ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2002Kassenärztetag Nordwürttemberg: „Frankophil streiken“

POLITIK

Kassenärztetag Nordwürttemberg: „Frankophil streiken“

Dtsch Arztebl 2002; 99(8): A-478 / B-423 / C-381

Schmidt, Klaus

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Werner Baumgärtner. Foto: Eberhard Hahne
Werner Baumgärtner. Foto: Eberhard Hahne
Manfred Richter-Reichhelm. Foto: Bernhard Eifrig
Manfred Richter-Reichhelm. Foto: Bernhard Eifrig
Richter-Reichhelm und Baumgärtner halten die KVen nicht für Auslaufmodelle. Beide plädieren aber für alternative Strukturen für den „Ernstfall“.

Die geplante und mit Spannung erwartete Diskussion mit Florian Gerster, dem Sozialminister von Rheinland-Pfalz, einem erklärten Gegner des „KV-Monopols“, als Höhepunkt des Kassenärztetags Nordwürttemberg musste leider ausfallen: Der SPD-Politiker konnte keinen Rückflug aus den USA bekommen, ließ er mitteilen. Dafür stellten sich der Medizinökonom und einer der Berater von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt, Professor Dr. med. Karl Lauterbach, Köln, und der Vorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. jur. Hans Jürgen Ahrens, dem Streitgespräch mit dem KBV-Vorsitzenden Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm und dem Vorsitzenden der KV Nordwürttemberg, Dr. med. Werner Baumgärtner. Dieser warf der Politik vor, die Kassenärztlichen Vereinigungen unter permanenten Druck zu setzen und sie letztlich über die Disease-Management-Programme (DMP) aushebeln zu wollen.
Ahrens wie Lauterbach bestritten, dass es bei den DMP darum gehe, die KVen abzuschaffen. „Wir Kassen wollen den Sicherstellungsauftrag nicht übernehmen“, versicherte der Vorsitzende des AOK-Bundesverbandes. Aber er forderte eine flexiblere Vertragspolitik der Körperschaften ein. „Wir wollen gern mit Ärzten Verträge machen, aber nicht unbedingt mit der KV.“
Lauterbach, Mitglied im Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, sagte, dass KBV und KVen voll an den DMP beteiligt werden: „Fast 95 Prozent des DMP-Geschäfts werden über die KVen laufen, aber sie können keine Bestandsgarantie bekommen, dass das auch in fünf Jahren noch so ist.“ Er wies darauf hin, dass die KBV sogar noch vor den Krankenkassen mit eigenen DMP-Vorschlägen und Modellen an die Politik und die Öffentlichkeit herangetreten war.
Richter-Reichhelm bestätigte, dass es einen kollektiven Rahmenvertrag zwischen KBV und Krankenkassen zu DMP geben werde, dass die KBV aber auch Vorschläge für Einzelverträge ausarbeiten werde. Er warnte davor, die ärztlichen Körperschaften und das Kollektivvertragssystem an die Wand zu fahren: „Dann können wir sehr frankophil werden, so frankophil, dass wir streiken!“
In einer solchen Situation entfalle nämlich die Friedenspflicht, die die Kassenärztlichen Vereinigungen für den Sicherstellungsauftrag auferlegt bekommen hätten. Richter-Reichhelm forderte in Stuttgart die versammelten Kolleginnen und Kollegen auf, sich auf den Ernstfall vorzubereiten, alternative Auffang-Strukturen aufzubauen und in der Schublade bereitzuhalten. Klaus Schmidt
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema