ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2002„Ärztlicher Notdienst“

VARIA: Post scriptum

„Ärztlicher Notdienst“

Dtsch Arztebl 2002; 99(8): [112]

Josten, Klaus U.

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Samstag gegen 9.50 Uhr betreten zehn Delegierte der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Vereinigung X und eine hauptamtliche Mitarbeiterin den Aufzug im zweiten Stock, um per Knopfdruck den Versammlungsraum im 5. Stock zu erreichen. Die Türen schließen sich, und der Aufzug senkt sich entgegen den Erwartungen der Reisenden in zügiger Fahrt auf die Ebene minus zwei. Er sackt allmählich, aber bestimmt um weitere 60 cm unter dieses Niveau und rührt sich nicht mehr. Die Tür bleibt verschlossen. Auch wiederholter Druck auf diverse Knöpfe ändert nichts an der Situation. Die einstimmige Diagnose von zehn Ärztinnen und Ärzten lautet: „Wir stecken fest.“
9.54 Uhr – Zeichen klinischer Klaustrophobie sind nicht festzustellen. Schließlich sind wir bei der KV.
Die Hilfe ist nah. Das weiße Notfalltelefon im Aufzug jedoch ist tot. Die vorhandenen elf Mobiltelefone werden gezückt. Das metallische Aufzuggehäuse verhindert die telefonische Kontaktaufnahme. Die hauptamtliche Mitarbeiterin erweist ihre hohe Sachkompetenz auch in dieser Situation fern von HVM und EBM im Versammlungsraum. Sie zeigt auf eine Sprechanlage und drückt auf die entsprechende Taste.
9.59 Uhr – Eine freundliche Frauenstimme im „Callcenter“ eines bekannten Aufzugherstellers in „Irgendwo“ sagt den Eingeschlossenen Hilfe zu, ohne auf die dringlichen Fragen nach dem Standort des Technikers und seinem voraussichtlichen Eintreffen zu antworten.
10.04 Uhr – Ein erneuter Kontakt mit der freundlichen Frauenstimme ohne Namen und ohne den Hauch von Empathie, die aufseiten der ärztlichen Patientinnen und Patienten dringend erwartet wird. Die Stimme wird gebeten, unter Angabe der Telefonnummer mit der Pforte des hohen Hauses Kontakt aufzunehmen, damit Hausmeister und Vorsitzende der Ver­tre­ter­ver­samm­lung informiert würden. Die Stimme ist weiter freundlich, sie nimmt nicht Anteil und lässt bei den erneuten Fragen nach dem Techniker Kompetenz vermissen.
10.10 Uhr – Die Delegierten stimmen dem Antrag zu, erneut mit der Callcenter-Stimme Kontakt aufzunehmen, um anzufragen, ob der Kontakt zur Pforte der KV hergestellt sei. Die Stimme bleibt im Tenor der Antwort unbestimmt wie in den bisherigen Versuchen.
10.13 Uhr – Ein außerordentlich mutiger Delegierter versucht mit klaustrophobischem Impetus und seinen bloßen Händen die Aufzugtür zu bewegen. Mit handfester Unterstützung weiterer Ärzte bewegt sich die Tür und die eingeschlossene ärztliche Notgemeinschaft gewinnt die Freiheit. Der „Deckel“ des Sauerstoff-Budgets ist weg.
Dr. med. Klaus U. Josten
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