ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2002Karnische Alpen: Klettern für den Frieden

VARIA: Reise / Sport / Freizeit

Karnische Alpen: Klettern für den Frieden

Dtsch Arztebl 2002; 99(7): A-452 / B-400 / C-342

Motz, Roland

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„Wege, die einst Fronten trennten, sollen uns heute verbinden“, hat sich der Verein der Dolomitenfreunde zum Motto gemacht. Fotos: Sepp Brandstätter
„Wege, die einst Fronten trennten, sollen uns heute verbinden“, hat sich der Verein der Dolomitenfreunde zum Motto gemacht. Fotos: Sepp Brandstätter
Dichte Nebelbänke klettern jenseits des breiten Tals an den steilen Hängen hinauf, verstellen den Blick auf die Berge der Karnischen Alpen. Die Gail ist über die Ufer getreten, doch immerhin, der Regen hat aufgehört. Trotzdem. Adrián ist enttäuscht. Zu verlockend war der Gedanke an den Iglubau, der für heute geplant war, und an die Übernachtung im Schlafsack in der Heuhütte 1 700 Meter hoch oben auf der Alm. Doch der Nebel ist noch tiefer ins Tal gekrochen, die Schneefallgrenze gestiegen.
Mein achtjähriger Sohn Adrián und ich machen Ferien in den Bergen. In Kärnten, auf dem Brandstätter Hof in Würmlach bei Kötschach-Mauthen. Die Bewohner des Hofs produzieren seit 1447 ihren Käse, ihren Schinken, ihre Marmelade und ihren Schnaps selbst. Das Wasser, das sie trinken, kommt aus der hauseigenen Quelle. Das geräumige Wohnhaus, in dem auch die Gäste Unterkunft finden, wurde nach dem Ersten Weltkrieg wieder aufgebaut. An der Holzbalustrade über dem Kuhstall hängt gelber Mais in langen Reihen zum Trocknen. Leika, der Leonberger Hirtenhund, liegt auf der steinernen Treppe vor der Eingangstür. Dahinter wohnen wie eh und je drei Generationen unter einem Dach. Sobald man eintritt, gehört man zur Großfamilie.
Bergführer Sepp Brandstätter
Sepp Brandstätter ist Bauer und Bergführer. Seine Alpinschule verspricht, die Gäste behutsam in Bergwelt und Natur einzuführen. Skikurse und die eigene Herstellung von Schneeschuhen stehen im Winter zur Auswahl, „Schnupperklettern“, mehrtägige Aus-bildung auf Klettersteigen oder hochalpine Gipfeltouren in der warmen Jahreszeit oder wann es das Wetter zulässt. Ausgerüstet mit Helm, Klettergurt und Karabinerhaken, kraxelt Adrián fast zwei Stunden lang am Seil. Erst ängstlich und unsicher, dann immer geschickter und wagemutiger die senkrechten Scheunenwände hoch und runter, bis ihn endlich die Kräfte verlassen. Um vier Uhr beginnt die tägliche Arbeit im Stall, fester Bestandteil des Ferienprogramms auf dem Hof. Im Sommer übernachten österreichische Schulklassen in der Scheune. Sepp führt mit ihnen Projektwochen durch. In einzigartiger Weise verbindet er dabei die Ausbildung im Klettern mit Friedenserziehung. Aus Kriegspfaden Friedenswege
– Vie della Pace – zu machen, hat sich der grenzüberschreitende Verein der Dolomitenfreunde zum Ziel gesetzt und dabei das Motto gefunden: „Wege, die einst Fronten trennten, sollen uns heute verbinden.“
„Dort, wo unsere Großväter gegeneinander kämpften, arbeiten wir heute gemein-sam.“ Sepp Brandstätter hat diesen Anspruch in die Tat umgesetzt. Auch sein Hof wurde im Ersten Weltkrieg kurz und klein geschossen, erzählt er uns auf dem Weg zur Klettertour in die Mauthner Klamm. Heute begleitet Sepp als Bergführer Wanderer auf dem Karnischen Höhenweg, immer einen Fuß in Italien, den anderen in Österreich. Mit seinen Gästen fährt er auch einmal die Woche über den Plöckenpass zum Pizzaessen zu seinem Freund Mario, der in Paluzza ein kleines Restaurant betreibt. Von dort kommen oft italienische Kunden zu Sepps Hof, um Marmelade, Käse, Schnaps und Speck zu kaufen. Er selbst holt sich Fliesen und Wein aus Friaul. Solides handwerkliches Gerät wie die Schnapsbrennanlage oder die Eichenholzfässer kauft er in Slowenien. Die uralten Handelsbeziehungen im Dreiländereck sind längst wieder intakt, neue grenzüberschreitende Freundschaften entstanden.
Mauthner Klamm
Die Mauthner Klamm
Die Mauthner Klamm
Ein natürlicher Felsbogen vor einem mächtigen Wasserfall markiert den Eingang in die Mauthner Klamm. Der Klettergarten ist ein für Kinder sehr gut geeignetes Übungsgelände. Für einen Durchgang durch die etwa 30 Meter hohe Wand benötigt man nicht mehr als 20 Minuten.
Auf unserem Kletterplan steht der Cellonstollen am Plöckenpass. Um den Kindern zu erklären, wie es damals war, oben im Gebirge, gehen wir zunächst ins Museum „1915–1918 Vom Ortler bis zur Adria“ im Rathaus von Kötschach-Mauthen. Es zeigt vor allem die unendlichen Leiden der einfachen Soldaten auf beiden Seiten.
Der erste Gebirgskrieg
Nachdem Italien 1915 Österreich-Ungarn den Krieg erklärte hatte, entstand in den Karnischen Alpen und in den Dolomitenregionen eine neue Front, in der zum ersten Mal das Hochgebirge selbst umkämpft war. Die Fotos aus dem Landsturmlegitimationsblatt zeigen zunächst die Kriegsbegeisterung der Soldaten, die für „Gott, Kaiser und Vaterland“ in den ersten Gebirgskrieg zogen.
Ein Jahr lang haben sich Italiener und Österreicher am Plöckenpass Meter für Meter durch den Fels näher gemeißelt, gesprengt und gegraben, um besser aufeinander schießen zu können. Danach lagen sich die gegnerischen Truppen bis zum Herbst 1917 in Handgranatenwurfweite gegenüber. Ein Netz von Saumwegen, alpinen Frontsteigen und Materialseilbahnen sicherte die Versorgung. So ist auch der beschusssichere Cellonstollen entstanden. Er ist Teil des Freilichtmuseums am Plöckenpass. Die Anlage mit ihren zahlreichen Wander- und Klettermöglichkeiten lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass kriegerische Auseinandersetzungen kein sinnvolles Mittel der Konfliktbewältigung sind.
Nach einer knappen Stunde stehen wir vor dem Eingang. In 250 Metern Länge überwindet der Cellonstollen eine Höhendifferenz von 117 Metern. Er ist heute der einzige unterirdische Klettersteig in Österreich. Ausgerüstet mit Stirnlampe und Klettersteigbremse, sind die Kinder bereits in den dunklen Schacht gestiegen. Wir hören ihre Karabinerhaken am durchgehenden Sicherungsseil einrasten und folgen ihnen rasch auf den rostigen Trittklammern. Die kalten Eisensprossen sind schlüpfrig. Manchmal greifen wir in schwammiges Moos und schrammen an den fast senkrechten, feuchten Wänden entlang. Dann wird es langsam heller in dem ehemaligen Versorgungsstollen. Am ersten von insgesamt vierzehn in den Fels gehauenen Lichtschächten pfeift Sepp die Kids zurück: „zu klitschig“. Nur widerwillig treten sie maulend den Rückweg nach unten an. Roland Motz
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