ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2002Palliativmedizin: Krankenkassen müssen mehr zahlen

POLITIK

Palliativmedizin: Krankenkassen müssen mehr zahlen

Dtsch Arztebl 2002; 99(7): A-404 / B-325 / C-304

Richter, Eva A.

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Foto: epd
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Ambulante Hospizdienste werden aufgrund einer Gesetzesänderung finanziell unterstützt.


Palliativmedizinisch sind deutsche Patienten unterversorgt.“ Zu diesem Fazit kam Dr. med. Lukas Radbruch, Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes, bei einer Informationsveranstaltung am 5. Februar in Berlin. Pro eine Million Einwohner gebe es in Deutschland nur 17 Betten in Palliativeinrichtungen, benötigt würden jedoch etwa 50. Einige der palliativmedizinischen Angebote seien sogar in ihrer Existenz bedroht, kritisierte Radbruch. Für die stationäre Behandlung von Palliativpatienten stehen nur etwa 1 400 Betten in 89 Palliativstationen und 70 Hospizen (Stand Dezember 2001) zur Verfügung. Dort werden circa 15 000 Palliativpatienten behandelt, die hauptsächlich an fortgeschrittenen Tumorerkrankungen leiden. 493 ambulante Dienste betreuen weitere
15 000 Palliativpatienten in ihrer häuslichen Umgebung.
Diese Dienste sollen jetzt erstmalig finanziell von den Krankenkassen unterstützt werden. Dies sieht eine Änderung des Sozialgesetzbuches V (§ 39 a) vor, die seit 1. Januar 2002 in Kraft ist. Danach sollen die Ausgaben der Kassen für die qualifizierte ehrenamtliche Sterbebegleitung im Rahmen ambulanter Hospizdienste im Jahr 2002 für jeden Versicherten 0,15 A betragen. Die Förderung soll jährlich um 0,05 € bis auf 0,4 € im Jahr 2007 steigen. „Mit diesen Mitteln könnten etwa 700 ambulante Einrichtungen jeweils eine Koordinierungskraft bezuschusst bekommen“, erklärte Gerda Graf, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz. Derzeit verhandelten die Spitzenverbände der Krankenkassen gemeinsam mit den Spitzenorganisationen der ambulanten Hospizdienste die Rahmenvereinbarungen zu Inhalt, Qualität und Umfang der Hospizarbeit. „Erstmalig wird durch dieses Gesetz für Sterbenskranke ein Netzwerk eingefordert, in dem palliative Medizin und palliative Pflege durch professionelle Kräfte und die psychosoziale Begleitung durch ehrenamtliche Hospizhelfer sichergestellt sind“, sagte Graf. Die ausgebildete Krankenpflegerin erhofft sich dadurch eine höhere gesellschaftliche Anerkennung der besonderen Bedürfnisse und der Rechte von Kranken im Finalstadium sowie eine stärkere Positionierung gegen die aktive Sterbehilfe.
Eine enge Zusammenarbeit zwischen Hausarzt, Pflegedienst, Hospizdienst, Seelsorger und Angehörigen könnte vielen Menschen den Wunsch erfüllen, die letzten Stunden ihres Lebens in ihrer häuslichen Umgebung zu verbringen. Die Realität sieht hierzulande jedoch anders aus: „Derzeit sterben 90 Prozent der Patienten in Krankenhäusern und Pflegeheimen“, berichtete Dr. med. Thomas Nolte, Vizepräsident des Schmerztherapeutischen Kolloquiums e.V. Oftmals seien sie schmerztherapeutisch unterversorgt und allein gelassen. Die Ursachen dafür sieht Nolte in der mangelhaften Umsetzung der Maxime „ambulant vor stationär“, der geringen Vergütung palliativer medizinischer Leistungen und dem Fehlen von therapeutischen Standards sowie von schmerztherapeutischer Kompetenz in der Regelversorgung. „Betroffenen in der Lebensendphase die Möglichkeiten der Palliativmedizin vorzuenthalten und Unterstützungsmöglichkeiten der ambulanten Palliativmedizin zu ignorieren ist weder ethisch noch gesundheitspolitisch zu vertreten“, betonte Nolte. Einige positive Beispiele gibt es dennoch: So konnten in Modellversuchen die Krankenhauseinweisungen von Patienten in der Lebensendphase reduziert werden, wenn Hausärzte bei der Betreuung dieser Patienten durch ein Palliativteam unterstützt wurden.
Aufgrund fehlender Ausbildung in der Palliativ- und Schmerztherapie werde jedoch noch auf Jahre hinaus eine Unterstützung der Hausärzte erforderlich sein, prognostizierte Nolte. Vielfach seien Grundregeln der Schmerztherapie unbekannt oder organisatorische Voraussetzungen nicht erfüllt. Für die Integration der Palliativmedizin in die Aus-, Weiter- und Fortbildung der Ärzte setzt sich besonders Prof. Dr. med. Eberhard Klaschik ein. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin ist Inhaber der einzigen deutschen Professur für Palliativmedizin (Bonn). Derzeit verfügen nur fünf Universitäten (Berlin, Göttingen, Kiel, Köln und Mannheim) über eine Palliativstation; Kurse für Medizinstudenten werden auch nur an wenigen Universitäten angeboten. Die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin hat inzwischen palliativmedizinische Kurse entwickelt, die derzeit in Gremien der Bundes­ärzte­kammer beraten werden. Dr. med. Eva A. Richter
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