ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2002Embryonenforschung: Machtproben

POLITIK

Embryonenforschung: Machtproben

Dtsch Arztebl 2002; 99(7): A-397 / B-319 / C-299

Jachertz, Norbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Karl-Friedrich Sewing, 67, Wissenschaftlicher Beirat der Bundesärzte-kammer. Foto: privat
Karl-Friedrich Sewing, 67, Wissenschaftlicher Beirat der Bundesärzte-
kammer. Foto: privat
Forscher rütteln am Kompromiss des Bundestages. Die Meinungsbildung in der Ärzteschaft ist offen; zwischen Bundes­ärzte­kammer und deren Wissenschaftlichem Beirat bahnt sich eine Machtprobe an.


Kaum hatte der Bundestag am 30. Januar über den Import embryonaler Stammzellen abgestimmt, setzten auch schon Überlegungen ein, wie der gefundene Kompromiss zugunsten der Forschung ausgeweitet werden könnte.
Angelpunkt ist die Stichtagsregelung. Der Bundestag hatte beschlossen, embryonale Stammzellen nicht zu importieren, abgesehen von Stammzelllinien, die zu einem Stichtag bereits existierten. Unter den Abgeordneten kursierte die Überlegung, als Stichtag den 30. Januar, zu nehmen, andere plädierten für den 7. August 2001, einen in den USA angesetzten Stichtag. Im August vergangenen Jahres sollen 72 Stammzelllinien existiert haben. Deren Zahl hat sich inzwischen wohl erhöht. Die deutschen Forscher, die den Embryonenimport befördern wollen, plädieren für einen weit hinaus geschobenen Stichtag. Man sucht nach möglichst „frischem Material“. Ein früher Stichtag schränkt zudem die Menge des Angebots ein. Der Import nach Deutschland könnte somit teuer werden. Dabei geht es nicht allein um Geld. Die Anbieter von Zelllinien könnten von deutschen Forschern auch verlangen, am Forschungsdesign und an den Ergebnissen beteiligt zu werden. Solche Befürchtungen standen schon im Raum, als Professor Dr. Oliver Brüstle sich nach Israel orientierte, nachdem er zuvor Kontakte in die USA gepflegt hatte.
Solche Argumente werden bei der Formulierung des Gesetzentwurfes und bei den Beratungen in den Bundestagsausschüssen ihre Rolle spielen. Der Gesetzentwurf wird im Bun­des­for­schungs­minis­terium erarbeitet. Im Bundestag wird der Forschungsausschuss federführend sein. Beide gelten als Befürworter „liberaler“ Lösungen. Eine Machtprobe zwischen jenen, die Embryonenimport strikt begrenzen wollen und jenen, die den Forschern entgegenkommen wollen, ist zu erwarten.
Eine Machtprobe im Kleinen bahnt sich unterdessen innerhalb der Ärzteschaft an. Die Bundes­ärzte­kammer hat sich in Sachen Embryonenforschung noch nicht definitiv entschieden. Es gibt allerdings einen Beschluss des 104. Deutschen Ärztetages aus 2001, der den Import embryonaler Stammzellen als ethisch nicht akzeptabel kennzeichnet und der die Wissenschaft dazu auffordert, mit Versprechungen zurückhaltend zu sein. Der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer wollte, so der letzte Stand der Überlegungen, die Abstimmung im Bundestag abwarten. Das Thema dürfte den kommenden Ärztetag, Ende Mai diesen Jahres,
erneut beschäftigen.
Im Vorfeld der Bundestagsentscheidung hatte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, in einem Pressegespräch Position gegen verbrauchende Embryonenforschung bezogen und vor Heilsversprechungen gewarnt. Gegen Hoppe machte der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. Karl-Friedrich Sewing, Front. In einem (inzwischen auch öffentlich verbreiteten) Brief an Hoppe bekundete Sewing, er fühle sich verpflichtet, sich „schützend vor die zahlreichen Ärzte zu stellen, die als Wissenschaftler in Kliniken und Forschungslaboratorien mit Erfolg für die praktizierenden Ärzte die Instrumentarien erarbeiten, mit denen diese ihre Patienten zunehmend erfolgreicher behandeln können.“ Sewing verlangte von Hoppe zu verdeutlichen, dass seine, Hoppes, Verlautbarungen, „nicht die einhellige Meinung der Ärzteschaft darstellen und nicht dem Rat der dafür zuständigen Gremien entspringen“.
Sewing ließ zudem auf eigene Faust (zusammen mit der Zentralen Ethikkommission bei der Bundes­ärzte­kammer) eine Presseerklärung ab, in der er namens des Wissenschaftlichen Beirats die Bundestagsentscheidung als richtig, ethisch ausgewogen und mutig bezeichnete. Es gibt freilich bisher keine förmliche Beschlussfassung des Wissenschaftlichen Beirats, auf die sich Sewing berufen könnte, geschweige denn eine Vorlage des Beirats an den Vorstand der Bun-
desärztekammer. Der aber wäre das zuständige Gremium, um die Auffassung der Ärzteschaft zu vertreten.
Die Bundes­ärzte­kammer wird nach dem Eindruck von Beobachtern klarstellen müssen, inwieweit sie selbst die Positionen der Ärzteschaft zu embryonaler Stammzellforschung darlegt oder ob sie bereit ist, ihrem Beratungsgremium, dem Wissenschaftlichen Beirat, das Feld zu überlassen. Die Klärung erscheint umso vordringlicher, als die nächste Machtprobe sich bereits abzeichnet: Noch in diesem Monat will der Bundestag das heiße Thema Prä-implantationsdiagnostik angehen. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundes­ärzte­kammer hat sich auch dazu bereits positioniert. Norbert Jachertz
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema