ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2002Fortbildung: Herausragend für die heutige Zeit

BRIEFE

Fortbildung: Herausragend für die heutige Zeit

Kapellmann, Beatrice

Anmerkungen zu einer außergewöhnlichen Fortbildungsveranstaltung:
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LNSLNS Seit einigen Jahren verfolge ich mit zunehmendem Unmut die Qualitätseinbußen der ärztlichen Fortbildungsveranstaltungen. Dias mit zum Teil unübersichtlichen Grafiken werden präsentiert, zu deren Erläuterung anstelle des Zeigestocks vergangener Tage ein mittels Laser betriebener roter Punkt verwendet wird, dessen abruptes Hin- und Herspringen allerdings oft nur noch mehr Verwirrung stiftet. Zu viele computergesteuerte Schrifttafeln enthalten jeweils vier oder fünf Schlagwörter oder auch kurze Sätze, welche von den Vortragenden nacheinander mittels Computeranimation hereingestreut, vorgelesen und kommentiert werden. Währenddessen wenden sie sich mit dem Kopf hin zur Tafel und weg vom Mikrofon und damit weg von den Zuhörern. Die Folge ist eine verminderte akustische Übertragung. Da heutzutage fast alle Referenten leise sprechen, wird genau das, was sie zur Schrifttafel erläutern, nicht mehr wahrgenommen. Es macht wenig Sinn, vorzulesen, was die Zuhörerschaft selbst lesen kann, wenn die Abwendung vom Mikrofon während der mündlichen Ergänzungen das Zuhören erschwert oder nicht mehr ermöglicht.
Am 24. Januar 2002 wurde eine Fortbildungsveranstaltung des Ärztevereins Hannover zum Thema Harninkontinenz zu einem Erlebnis besonderer Art. Drei Referenten hatten bereits in oben genannter Weise ihre Vorträge gehalten, als Herr Dr. Kauffels, Oberarzt in der Frauenklinik der MHH, mit den technischen Vorbereitungen zu seinem Vortrag beschäftigt, feststellen musste, dass alle Technik ihren Dienst versagte. Die Geräte waren inkompatibel, nichts ging mehr. Einzig funktionierte das Mikrofon, das Herr Kauffels um den Hals trug. Er begann – es blieb ihm nicht anderes übrig – mit einer frei formulierten Rede über sein Thema, das er zunächst in wenigen klaren Worten aufgliederte, um es anschließend, Punkt für Punkt wohl durchstrukturiert, im Einzelnen darzustellen. Währenddessen wandte er sich wechselseitig allen Teilen des Auditoriums zu, blickte ausschließlich direkt ins Publikum und untermalte die Anschaulichkeit seines Vortrags durch Erläuterungen in Form manueller Gestik.
Im Publikum regte sich etwas: zusammengesunkene Wirbelsäulen richteten sich wieder auf, Ohren wurden gespitzt, Augen blickten trotz fortgeschrittener Uhrzeit plötzlich wach, nirgends war mehr ein Flüstern oder Hüsteln zu vernehmen. Nach Abschluss seines Vortrags erhob sich ein lang anhaltender, begeisterter Applaus, wie ich ihn bisher nur sehr selten bei einem Vortragsabend im Ärztehaus erlebt habe.
Gegen die Technik zur Unterstützung für einen guten Vortrag ist nichts einzuwenden, wenn sie sinnvoll zum Einsatz kommt. Meistens wird sie aber zum Störfaktor im Sinne einer Reizüberflutung. Die meisten Referenten erscheinen festgenagelt an ihrem Pult, das sie mit den Gerätschaften verbindet, und wirken fast teilnahmslos in der Behandlung ihres Themas, weil zwischen ihnen und dem Auditorium eine Barriere aufgebaut ist. Wahrscheinlich wäre der Vortrag von Herrn Dr. Kauffels trotz oder wegen der Zuhilfenahme technischer Mittel genauso gut gewesen, hätten sie funktioniert. So jedenfalls war er herausragend für die heutige Zeit! Sein einziges Mittel war eine gute und deutliche Sprache – geeignet zum Mitschreiben –, die nicht nur in ihrer Lebendigkeit eine Freude für die Zuhörer darstellte, sondern eine fundierte Vorbereitung und die Identifikation des Vortragenden mit seinem Thema veranschaulichte. Sein Anliegen ging unmittelbar auf das Publikum über, seine Botschaft an die niedergelassenen Kollegen wurde aufgenommen.
Was erwartet man denn nach einem langen Arbeitstag von einem Fortbildungsabend? Man möchte doch einige wichtige Informationen wirklich aufnehmen, behalten und in die Tat umsetzen können. Oder sitzen die Kollegen alle nur brav ihre Zeit ab, um die erforderlichen Punkte zu sammeln? Nein, sie wollen gute Vorträge hören. Die Reaktion an diesem Abend war eindeutig. Meine Bitte an die Veranstalter ist die, sparsam mit der Technik umzugehen. Sie entfremdet nicht nur in Klinik und Praxis, sie befremdet auch die ärztliche Fortbildung! Ich wünsche mir noch viele Vorträge dieser Art, die nicht aus der Not geboren werden müssen wie an jenem Abend.
Dr. med. Beatrice Kapellmann, Hunaeusstraße 2, 30177 Hannover
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