ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2002Budget-Ablösung: Jetzt geht es um die Glaubwürdigkeit

POLITIK

Budget-Ablösung: Jetzt geht es um die Glaubwürdigkeit

Dtsch Arztebl 2002; 99(8): A-470 / B-378 / C-356

Korzilius, Heike

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LNSLNS Die gemeinsame Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen hat sich in Rekordzeit auf Rahmen- und Zielvereinbarungen geeinigt. Aber hinter den Kulissen brodelt es.

Jahrelang haben die Ärzte gegen das Arzneimittel-Budget und den stets drohenden Kollektivregress gekämpft. Was kaum jemand zu hoffen wagte, trat mit dem Ministerwechsel im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium ein. Anfang letzten Jahres kündigte Ulla Schmidt das Ende von Budget und Kollektivregress an – sehr zum Ärger der Krankenkassen, die mit beidem gut gelebt hatten. Dabei war im Rahmen der Kollektivhaftung die stolze Summe von drei Milliarden DM aufgelaufen, die mit der Entscheidung der Ministerin mit einem Mal vom Tisch war.
Seit dem 1. Januar ist das Arzneimittelbudget-Ablösungsgesetz in Kraft, und die gemeinsame Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen hat bereits grundlegende Vereinbarungen für eine sinnvollere Steuerung der Arzneimittelausgaben getroffen. Ende Januar haben sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Spitzenverbände der Krankenkassen auf Rahmenvorgaben geeinigt, die das Ausgabenvolumen für Arzneimittel 2002 auf knapp 38 Milliarden DM festsetzen. Bereits seit dem Sommer verhandelten auf regionaler Ebene die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) mit den Landesverbänden der Krankenkassen über Zielvereinbarungen, um weitere Wirtschaftlichkeitsreserven vor allem bei Analogpräparaten, Generika oder umstrittenen Arzneimitteln auszuschöpfen und die Pharmakotherapieberatung der Ärzte zu verbessern. Mithin könnten eigentlich alle zufrieden sein.
„Unsere Bilanz kann sich sehen lassen“, sagt Dr. med. Leonhard Hansen, zweiter Vorsitzender der KBV und im Vorstand zuständig für Arzneimittelfragen gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Die Mär von der „schwächelnden“ Selbstverwaltung werde mit diesen Ergebnissen eindeutig widerlegt. Dennoch droht Ärger von verschiedenen Seiten. So warnte der Vorsitzende der KV Hessen, Dr. med. Hans-Friedrich Spies, vor einem Schmusekurs mit den Kassen und der Politik. Spies hält das in der Rahmenvereinbarung festgesetzte Arzneimittel-Ausgabenvolumen für zu knapp bemessen. Es gebe darin keinen Spielraum für Innovationen.
Realistische Kalkulation
„Das Ausgabenvolumen ist realistisch kalkuliert“, hält Hansen dagegen. Er räumt allerdings ein, dass alle Sparreserven genutzt werden müssen, um die Ausgabengrenze einzuhalten. „Wir haben eine harte Nuss zu knacken. Aber es steht auch der Beweis unserer Glaubwürdigkeit als Selbstverwaltung auf dem Spiel“, meint der stellvertretende KBV-Vorsitzende. Berechnungsgrundlage für das Ausgabenvolumen seien die Ausgaben im Jahr 2000 gewesen, wobei man sich mit den Kassen auf einen Steigerungsfaktor von 4,5 Prozent für 2002 geeinigt habe. Angesichts der drastischen Ausgabensteigerungen im letzten Jahr ergibt sich daraus allerdings, dass die Ärzte 2002 gegenüber dem Vorjahr für rund 1,8 Milliarden DM (–4,61 Prozent) weniger Arzneimittel verordnen dürfen. „Wir haben die Möglichkeit, diese Einsparungen zu realisieren“, ist Hansen überzeugt und verweist auf das Arzneimittel-Sparpaket. Die Einsparungen daraus sowie aus der neuen Festbetragsverordnung habe man in die Berechnung des Ausgabenvolumens 2002 einbezogen. In den Rahmenvorgaben heißt es dazu, die Vertragspartner erwarten, dass die Arzneimittelausgaben allein durch die Absenkung der Festbeträge und die Anhebung des Rabattes, den die Apotheken den gesetzlichen Krankenkassen einräumen müssen, um 2,2 Prozent entlastet werden. „Die Hälfte fällt uns in den Schoß. Den Rest müssen wir selber erwirtschaften“, sagt Hansen dazu. Sparpotenzial sieht er vor allem bei den Analogpräparaten, die im Vergleich zu Generika zwar drastisch teurer seien, häufig aber nur einen geringen therapeutischen Zusatznutzen hätten. Auch über den sinnvollen Einsatz der Aut-idem-Regelung lasse sich Geld sparen. Bereits jetzt deute sich an, dass die Hersteller von Generika aus Furcht vor Umsatzeinbrüchen ihre Preise senkten. Zwar sieht Hansen die Regelung aus ärztlich-therapeutischer Sicht nach wie vor kritisch. Verordne der Arzt aber im unteren Preisdrittel, könne der Apotheker nicht substituieren. „Diese Möglichkeit sollten wir unbedingt nutzen“, appelliert der KBV-Vize an die Ärzte.
Genau hier liegt jedoch die Krux. Zurzeit fehlt den Ärzten noch der Preisüberblick. Zum einen muss der Bundesverband der Betriebskrankenkassen, der bei den Spitzenverbänden in Sachen Arzneimittel federführend ist, noch die Substitutionsgruppen festlegen und die Preisdrittel fixieren. Zum anderen fordert Hansen: „Wir brauchen für unsere Praxissoftware dieselben Informationen wie die Apotheker. Sonst läuft diese Aut-idem-Variante ins Leere.“ Die Apotheker können über die Lauer-Taxe alle für die Abgabe von Arzneimitteln notwendigen Informationen, darunter auch die Preise, abrufen. Um diese Forderung umzusetzen – nach Hansens Vorstellungen sollte das zum 1. April der Fall sein –, benötigten die Ärzte politische Rückendeckung. Erste positive Signale aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium ließen hoffen.
Beim leidigen Thema „Datenlieferungen“ setzt auch wieder die Kritik aus den Reihen einiger KVen an. So ließ der Vorsitzende der KV Bayerns, Dr. med. Axel Munte, verlauten, bei den dortigen Vertragsärzten herrsche Unklarheit, wie die Ausgaben für Arzneimitel effektiv gesteuert werden sollen. Die Rahmenvereinbarung von KBV und Kassen sei dafür nur bedingt geeignet. Besonders problematisch sei, dass die Kassen die geforderte Lieferung arztbezogener Daten als Steuerungsinstrument ablehnten. Der Vorsitzende der KV Nord-Württemberg, Dr. med. Werner Baumgärtner, schlug – diesmal in seiner Funktion als Vorsitzender der dortigen Vertragsärztlichen Vereinigung – in dieselbe Kerbe: „Wenn die Krankenkassen in diesem Jahr den KVen keine arztbezogenen Zahlen liefern, können die Einsparziele bundesweit nicht erreicht werden.“ Die Rahmenvereinbarung sieht vor, dass die Kassen arztbezogene Zahlen ab 2003 liefern. Baumgärtner hält das für „absurd“, weil die Ärzte dann auch in diesem Jahr wieder „nur über den Daumen gepeilt“ ihre Ausgaben für Arzneimittel überblicken könnten.
„Wir haben Daten“, setzt KBV-Vize Hansen solchen Argumenten entgegen. Der Eindruck, die KVen seien nicht bereit, Verantwortung für die Steuerung der Arzneimittel-Ausgaben zu übernehmen, müsse unbedingt vermieden werden. In den KVen existierten Daten, die sie in die Lage versetzten, Beratungsschwerpunkte zu bilden. Beispiel GKV-Arzneimittel-Schnellinformation (GAmSi): Seit sich die Kassen im September 2000 auf eine bundesweite kassenartenübergreifende Zusammenführung aller Verordnungsdaten geeinigt haben, wertet das Wissenschaftliche Institut der AOK rund eine Milliarde anonymisierte Verordnungen pro Jahr aus. Acht Wochen nach Monatsende stehen den Krankenkassen Analysen für alle KVen sowie ein Überblicksbericht zur Verfügung. Seit Oktober 2001 gehen die Berichte monatlich auch an die KVen. Mithilfe dieses Systems, so Hansen, könne man bereits jetzt jedem Arzt einen vergleichenden Überblick über seine Verordnungsstruktur verschaffen, der sich an den Kriterien der Zielvereinbarungen orientiere. Das System sei allerdings verbesserungsbedürftig. Darum müsse man sich jetzt auf ein Anforderungsprofil für die Datenlieferungen der Kassen einigen, die die KVen dann für die Ärzte aufbereiten. „Das Konzept für die Datenlieferung wollen wir Anfang März unter Dach und Fach haben“, sagt Hansen. Es sei jedoch nicht realistisch, dass die Kassen diese Aufgabe „von heute auf morgen“ bewältigten. Darum habe man sich in der Rahmenverein-
barung auf einen Zeitraum bis zum
1. März 2003 geeinigt. Funktioniert das System erst, können die KVen die Vertragsärzte gezielt und individuell über ihre Verordnungen informieren. Sollten die Ausgaben aus dem Ruder laufen, kann zügig gegengesteuert werden.
„Jeder Arzt sollte in seinem Bereich schauen, wo er rationeller verordnen kann“, appelliert Hansen aber auch an seine Kollegen. Folgt man dem KBV-Vize, wollen KBV und KVen die Vertragsärzte dabei nach Kräften und effektiver als in der Vergangenheit unterstützen. Der Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen wolle beispielsweise für die umsatzstärksten Analogpräparate eine Kosten-Nutzen-Analyse bereitstellen und – unterstützt von der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft – Therapieempfehlungen abgeben. „Wir wollen Trend-Informationen liefern, Problembereiche analysieren und eine sachliche Informationspolitik zu Aut idem betreiben.“ Unterstützung für diese Bemühungen fordert Hansen aber auch von den Kassen. Schließlich trage man seit der Ablösung des Budgets gemeinsam die Verantwortung für die Steuerung der Arzneimittelausgaben.
„Nach dem Kollektivregress heißt es jetzt, kollektivverantwortlich zu therapieren.“ Denn, wer unwirtschaftlich verordne, müsse zur Rechenschaft gezogen werden. Dabei hält Hansen Einsparungen ohne Qualitätseinbußen für möglich. Sein Fazit: „Wir haben kein Budget mehr. Wenn wir das Ausgabenvolumen nicht einhalten, fällt nicht automatisch ein Fallbeil. Wir haben dann die Gelegenheit, innerhalb der gemeinsamen Selbstverwaltung den Mehrbedarf zu analysieren.“ Für Hansen ein Erfolg der KBV-Verhandlungen. Heike Korzilius
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