ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2002Ethik im ärztlichen Alltag: Konfrontation mit einem realen Fall

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Ethik im ärztlichen Alltag: Konfrontation mit einem realen Fall

Dtsch Arztebl 2002; 99(6): A-346 / B-280 / C-263

Lindau, Sebastian; Salomon, Fred

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Foto: epd
Foto: epd
Anhand eines Fallbeispiels wird über die Arbeit des Arbeitskreises für Ethik in der Medizin an der Universität Gießen berichtet.

Wie viele Register der modernen Medizin sollen gezogen werden, um einen Menschen zu retten, der vielleicht sein ganzes Leben lang nur leiden wird? Nicht zum ersten Mal steht diese Frage auf der Intensivstation der Kinderklinik im Raum. Die Bedenken der Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger gelten der erst wenige Tage alten Laura, die aufgrund von Schwangerschaftskomplikationen 15 Wochen vor dem ausgerechneten Termin zur Welt kam*.
Keine Patentlösungen
Während der Geburt erlitt sie eine Infektion, der ihr winziger Körper mit seinen schwachen Abwehrkräften praktisch nichts entgegenzusetzen hat. Hinzu kommt eine Hirnblutung, die ihren Allgemeinzustand noch weiter verschlechtert. Sie muss beatmet werden, benötigt Bluttransfusionen und Antibiotika in hohen Dosen. Ob sie durchkommt, ist ungewiss. Sicher scheint jedoch, dass ihr Gehirn bereits geschädigt ist und sie schwer behindert sein wird. Ihre Mutter hat bereits mehrere Fehlgeburten erlitten, Laura ist ihr erstes Kind.
Dr. D., einer der verantwortlichen Kinderärzte, berichtet Monate später im Seminar „Ethik im ärztlichen Alltag“ an der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen über diesen Fall. Die 15 Teilnehmer, überwiegend Medizinstudierende, debattieren eifrig. Claudia, selbst Mutter, setzt sich leidenschaftlich für eine intensive Weiterbehandlung ein. Markus widerspricht ihr und würde die kleine Patientin lieber nicht mit weiteren Maßnahmen quälen. Martina pflichtet ihm bei und verweist auf Lauras ungewisse Zukunft und die drohende Behinderung. „Wollen wir sie deswegen lieber totschlagen? Hat sie deswegen kein Recht auf Leben wie jeder andere?“ erregt sich Klaus.
Die beiden studentischen Diskussionsleiter haben es nicht leicht, den emotionalen Disput in geordnete Bahnen zu lenken. Die Einhaltung bestimmter Spielregeln ist immer wieder anzumahnen: aufeinander hören, am konkreten Fall bleiben, in Ich-Botschaften reden. Worüber, wann und vor allem durch wen ist eigentlich eine Entscheidung zu treffen? Gesprächsmoderation, bei Wirtschaftsunternehmen schon lange erfolgreich angewandt, wird im medizinischen Bereich, gerade bei Besprechungen im Stationsteam, vielleicht noch zu wenig genutzt. Dies ist bereits einer der Aspekte des Seminars. Organisatoren dieser Workshops sind Studierende, die 1996 den „Gießener Arbeitskreis für Ethik in der Medizin“ gegründet haben. Unterstützt werden sie durch Priv.-Doz. Dr. med. Fred Salomon, Anästhesist und Lehrbeauftragter für Ethik in der Medizin an der JLU.
Ethik nimmt im Rahmen der medizinischen Ausbildung an den meisten deutschen Universitäten einen geringen Stellenwert ein. Während in Medien und Öffentlichkeit regelmäßig über die Tragweite neuer Technologien und Möglichkeiten der sich rasant entwickelnden Medizin, über Sterbehilfe oder Embryonenforschung diskutiert wird, spricht man in den Hörsälen, die diese Themen doch eigentlich direkt berührt, wenig darüber. Auch eine Auseinandersetzung mit alltäglichen Aspekten des ärztlichen Berufs, die über Fachfragen hinausgeht,
findet selten statt. So haben Studierende zum Beispiel kaum Gelegenheit, sich auf den Umgang mit Sterbenden oder unheilbar Kranken vorzubereiten. Soziale Aspekte ihrer künftigen Tätigkeit werden ebenfalls kaum berührt. Gerade junge Ärzte sind deshalb mit derartigen Problemen häufig überfordert. Allerdings bringen längst nicht alle, die Arzt werden wollen, von vornherein entsprechende Moralvorstellungen und Werte in Bezug auf ihren künftigen Beruf mit.
Umstritten ist, in welcher Form medizinethische Inhalte vermittelt werden können, lassen sie sich doch nicht in Zahlen und Fakten fassen und auswendig lernen – wie im Medizinstudium üblich. Es gibt keine Patentlösungen für die verschiedenartigen Konflikte, die Ärzte täglich im Sinne der Patienten bewältigen müssen. Vielmehr sind in jedem Einzelfall aufs Neue unterschiedliche Konstellationen zu berücksichtigen, die individuelle Entscheidungen erfordern. Daher erscheint auch die theoretische Auseinandersetzung mit bioethischen Themen, die häufig an philosophischen Fakultäten angeboten werden, nicht als Vorbereitung auf den klinischen Berufsalltag geeignet.
Neue Problemfelder
Die Seminare konzentrieren sich auf praktische Aspekte ärztlichen Han-delns. Sie basieren auf einem an der Universität Ulm durch Prof. Helmut Baitsch und Dr. Gerlinde Sponholz entwickelten Konzept, das inzwischen infolge studentischer Initiativen an mehreren Hochschulen, zum Beispiel München, Erlangen, Lübeck und Dresden, umgesetzt wird. Die Teilnehmer werden mit einem realen Fall, den der involvierte Arzt selbst vorträgt, konfrontiert und gefordert, sich in die Rolle des verantwortlichen Mediziners hineinzuversetzen und Stellung zu beziehen. In der Diskussion werden die verschiedenen Aspek-
te, die in die Entscheidung einfließen, herausgearbeitet und Handlungsoptionen erörtert. Anhand der konkreten Problemstellung ist es möglich, das Erkennen, Analysieren und Bewerten ethischer Konflikte im Kontext eigener Moralvorstellungen zu üben, ohne dabei den Faden zu verlieren oder in nichtssagende Allgemeinplätze zu verfallen.
Oft erfahren die Studierenden in den Workshops auch, dass es in ein und demselben Fall nicht nur eine Lösung gibt. „Bis zur Entscheidung sollte ein Prozess stattfinden, in dem die verschiedenen Möglichkeiten abgewogen werden“, so Dr. Salomon. „Schlecht ist es, wenn – wie so oft in den Kliniken – ohne Überlegung gehandelt wird.“
Auch in Lauras Fall werden verschiedene Positionen herausgearbeitet: Die Eltern wünschen sich, dass alles medizinisch Mögliche für ihr Kind getan wird. Die Pfleger und Schwestern, die einen intensiven Kontakt zu der Patientin haben, sehen in erster Linie den Leidensprozess und möchten diesen nicht verlängern. Im Seminar regen die Moderatoren an, den Austausch zwischen Ärzten, Angehörigen und Pflegepersonal in Form von Rollenspielen nachzustellen, auch um den Umgang mit derartigen Gesprächssituationen zu üben. Der Konsens, zu dem die meisten Teilnehmer kommen, ähnelt der tatsächlichen Entscheidung auf Station: Wenn weitere Komplikationen auftreten, sollten keine zusätzlichen therapeutischen Maßnahmen mehr durchgeführt werden.
Die gefürchteten Zwischenfälle blieben bei Laura aus; sie erholte sich er-freulich schnell von der Krise. Wenige Monate später bestand sogar Hoffnung, dass die Hirnschäden weitgehend abgeheilt waren. Waren die Überlegungen, im Seminar wie auf Station, daher unberechtigt? Sicher nicht. Dr. D., der sich die Entscheidung selbst nicht leicht gemacht hatte, bestätigt, dass bei der Hektik auf Station oft wenig Zeit zum Abwägen bleibt – ein Grund mehr also, sich bereits während des Studiums in Problemstellungen dieser Art hineinzudenken.
Wie lange die Kurse zur „Ethik im ärztlichen Alltag“ in Gießen weiterhin stattfinden werden, ist fraglich. Der Arbeitskreis schrumpft, bedingt durch den Studienabschluss der Mitglieder. Nachwuchs lässt auf sich warten; der Stundenplan der Studierenden ist voll genug. Es stellt sich die Frage, ob die Auseinandersetzung der künftigen Ärztinnen und Ärzte mit ethischen Konflikten in ihrem späteren Beruf allein der studentischen Eigeninitiative und der Freiwilligkeit überlassen sein sollte. Die Entscheidungskonflikte kommen unausweichlich auf die angehenden Mediziner zu. Die wachsenden Möglichkeiten der Biotechnologie werfen neue Problemfelder auf.
Weitere Informationen im Internet: www.med.uni-giessen.de/ethik


Sebastian Lindau
Priv.-Doz. Dr. med. Fred Salomon
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