ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2002Krankenhaus: DDR-Erfahrungen

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Krankenhaus: DDR-Erfahrungen

Dtsch Arztebl 2002; 99(6): A-348 / B-282 / C-265

Schulze, Bernd

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LNSLNS Der Artikel hat mir aus dem Herzen gesprochen. Ich erinnere mich als damaliger Stationsarzt noch mit Schrecken an die Chefarztvisiten einer medizinischen Klinik in der DDR, die den Status einer medizinischen Akademie besaß. Der Direktor der Klinik war ein renommierter, international anerkannter Internist, der eine hervorragende Vorlesung hielt und ein in Gesamt-Deutschland viel beachtetes Lehrbuch der Inneren Medizin herausgegeben hatte. Die auf der Aufnahmestation, die von mir zeitweilig geleitet wurde, wöchentlich durchgeführten Chefarzt-Visiten gestalteten sich dagegen zu einem Horror-Szenario für die Patienten und zu einem Albtraum für die Assistenten. Die Vorbereitungen begannen so, dass die Patienten nackt im Bett zu liegen hatten, nachdem vorher bei jedem Patienten ungeachtet seines sozialen Status durch eine Schwester mit einem Tupfer, der in Äther getränkt war, der Nabel gesäubert wurde. Der Chefarzt untersuchte zwar jeden Patienten von Kopf bis Fuß, fand aber kein persönliches Wort für ihn. Nahezu verhasst waren ihm adipöse Patienten, an denen sich sein Zorn ungezügelt entfaltete, sodass wir es vorzogen, diese Patienten in das letzte Zimmer zu legen oder unter einem Vorwand während der Visitenzeit zur Konsultation in eine andere Klinik zu schicken. Besonders spannend gestaltete sich bei jedem Patienten die Palpation der Milz, wobei jedes Mal die Frage im Raum stand, ob der Milzbefund vom Chefarzt bestätigt wurde oder nicht. Aufgrund unterschiedlicher Auffassungen zu diesem Befund, in die auch der Oberarzt einbezogen war, der natürlich die Meinung des Chefs vertrat, obwohl er während der Oberarztvisite eine ganz andere Auffassung hatte, ergaben sich unschöne Diskussionen mit teilweise Beschimpfungen der Assistenten, die nicht unter vier Augen, sondern vor den Patienten geführt wurden und „dem Ansehen der Ärzte unheimlich dienlich waren“.
Ein „Höhepunkt“, der mir unvergesslich geblieben ist, bestand darin, dass der Chef mir als Stationsarzt sämtliche Kurven und Krankenblätter auf den Fußboden schmiss und die Visite abbrach, weil in einem Arztbrief der Morbus Waldenström versehentlich mit „V“ und nicht mit „W“ geschrieben war.
Fragen an den Chefarzt zu seiner Meinung über Diagnose und weitere Diagnostik waren unerwünscht und wurden als Beschimpfungen abgetan, sodass wir uns nach jeder Visite unserer Menschenwürde entblößt sahen. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass das Verhalten des besagten Chefarztes auf der Privatstation, die es ja im Sozialismus offiziell nicht gab, sondern die als „Sonderstation“ firmierte anders war, als den „Arbeitern und Bauern“ gegenüber. Auf dieser Station war der Chefarzt jovial, freundlich zu den Patienten und tolerierte auch die adipöseste Patientin!
Dass es auch anders geht, habe ich in wohltuender Weise später erfahren. Ich hatte einige Jahre Gelegenheit, an den Chefarztvisiten in der Hautklinik Minden unter der Leitung von Prof. Stadler teilzunehmen. Die Visiten waren getragen von warmer Zuwendung zu den Patienten unter Einbeziehung der Patienten in das Gespräch, insbesondere aber durch eine kollegiale Diskussion aller Mitarbeiter über die richtige Diagnose, worin auch die AiP gleichberechtigt einbezogen wurden. Da fand ich endlich das Beispiel einer vorbildlichen Gestaltung der Visite, wie sie eigentlich in allen Krankenhäusern üblich sein sollte.
Dr. med. habil. Bernd Schulze, Schongauer Straße 50, 33615 Bielefeld
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