VARIA: Schlusspunkt

Der blinde Seher

Dtsch Arztebl 2002; 99(7): [72]

Pfleger, Helmut

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Weißt du, Helmut, die Stellungen mir zu merken, ist gar nicht so schwer. Das Problem ist, sie wieder zu vergessen. Du schläfst ganz schlecht, nur weil dir ständig die Varianten im Gehirn herumspuken!“
Das sagte mir der Großmeister Vlastimil Hort nach einem Blindsimultan, als er also „blind“, sprich ohne Ansicht des Brettes, gegen viele „Sehende“ gleichzeitig spielte. Es ist nicht jedermanns Sache. „Solange ich sehen kann, denke ich nicht daran, blind zu spielen“, lautete das Credo des ehemaligen Weltmeisters Max Euwe aus Holland.
Der argentinische Großmeister Miguel Najdorf spielt 1947 in Sao Paulo gegen 45 (!) Gegner blindsimultan. Zu Beginn frisch und gutgelaunt. Als er nach fast 24 Stunden Spielzeit 39 Partien gewonnen, 4 remisiert und 2 verloren hat, kämpft er um seinen Verstand. Die ungeheure Anstrengung stürzt ihn in eine Schlaflosigkeit, gegen die es kein Mittel gibt. Tage- und nächtelang kämpft er gegen den Aufruhr seiner aufgepeitschten Nerven, ist der Verzweiflung nahe, bis sich endlich sein Gehirn beruhigt. Er wird nie wieder blind spielen.
Andererseits erscheint der Weltmeister Aljechin nach einem Blindsimultan an 28 Brettern in Paris 1925 am nächsten Tag im Café und sagt: „Ich habe wie ein Gott geschlafen!“, um dann alle Partien aus dem Kopf vorzuführen.
In der Sowjetunion wird das Blindspiel 1930 wegen der Gefahr gesundheitlicher Schäden verboten, erst der Rebell Garry Kasparow wird dieses Verbot bei einem Blindsimultan bei der „Zeit“ in Hamburg, sogar noch unter Turnierbedingungen mit Schachuhren, durchbrechen.
Die Geschichte des Blindspiels zeigt jedoch, dass der Blindspieler beim Erkennen seiner Grenzen nichts befürchten muss.
Vlastimil Hort, der am 8. März zum Auftakt des zehnjährigen Jubiläums der Deutschen Ärztemeisterschaft an acht Brettern zum x-ten Mal blindsimultan spielt, erfreut sich nach wie vor völliger geistiger Klarheit. Die brauchte er auch Ende letzten Jahres bei einem Blindsimultan in Dresden, als er an acht Brettern nach vier Stunden Spielzeit bei zwei Remisen sechsmal gewonnen hatte. Gegen T. Leitermann gelang ihm gar ein herrlicher Schluss.
Mit welcher (Opfer-)Kombination krönte er siegreich seinen Angriff?

Lösung:
Zum Auftakt schlug das Turmopfer 1. Txg7+! beim schwarzen König ein. Nach 1. ... Kxg7 2. Tg1+ Kh8 (auf die Flucht zur Mitte mit 2. ... Kf6 folgt 3. Dh7! mit den letztlich unparierbaren Mattdrohungen 4. Tg6+ und Se4+) 3. Dg6 Dc7 4. Le4! (ja nicht sofort 4. Dxh6+? wegen 4. ... Dh7+ mit Gegenschach – und Schwarz gewinnt!) Sf5 5. Lxf5 gab Schwarz auf, weil auf 5. ... exf5 der eigene Bauer die Diagonale h7-b1 blockiert und insofern 6. Dxh6+ Dh7 7. Dxf8+ Dg8 8. Dxg8 matt setzt.
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