ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2002Krankenhäuser: Privatisierungswelle prognostiziert

POLITIK

Krankenhäuser: Privatisierungswelle prognostiziert

Dtsch Arztebl 2002; 99(7): A-400 / B-322 / C-302

Clade, Harald

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LNSLNS Krankenhauswirtschaft vor neuen Herausforderungen

Die Einführung diagnoseorientierter Fallpauschalen auf der Basis von Diagnosis Related Groups (DRGs) ab 2003/2004 stellt die deutsche Krankenhauswirtschaft vor neue Herausforderungen. Der bereits seit geraumer Zeit anhaltende Trend zur Konzentration, zur Fusion und Kooperation sowie zur Privatisierung bisher öffentlich-rechtlicher Krankenhäuser wird sich verstärken. Das Krankenhausmanagement ist gut beraten, sich intensiv und rechtzeitig auf die neuen ordnungspolitischen Rahmenbedingungen nach Maßgabe des Fallpauschalengesetzes einzustellen, um sowohl die Betriebsführung als auch die tradierten Kostenstrukturen auf die veränderte Situation anzupassen.
Die Ende vergangenen Jahres vom Beratungsinstitut Sal. Oppenheim Research GmbH, Köln, veröffentlichte Studie zur Analyse und Prognose des Krankenhausmarktes prophezeit, dass sich der Anteil der von privaten Krankenhausträgern betriebenen Klinikbetten von derzeit sieben Prozent (rund 40 000 von insgesamt 571 000 Klinikbetten) auf 45 Prozent in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren erhöhen wird. Zugleich dürften die heute schon expandierenden Klinikketten privater Träger und die börsennotierten Krankenhauskonzerne weiter an Boden gewinnen.
Investitionsstau enorm
Die Prognostiker des Instituts des Kölner Privatbankhauses Sal. Oppenheim begründen ihre Visionen damit, dass die öffentlich-rechtlichen Krankenhäuser unter dem wachsenden Kostendruck kaum in der Lage sein werden, kurz- und mittelfristig effizienzsteigernde Investitionen zu tätigen, vor allem wegen der rückläufigen Förderung durch die Länder und der im Betriebskostenbereich geltenden knappen Budgets. Der Abbau des von den Kölner Branchenanalysten auf rund 30 Milliarden € geschätzten Investitionsstaus im Klinikbereich und eine rasche Anpassung der Kostenstrukturen seien aber die entscheidenden Voraussetzungen dafür, um sich rechtzeitig auf die veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen und die verschärfte Wettbewerbs-situation einzustellen. Private Krankenhausträger könnten dabei flexibler reagieren und zusätzliche Investitionen tätigen. Öffentliche Investitionsmittel stünden – wenn überhaupt – erst nach zehn bis fünfzehnjähriger Verzögerung zur Verfügung.
Aufgrund der ungünstigen Konstellationen für öffentlich-rechtliche Krankenhäuser wird es in diesem Segment zu Desinvestitionen und zu Unterfinanzierungen kommen. Diese Krankenhausträger sind aufgrund der abnehmenden Attraktivität und Akzeptanz am Markt von einer sinkenden Kapazitätsauslastung mit abnehmenden Erlösen besonders betroffen.
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft e.V. (DKG), Düsseldorf/Berlin, hofft, dass rund 60 Prozent der 2 242 bundesdeutschen Krankenhäuser (amtliche Statistik des Jahres 2000) von der im Fallpauschalengesetz verankerten Möglichkeit Gebrauch macht, um bereits zum 1. Januar 2003
das Pauschalentgeltsystem auf freiwilliger Basis einzuführen, um ein Jahr länger die gesetzlich garantierte Budgetneutralität zu nutzen. Die Entscheidung für die Optionsregelung hat auch den Vorteil, dass die Krankenhäuser für nicht erbrachte Leistungen höhere Entgelte erhalten. Der Mindererlösausgleich wird von 60 auf 95 Prozent steigen. Dadurch soll ein Anreiz geschaffen werden, das neue Entgeltsystem möglichst zeitnah zu implementieren und zu erproben. Der bundeseinheitliche Basisfallwert dürfte erst zu einem späteren Zeitpunkt als gesetzlich vorgesehen zum Zuge kommen. Bis dahin werden die Entgelte in den einzelnen Regionen und Bundesländern noch unterschiedlich sein, erwartet das Institut.
Wettbewerbshemmnis: Dualistik
Als ein Wettbewerbshemmnis und eine Verzerrung der gegliederten Krankenhauswirtschaft zulasten der freige-meinnützigen und privaten Klinikträger erachtet das Institut die geltende, seit den letzten Jahren stark abgeschwächte dualistische Finanzierung. Die Umstellung der Dualistik auf Finanzierungsmonistik, das heißt, die Finanzierung der Investitions- und laufenden Betriebsausgaben aus einer Hand zulasten der Kostenträger, sei spätestens ab dem Routinelauf des Fallpauschalenentgeltsystems – also ab dem 1. Januar 2007 – erforderlich, ein Essential, das bereits seit langem vor allem vom Bundesverband Deutscher Privatkrankenanstalten e.V. (BDPK), Berlin, im Gleichklang mit den marktführenden börsennotierten Klinikkonzernen favorisiert wird.
Das Kostenmanagement und neue Formen der Betriebsführung seien entscheidend dafür, dass sich die Krankenhausträger unter veränderten Rahmenbedingungen am Markt behaupten können. Private Klinikträger hätten trotz des hohen Reglementierungsgrades des Akutkliniksektors bessere Chancen als ihre Konkurrenten aus dem kommunalen Bereich. Die EBIT-Rendite (Ergebnis des Klinikunternehmens vor Zinsen und Steuern) betrage im Bereich der Klinikträger bis zu 20 Prozent.
Eines der wichtigsten Unternehmensziele ist die Realisierung einer optimalen Betriebsgröße (bis zu 500 Betten). Verstärkte Kooperationen und Vernetzungen sind ebenfalls dringend erforderlich. Rund 85 bis 90 Prozent Kapazitätsauslastung verhülfen zu einem Betriebskosten-Optimum – mit einer relativ bis zu zehn Prozentpunkten reichenden Streubreite je nach Fachgebiet.
Der Veräußerungsdruck auf öffentlich-rechtliche Klinikträger dürfte noch weiter zunehmen. Gewinner werden private Klinikübernehmer sein, die den notwendigen Kapitalbedarf über den Kapitalmarkt refinanzieren werden können. Vor allem private Klinikketten werden im Akutklinikensektor weiter expandieren. Allerdings dürfte sich das Preisniveau für Übernahmen erhöhen, prognostiziert das Institut.
Ähnlich wie eine Marktprognose der Frankfurter Unternehmensberatung Arthur Andersen (vom November 1999) und die Branchenanalyse von Hartmut Schmidt „Gesundheitsreport“ (Ausgabe Januar 2002) rechnet auch Oppenheim Research damit, dass der Trend zu integrierenden Komplettangeboten zunehmen wird. Bereits jetzt gibt es private Krankenhausträger, die ihr Komplettangebot von akutmedizinischen Leistungen, ambulanten Leistungen, Rehabilitation und Pflege ständig erweitern.
Akutsektor relativ stabil
Als wachstums- und renditebeständig wird der Akutkliniksektor bezeichnet – ganz im Gegensatz zum Bereich Rehabilitation und Anschlussrehabilitation, der sich zumindest in den Jahren 1996 bis 1998 als krisenanfällig erwies, als der Gesetzgeber mit Kostendämpfungsmaßnahmen Einbrüche von bis zu 30 Prozent auf dem Rehabilitationsmarkt bewirkt hat. Möglicherweise werden die Kostenträger (insbesondere die gesetzlichen Krankenkassen) zunehmend Verträge mit „Komplettanbietern“ tätigen. Die Gutachter von Sal. Oppenheim Research plädieren für vermehrte Kooperationsabkommen mit Akutkrankenhäusern, um auch das politische Risiko im Bereich der Rehabilitationseinrichtungen und den damit kooperierenden Akutkliniken zu minimieren.
Dr. rer. pol. Harald Clade
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