ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2002Rhön-Klinikum AG: Strategische Kontakte

POLITIK

Rhön-Klinikum AG: Strategische Kontakte

Dtsch Arztebl 2002; 99(8): A-474 / B-381 / C-359

Flintrop, Jens

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Foto: dpa
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Der wirtschaftliche Erfolg des größten börsennotierten
Krankenhauskonzerns beruht auch auf den exzellenten
Beziehungen zu wichtigen Entscheidungsträgern.

Dass das Fallpauschalengesetz im Bundesrat scheiterte und nun
der Vermittlungsausschuss eingeschaltet wurde, kann allenfalls den Zeitplan durcheinander bringen: Die Einführung des neuen Vergütungssystems im Krankenhaus ist nicht mehr aufzuhalten. Einer der Gewinner dieser Entwicklung könnte die Rhön-Klinikum AG, Bad Neustadt an der Saale, sein. Während viele Krankenhäuser über den steigenden Kostendruck klagen, profitiert der Konzern von der Entwicklung hin zu mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen. Mit mehr als 5 600 Betten in 23 Krankenhäusern ist Rhön der Marktführer unter den acht börsennotierten Betreibern von Akutkrankenhäusern, Rehabilitationskliniken und Pflegeeinrichtungen. Jahresüberschuss im Jahr 2000: mehr als 68 Millionen €.
Eugen Münch: Seine Familie besitzt 23,8 Prozent der Rhön-Stammaktien. Foto: ddp
Eugen Münch: Seine Familie besitzt 23,8 Prozent der Rhön-Stammaktien.
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Private Krankenhausträger, wie das Rhön-Klinikum, sind im Aufwind, weil die Kommunen wegen hoher Defizite immer mehr Krankenhäuser veräußern. Ausschlaggebend für den im Vergleich zu Mitbewerbern noch größeren Erfolg von Rhön sind vor allem zwei Faktoren: Einerseits erwirtschaften die Rhön-Krankenhäuser Überschüsse, weil das Konzept der Prozessoptimierung funktioniert. „Arbeitsteilige Fließkonzepte“ nennt Rhön den Ansatz, eine Dienstleistung durch ein reglementiertes Flusssystem herzustellen und durch Spezialisierungen Kosten zu sparen. Andererseits pflegt Eugen Münch, Vorstandsvorsitzender der Rhön-Klinikum AG, exzellente Kontakte zu politischen Entscheidungsträgern, was dem Geschäft zugute kommt – unter anderem, weil der Übernahme eines kommunalen Krankenhauses in der Regel zähe Verhandlungen mit Politikern, Gewerkschaften und Personalräten vorausgehen.
Ulla Derwein, das für die Gesundheitspolitik zuständige Vorstandsmitglied der im Juli 2001 neu formierten Dienstleistungsgesellschaft ver.di (drei Millionen Mitglieder), ist Mitglied des Aufsichtsrates der Rhön-Klinikum AG. ver.di fühlte sich Ende 2001 dazu berufen, sich in die Debatte um die Gesundheitsreform „einzumischen“ (DÄ, Heft 51–52/2001). In einem Thesenpapier beklagte ver.di unter anderem, dass die Krankenhäuser und die Klinikambulanzen weitgehend von der ambulanten fachärztlichen Versorgung ausgeschlossen sind. Es sei „unerträglich“, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung zu einer ausschließlichen Lobbyisten-Organisation der niedergelassenen Ärzte mutiere und ihren Sicherstellungsauftrag für die ambulante ärztliche Versorgung immer mehr aus den Augen verliere, wurde Ulla Derwein in den Medien zitiert. Die doppelte Fachärztestruktur, Mehrfachuntersuchungen und -diagnosen müssten ausgeschaltet werden. Die „wirtschaftliche Monopolstellung“ der Kassenärztlichen Vereinigungen gelte es zu beseitigen. Auch Krankenhäuser und Krankenhausapotheken müssten an einer integrierten Gesamtversorgung teilhaben. Und: Krankenhäuser als weit geöffnete Gesundheitszentren sollten wie ein Gesundheitssupermarkt ein breites Leistungsspektum unter einem Dach anbieten.
Theo Schröder sollte in den Vorstand des Rhön-Klinikums aufrücken. Bevor es dazu kam, folgte er dem Ruf der Ministerin ins Ge­sund­heits­mi­nis­terium. Foto: ddp
Theo Schröder sollte in den Vorstand des Rhön-Klinikums aufrücken. Bevor es dazu kam, folgte er dem Ruf der Ministerin ins Ge­sund­heits­mi­nis­terium. Foto: ddp
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Prof. Dr. med. Dr. sc. Karl W. Lauterbach, enger Berater von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD), ist Mitglied des Rhön-Aufsichtsrates und des Beirates. Zusammen mit den Professoren Gerd Glaeske, Bert Rürup und Jürgen Wasem legte Lauterbach im Dezember 2001 das Thesenpapier „Weichenstellung für die Zukunft – Elemente einer neuen Gesundheitspolitik“ vor. Darin wird unter anderem der Übergang des Sicherstellungsauftrags auf die Krankenkassen gefordert. Zudem empfiehlt die Expertengruppe, den Kontrahierungszwang in der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung aufzuheben. Letzteres hätte auch weitreichende Folgen für die Krankenhausplanung: Krankenkassen könnten sich dann die Vertragskrankenhäuser für ihre Versicherten auswählen, was wettbewerblich ausgerichteten, also Krankenhäusern mit einer günstigen Kostenstrukur zugute käme.
Ein weiteres Mitglied des Aufsichtsrates ist Detlef Klimpe. Als Kaufmännischer Direktor des Universitätsklinikums in Ulla Schmidts Heimatstadt Aachen gilt auch er als ein Berater der Ministerin. Diese informiere sich gelegentlich im Aachener Mammut-Klinikum über die Situation und Probleme der Krankenhäuser, heißt es in Fachkreisen.
Auch Dr. rer. pol. Klaus-Theo Schröder (SPD), seit dem 17. Januar 2001 beamteter Staatssekretär im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, stand im Kontakt mit dem Rhön-Klinikum-Konzern: Schröder war im Dezember 2001 aus seinem Amt als Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales und Frauen ausgeschieden, um
als Bereichsleiter in die Rhön-Geschäftsleitung einzutreten. Schon bald sollte er in den Vorstand aufrücken. Dazu kam es aber nicht, weil er dem Ruf Ulla Schmidts ins Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium folgte. Schröder war somit nicht einmal zwei Monate leitender Angestellter des Krankenhauskonzerns. Rhön schrieb damals (am 17. Januar 2001) in einer Presseerklärung: „Es spricht für die Argumentationskraft der Ministerin, dass sie zunächst Dr. Schröder von der Notwendigkeit einer Rückkehr in die
Seite an Seite: Karl W. Lauterbach, Mitglied im Aufsichtsrat und im Beirat der Rhön-Klinikum AG, ist ein Berater von Ulla Schmidt. Foto: Georg J. Lopata
Seite an Seite: Karl W. Lauterbach, Mitglied im Aufsichtsrat und im Beirat der Rhön-Klinikum AG, ist ein Berater von Ulla Schmidt. Foto: Georg J. Lopata
Politik und eines erneuten Wechsels nach Berlin überzeugen konnte, um dann – in einem persönlichen Telefonat – Eugen Münch zu bitten, Dr. Schröder möglichst zügig aus seinem Vertrag zu entlassen.“ Man habe Schröder gerne behalten wollen, akzeptiere aber den Weggang als „Erfüllung einer staatsbürgerlichen Pflicht“. Die enge Verbindung Schröders zu Rhön war in Berlin heftig kritisiert worden, weil sich der Klinikkonzern in Schröders Amtszeit darum beworben hatte, vom Senat das traditionsreiche Berliner Klinikum Buch zu übernehmen. Der springende Punkt: Mit Schröder habe Rhön über Monate hinweg auf beiden Seiten des Verhandlungstisches gesessen. Dazu passt der Text einer Rhön-Pressemitteilung vom 13. Dezember 2000: „Seit 1986 war er (Schröder, Anm. d. R.) . . . für die Ge­sund­heits­mi­nis­terien Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Berlin tätig, wobei er sich zunehmend auf den Krankenhaus-Bereich fokussierte. Folgerichtig resultierten hieraus mannigfaltige Berührungen und Kontakte zum ersten deutschen börsennotierten Klinik-Konzern, die nunmehr mit einem Beschäftigungsverhältnis besiegelt werden.“
Zwei weitere Beispiele für Rhöns geschickte Personalpolitik sind das hauptamtliche Engagement von Stephan Achner (seit Oktober 2000) und von Wolfram L. Boschke (seit Januar 2002). Achner war bis zum 15. Oktober 2000 Geschäftsführer in der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Düsseldorf. Sein Spezialgebiet: die Diagnosis Related Groups nach australischem Standard. Boschke, früherer wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Prof. Dr. med. Fritz Beske im Institut für Gesundheits-System-Forschung Kiel und ab 1982 Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutsche Privatkrankenanstalten, Bonn, gilt als exzellenter Kenner der Krankenhausszene mit weitreichenden politischen Kontakten.
Eine Studie des Kölner Bankhauses Sal. Oppenheim zum deutschen Krankenhausmarkt („Life Science – Gesunde Erträge“) empfiehlt die Aktie des Rhön-Klinikums zum Kauf. Denn: „Trotz des zunehmenden Akquisitionswettbewerbs sehen wir das Rhön-Klinikum aufgrund validierter Konzepte, der langjährigen Management-Erfahrung sowie guter Kontakte zu Entscheidungsträgern in einer absoluten Spitzenposition in diesem Wachstumsmarkt.“ Jens Flintrop

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