ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2002Kunst und Psyche: Stumme Zeugen

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Kunst und Psyche: Stumme Zeugen

Dtsch Arztebl 2002; 99(8): A-516 / B-418 / C-395

Kraft, Hartmut

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Zwei Dreispitzsteine der Taino-Kultur (vor 1500 nach Christus), Höhe 12 und 14 cm
Zwei Dreispitzsteine der Taino-Kultur (vor 1500 nach Christus), Höhe 12 und 14 cm
Dreispitzsteine der Taino-Kultur

Am Strand der Insel Samana Cay (Bahamas) setzte Christoph Kolumbus am 12. Oktober 1492 erstmalig seinen Fuß auf den amerikanischen Kontinent. Das hier lebende Volk der Taino, rund drei bis vier Millionen Menschen, war um die Zeitenwende aus Südamerika eingewandert. Die Taino hatten eine reiche Pflanzkultur entwickelt mit einer Zweiklassenordnung, die aus den Bauern einerseits, den Häuptlingen und Priestern andererseits bestand. Kriegsgefangene und Schuldner standen außerhalb dieser Ordnung und bewirtschafteten als Sklaven die Pflanzungen.
Der Glaube an Ahnengeister, Cemi genannt, beherrschte die Religion. In Form von Holzidolen und Steinplastiken wurden die Cemi verehrt. Unter den eher kleinformatigen Steinskulpturen ragen die Dreispitzsteine („threepointers“) wegen ihrer ungewöhnlichen und künstlerisch faszinierenden Form heraus. Neben vollkommen abstrahierenden Dreispitzsteinen gibt es sowohl Kopfdarstellungen mit breitem Mund und auffälligen, brillenartig umrandeten Augen als auch anthropomorphe Darstellungen. Diesen Figuren wurde eine große Verehrung entgegengebracht. Sie sollten das Wachstum der Pflanzen schützen, das Wetter günstig beeinflussen und für eine schmerzfreie Geburt sorgen.
Der Kontakt mit den Europäern geriet zur Katastrophe für die Taino. Eingeschleppte Krankheiten sowie eine ungeheure Brutalität der Eroberer führten zum Untergang des Volkes. Bartolomé de Las Casas (1474 bis 1566), Bischof von Chiapas in Mexiko, hat in seinem „Bericht von der
Verwüstung der Westindischen Inseln“ ein erschreckendes Zeugnis davon abgelegt. So sind die Dreispitzsteine der Taino zu stummen Zeugen einer vernichteten Kultur geworden. Ob ein tief greifendes Schuldgefühl der Grund ist, dass den Zeugnissen dieser Kultur nur geringes Interesse entgegengebracht wird? Selbst die große Taino-Ausstellung in Paris 1994 scheint daran wenig geändert zu haben – zum 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas wurde sie von keinem anderen Ausstellungsort übernommen.
Hartmut Kraft
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