ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2002Die Hethiter: Das Volk der tausend Götter

VARIA: Feuilleton

Die Hethiter: Das Volk der tausend Götter

Dtsch Arztebl 2002; 99(8): A-515 / B-417 / C-394

Krannich, Stephanie

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Reliefdarstellung der Göttin Kubaba, Karkemisch, Späthethitische Zeit, Basalt, Höhe: 83 cm, Breite: 57 cm
Reliefdarstellung der Göttin Kubaba, Karkemisch, Späthethitische Zeit, Basalt, Höhe: 83 cm, Breite: 57 cm
Kostbare Ausgrabungsobjekte vermitteln einen Einblick in die hethitische Hochkultur.

Der älteste schriftliche Nachweis eines Friedensabkommens zweier Nationen stammt bereits aus der Zeit um 1259 v. Chr. Er dokumentiert die Beilegung der Vormachtkämpfe in Syrien beziehungsweise den Friedensschluss zwischen Ramses II., Pharao von Ägypten, und Hattusili III., Großkönig der Hethiter. Eine Kopie des Keilschrifttafelfragmentes ist im UN-Gebäude in New York zu sehen –- als eindringliches und mahnendes Symbol für den Frieden. Die Geschichte der Ägypter dürfte weiten Kreisen hinlänglich bekannt sein. Die der Hethiter jedoch, die im zweiten Jahrtausend v. Chr. zu den wichtigsten Großmächten der damaligen Zeit zählten, geriet nach dem Untergang ihres Reiches gegen Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. für lange Zeit in Vergessenheit. Gleichwohl befinden sich in der Bibel Hinweise auf dieses Volk.
Erst die Ausgrabungen und intensiven Forschungsarbeiten vor allem türkischer und deutscher Archäologen des 19. und 20. Jahrhunderts ließen ihre Geschichte langsam wieder ans Tageslicht kommen, klarere Konturen gewinnen. Gegen Ende des dritten Jahrtausends v. Chr. wanderten die Hethiter, ein Volk mit indogermanischer Sprache, in das Gebiet der Hattier in Anatolien ein, vermischten sich mit ihnen und übernahmen die Herrschaft. Ende des zweiten Jahrtausends v. Chr. beherrschten die Hethiter den größten Teil Anatoliens und zeitweise den Norden Syriens. Ihre Hauptstadt
Vorratsbehälter im Tempel I, Hattusa (Bogazköy). Fotos: Bundeskunsthalle
Vorratsbehälter im Tempel I, Hattusa (Bogazköy). Fotos: Bundeskunsthalle
Hattusa war eine der größten Stadtanla-
gen der Antike. Mit den Ägyptern und Babyloniern pflegten sie als gleichrangige Partner diplomatische Kontakte und Handelsbeziehungen.
In der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn sind zurzeit 154 Leihgaben aus 16 archäologischen Museen Anatoliens zu sehen. Die kostbaren Ausgrabungsobjekte, darunter Steinreliefs, Stelen, Keramiken, Tontafeln, Siegel, Bronzestatuetten und Goldschmiedearbeiten vermitteln einen Einblick in die hethitische Hochkultur. Großformatige Fotografien der Ausgrabungsstätten und Architekturmodelle der beiden Städte Hattusa und Kusakli-Sarissa runden das Bild ab. Die Ruinen der hethitischen Hauptstadt Hattusa, die heute als Freilichtmuseum zugänglich sind, liegen rund 150 Kilometer östlich von Ankara. Hattusa wurde 1986 in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.
Detailliertere Informationen über geschichtliche Ereignisse, Staatsgeschäfte und religiöse Kulte waren insbesondere aus schriftlichen Quellen, bislang mehr als 30 000 gefundenen Tontafeln aus den hethitischen Palästen, zu gewinnen: Die Hethiter benutzten sowohl Keilschrift als auch Hieroglyphen. Den Schrifttafeln war auch zu entnehmen, dass sie sich selbst als „Volk der 1 000 Götter“ bezeichneten. In den Reigen ihrer zahlreichen eigenen Götter integrierten sie Götter besiegter oder befreundeter Völker – ein Ausdruck ihrer religiösen Toleranz.
Im Mittelpunkt des in der Ausstellung zu sehenden Films stehen Kunst und Alltag der Hethiter. Ferner liegt in einem Informationsraum umfassende Literatur über die Hochkulturen zur Zeit der Hethiter bereit. Wer sich zu Hause intensiver mit dem „Volk der 1 000 Götter“ beschäftigen möchte, dem sei der 376 Seiten umfassende, reich bebilderte Katalog empfohlen. An seiner Erstellung arbeiteten international ausgewiesene Experten aus Archäologie, Geschichtskunde und Sprachwissenschaften mit. Er dokumentiert den neuesten Stand der Hethiterforschung.
Wer die Hethiter bis zum 1. April besucht, hat gleichzeitig noch die seltene Gelegenheit, unter demselben Dach die bis dahin verlängerte Ausstellung „Troia – Traum und Wirklichkeit“ auch aus anderem Blickwinkel zu sehen, denn inzwischen liegen Beweise für die kulturelle Verbindung Troias mit dem Reich der Hethiter vor.
Dr. med. Stephanie Krannich
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