ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2002Polens Ärzte: Europäisch orientiert

THEMEN DER ZEIT

Polens Ärzte: Europäisch orientiert

Dtsch Arztebl 2002; 99(7): A-412 / B-334 / C-312

Kloiber, Otmar

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Will sich für eine bessere Vergütung der Ärzte einsetzen: Dr. Konstanty Radziwill. Foto: Otmar Kloiber
Will sich für eine bessere Vergütung der Ärzte einsetzen: Dr. Konstanty Radziwill. Foto: Otmar Kloiber
Der neue Ärztekammerpräsident, Dr. Konstanty Radziwill, tritt sein Amt in schwierigen Zeiten an. Die Gesundheitsreform stagniert, die Honorar-
situation der Ärzte ist desolat.


Kurz vor Weihnachten hat der Polnische Ärztetag den 44-jährigen Warschauer Allgemeinarzt Dr. Konstanty Radziwill zum neuen Präsidenten der nationalen Ärzte- und Zahnärztekammer und des Obersten Ärztlichen Rates gewählt. Radziwill tritt sein Amt in einer für die polnischen Ärzte äußerst schwierigen Zeit an: Die Gesundheits-
reform ist auf halbem Wege zwischen einem staatlichen Gesundheitswesen und einem Sozialversicherungssystem stecken geblieben. Das Geld ist notorisch knapp, und vor allem die Ärzte werden (auch im innerpolnischen Vergleich) extrem schlecht bezahlt. Auf verschiedenen Stellen zu arbeiten, um mehrere Gehälter oder höhere Honorare zu erzielen, ist für polnische Ärzte nicht ungewöhnlich. Da die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung nicht richtig funktioniert, können die niedergelassenen Ärzte von den Zahlungen der Kasse nicht leben. Wer als Patient vernünftig versorgt werden will, ist häufig darauf angewiesen, Leistungen aus eigener Tasche zu zahlen. Streiks von Ärzten kamen in den vergangenen Jahren immer wieder vor. Da die Ärztekammer in Polen auch für die wirtschaftliche Situation der Ärzte zuständig ist, ist die Erwartungshaltung an deren Leistungen entsprechend hoch. Dabei erscheint die Lage relativ hoffnungslos: Aus ideologischen Gründen wurde bei der Reform des Gesundheitswesens dem Einkaufsmonopol der Krankenkasse kein klares Vertragsmandat der Ärztekammer gegenübergestellt. David gegen Goliath – ein Lehrstück für alle, die meinen, man könne durch die Abschaffung des Verhandlungsmandats der Ärzteschaft das Gesundheitswesen verbessern.
Dass Radziwill gerade die Verbesserung der materiellen Situation der Ärzte ganz oben auf seine Agenda gestellt hat, ist daher nicht erstaunlich. Er selber hätte vermutlich lieber ethische Themen dort gesehen. Aber wer heute als Arzt in Polen sein Geld verdienen muss, wird sich nicht zuletzt um das eigene Überleben kümmern müssen. In dieser Situation ist die Frage eines Verhandlungsmandats für die Ärzteschaft entscheidend für die Verbesserung der Situation der Ärzte. Zugleich dürfte dies die härteste Nuss sein, die die ärztlichen Vertreter zu knacken haben. Seit im vergangenen Sommer die konservative Regierung durch eine postkommunistische ersetzt wurde, sind wieder diejenigen am Ruder, denen offenbar immer noch ein staatliches Gesundheitswesen vorschwebt. Der derzeitigen Regierung dürfte Radziwill kritisch gegenüberstehen. Was Opposition bedeutet, lernte er in der Illegalität des Ausnahmezustands Anfang der 80er-Jahre, als er die Unabhängige Studentenunion führte. Einige der Politiker, die ihn damals am liebsten ins Gefängnis gesteckt hätten, könnten ihm demnächst auf Regierungsseite wieder begegnen.
Die Regierung ihrerseits steht unter Handlungsdruck. Zwar hat Polen in den letzten Jahren wirtschaftlich aufgeholt, doch die Regierung kann sich auf dem Weg in die Europäische Union keine ungeordneten Verhältnisse leisten. Auch für das Gesundheitswesen wird sie eine ausreichende Stabilität benötigen, aber kaum erreichen, solange die polnischen Ärzte mit Gehältern abgespeist werden, mit denen sie nicht einmal die Mietkosten einer kleinen Wohnung abdecken können. Noch schwieriger als die berufstätigen Ärzte haben es die alten Ärztinnen und Ärzte, die trotz lebenslanger Arbeit nicht auf eine gerechte Rente hoffen dürfen. Der Aufbau von Versorgungswerken ist daher ein weiteres Thema, dessen sich Radziwill annehmen will. Noch vor Weihnachten ist es auf die Themenliste der polnisch-deutschen Zusammenarbeit gerückt.
Auf dieser Liste dürften sich auch andere Punkte, wie die ärztliche Weiter- und Fortbildung, wiederfinden. Bereits unter ihrem bisherigen Präsidenten, Dr. Krzystof Madei, war die polnische Ärztekammer von Plänen für eine Rezertifizierung der Fachärzte abgerückt und hatte sich für ein freiwilliges Fortbildungsdiplom entschieden – ungefähr zeitgleich mit der Entwicklung in Deutschland.
Seit vier Jahren kümmert sich Radziwill um die internationalen Beziehungen der polnischen Ärztekammer. Er gilt als ausgesprochen europaorientiert und hat sich in den letzten Jahren in den internationalen Gremien als starker, hartnäckiger, aber keineswegs unbeweglicher Vertreter polnischer Interessen profiliert. Freilich geht ihm einiges nicht schnell genug: Im ständigen Ausschuss der Europäischen Ärzte (CPME) sind bisher nur die nationalen Ärzteverbände der Mitgliedsländer der EU und des europäischen Wirtschaftsraums (das heißt, neben den EU-Staaten auch Norwegen, Island und Liechtenstein) Vollmitglieder. Radziwill will jedoch die EU-Erweiterung nicht vom Tribünenplatz aus erleben. Er strebt möglichst bald eine Vollmitgliedschaft der polnischen Ärztekammer im CPME an. Dabei kann er darauf verweisen, dass sein Land (wie auch etliche andere Beitrittskandidaten) die EU-Regelungen anerkennt und danach handelt. Das war Mitte der 90er-Jahre auch der Grund, Norwegen, Schweden, Finnland, Island, Österreich und Liechtenstein die Möglichkeit der Vollmitgliedschaft in der europäischen Ärztevertretung einzuräumen, noch bevor Österreich, Finnland und Schweden sich der EU anschlossen.
Zwischen den deutschen und polnischen Ärztekammern gibt es bereits eine ausgesprochen konstruktive Zusammenarbeit. Auch Radziwills Vorgänger in der internationalen Arbeit haben gerade mit Deutschland einen intensiven und freundschaftlichen Kontakt gepflegt. Aber nicht nur auf nationaler Ebene, auch zwischen den regionalen polnischen Kammern und deutschen Lan­des­ärz­te­kam­mern gibt es einen regen Austausch. Mit Konstanty Radziwill, der nun das Gewicht des Präsidentenamts der nationalen Ärztekammer mit sich bringt, wird die Zusammenarbeit zwischen den Ärztekammern Polens und Deutschlands sicherlich noch einmal deutlich intensiver. Mitteleuropa wächst zusammen – die Ärzte sind mit dabei.
Dr. med. Otmar Kloiber
Bundes­ärzte­kammer
Herbert-Lewin-Straße 1
50931 Köln
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