ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2002Den Rest besorgt der Grouper

POLITIK: Die Glosse

Den Rest besorgt der Grouper

Dtsch Arztebl 2002; 99(8): A-480 / B-385 / C-363

Feld, Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Am 18. Mai 2006: Die Stationsärzte Lars Lakai, Bertram Büttel und Karl Knecht hacken seit Stunden fiebernd und geifernd zahllose ICD-Schlüssel in die Masken ihrer Stations-PCs und verfolgen mit sabbernden Lefzen und feuchten Augen die sich stetig erhöhenden Endsummenentwicklungen ihrer High-Speed-Grouper. Die Uhr tickt; noch sechs Minuten, vierzehn Sekunden. Hinter ihrem Rücken stehen Chef, Oberarzt und Geschäftsführer und feuern die drei mit immer neuen Kampfschreien an. Vorbei, Timeout. Heutiger Sieger: Karl Knecht an der Entlassdiagnosenliste der tumorkranken Oma Wipperfürth mit 4 328,50 € für vier Tage Liegedauer. Chef, Oberarzt und Geschäftsführer beglückwünschen sich selbst und den Tagessieger für den heutigen Gipfel ärztlicher Kunst.
Science Fiction? Schön wär’s! In einer schier endlosen „Immer-feste-druff-Taktik“ verwaltungsmäßiger Berufsverfremdung soll den Klinikärzten nun auch das letzte Bonbon namens ökonomischer Exekutive und Verantwortlichkeit der Hospitalfinanzen geschenkt werden. Vielen Dank! Jetzt wäre wohl der Zeitpunkt gekommen, dass sich die Ärzte geschlossen gegen die bald völlige Entärztlichung des Medizinerdaseins wehren. Doch realiter? Wie immer! Politik zu Verwaltung, zu Chef, zu Oberarzt, zu Assistent: Es muss halt gemacht werden!
Irgendwann werden sich auch die letzten Konformisten wundern – dann nämlich, wenn in einigen Jahren nur noch überangepasste, überabhängige und überhelfersyndromische Nach-Hippokraten die Patienten und PCs betreuen, dann, wenn der Anzeigenteil des Deutschen Ärzteblattes dreimal so dick ist wie der Rest, und wenn auch die letzte Viertelstunde Arzttag der Administration gewichen ist. Dann wird sich vielleicht etwas ändern, dann wird hoffentlich die Stimme der Unmutigen lauter als die der Untätigen sein. Den Rest besorgt der Grouper. Dr. med. Michael Feld
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema