reformpraxis der psychosomatischen inneren Medizin hervorgegangen ist, die sich auch außerhalb der Psychosomatik bewährt hat. Während Krankenhausstudien seit den 70er-Jahren die Anstrengungen dokumentieren, neue Organisationsmodelle im Krankenhaus – in der Medizin und in der Pflege – zu erproben, erscheint der Ansatz des Autors, der den Chefarzt (Chefarztpsychogramm, Chefarztvisite, Qualitäskontrolle durch den Chefarzt) ins Zentrum aller Reformbemühungen stellt, weltfremd. Indem Qualitätskontrolle als Einbahnstraße von oben nach unten ausbuchstabiert wird, geraten der Krankenhaus- und Stationsalltag und die Akteure – Oberärzte, Stationsärzte, Patienten – aus dem Blick, die mithilfe innovativer Organisationsmodelle Antworten auf technische und ökonomische Entwicklungen und Demokratisierungstrends suchen und neue Organisationsmodelle erproben. Durch die Fokussierung auf die Chefarztvisite gerät nicht nur die tägliche Stationsarztvisite aus dem Blick, sondern auch, dass Kranke nicht nur im klassischen Krankenzimmer, sondern auch auf Intensivstationen und in diagnostischen und operativen Einheiten anzutreffen sind, und es nicht zuletzt Kliniken ohne Bettenstationen (ambulantes Operieren) gibt. Das heißt, die Reform des Krankenhauses kann nicht nur von oben konzipiert werden, und sie zieht andere Elemente in Betracht, die nicht im ärztlichen Direktorium allein entschieden werden können.
Prof. Dr. Heidrun Kaupen-Haas, Institut für Medizin-Soziologie, Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf, Martinistraße 52, 20246 Hamburg
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