ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2002Symposium in der Kaiserin-Friedrich-Stiftung: Solidarität mit den „fortpflanzungswilligen Schichten“

POLITIK

Symposium in der Kaiserin-Friedrich-Stiftung: Solidarität mit den „fortpflanzungswilligen Schichten“

Dtsch Arztebl 2002; 99(9): A-534 / B-434 / C-408

Richter, Eva A.

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LNSLNS Reproduktionsmediziner fordern die Zulassung
der Präimplantationsdiagnostik.

Desinteresse an der menschlichen Fortpflanzung warf Prof. Dr. med. Jürgen Hammerstein, Geschäftsführer der Kaiserin-Friedrich-Stiftung, Berlin, am 23. Februar der Politik vor: „In Deutschland herrscht eine fortpflanzungsbehindernde Gesetzgebung“, sagte der ehemalige Reproduktionsmediziner des Klinikums Steglitz der Freien Universität Berlin, zum Abschluss des 26. Symposiums für Juristen und Ärzte, das die Kaiserin-Friedrich-Stiftung in diesem Jahr zum Thema Reproduktionsmedizin organisierte. Die Befürworter „liberaler“ Lösungen waren dabei weitgehend unter sich.
Hammerstein erklärte, die Solidarität der Entscheidungsträger mit den fortpflanzungswilligen Schichten des Volkes drohe verloren zu gehen. Das Grundgesetz zum Schutz von Ehe und Familie würde zunehmend ausgehöhlt. Der Gynäkologe verwies auf liberalere Gesetze zur Reproduktionsmedizin in anderen europäischen Ländern. So sei in Großbritannien, Schweden, Dänemark, den Niederlanden, Finnland, Belgien, Frankreich, Spanien, Italien und Griechenland die Präimplantationsdiagnostik (PID) erlaubt und werde dort erfolgreich praktiziert. Von einem Dammbruch könne in diesen christlichen Ländern nicht die Rede sein, betonte Prof. Dr. med. Hermann Hepp, Direktor der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Klinikums Großhadern, München. Hepp ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundes­ärzte­kammer und war dort federführend mit der Erstellung des Diskussionsentwurfs zur PID befasst. Dieser befürwortet die PID in Grenzen (DÄ, Heft 9/2000).
Als zulässig erklärt die PID auch der Artikel 18 der Bioethikkonvention des Europarates vom April 1997, die aber zugleich restriktivere, nationale Regelungen befürwortet. Das deutsche Embryonenschutzgesetz, das seit dem 1. Januar 1991 in Kraft ist, steht der PID nach Ansicht der meisten Experten entgegen. Danach dürfen Embryonen nur zum Zwecke der Fortpflanzung erzeugt werden. Alle Embryonen (zwei bis drei) müssen der künftigen Mutter eingepflanzt werden. Eine Auswahl ist nur im Vorkernstadium gestattet.
Erfolgsraten optimieren
„Durch diese restriktiven Regelungen sind die Schwangerschaftsraten für kinderlose Paare nach In-vitro-Fertilisation (IVF) deutlich eingeschränkt“, bedauert Prof. Dr. med. Hans Van der Ven, Direktor der Abteilung für Gynäkologie, Endokrinologie und Reproduktionsmedizin am Universitätsklinikum Bonn. Diese lägen derzeit in Deutschland je nach Alter der Frau zwischen 15 und 25 Prozent. Dies sei zwar beachtlich, verglichen mit der natürlichen Befruchtung, bei der die Erfolgsrate auch nur etwa 28 Prozent betrage; die Baby-take-home-Raten nach IVF im Ausland würden jedoch bei etwa 50 Prozent liegen. Grund dafür sei die Möglichkeit, ein oder zwei Embryonen mit optimalen Eigenschaften auszuwählen. Ein weiterer Vorteil sei dabei die Reduktion der Mehrlingsschwangerschaften nach IVF.
„Untersuchungen haben gezeigt, dass die PID zu einer zweifachen Implantationsrate und zu einer 2,5fachen Abnahme von Spontanaborten führt“, bekräftigte Prof. Dr. med. Gerhard Wolff, Direktor des Instituts für Humangenetik und Anthropologie der Universität Freiburg. Das Einpflanzen von Embryonen mit Chromosomenstörungen, die die Hauptursache für Fehlgeburten darstellen, könne deutlich minimiert werden, wenn die Embryonen vorher untersucht und gegebenenfalls verworfen werden. Angesichts der Gesetzeslage in Deutschland gelte es, die technischen Möglichkeiten im Vorkernstadium zu optimieren, meint Van der Ven. Dies wäre durch eine verbesserte Beurteilung der Vorkerne, den optimalen Zeitpunkt des Embryonentransfers sowie die Polkörperbiopsie möglich.
Prof. Dr. med. Heribert Kentenich, Chefarzt der Gynäkologischen Abteilung der DRK-Frauenklinik Westend, Berlin, geht weiter: Er forderte auf dem Symposion eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes, das die eingeschränkte Selektion von Embryonen und den Blastozystentransfer erlauben sollte. Die PID müsse gestattet werden, da die betroffenen Frauen ansonsten zu einer Schwangerschaft auf Probe gezwungen wären oder vom Arzt ins Ausland geschickt werden müssten. Ferner plädiert Kentenich dafür, die heterologe Insemination, die Eizellspende, die Behandlung lesbischer Paare und die Forschung an Embryonen zu gestatten.
Eine internationale Regelung sei dringend erforderlich, meint Prof. Dr. jur. Eberhard Eichenhofer. „Nationale Zwischenschritte sind zwar unvermeidbar“, sagte der Inhaber des Lehrstuhls Sozialrecht und Bürgerliches Recht der Universität Jena, „aber liberalere Regelungen haben gegenüber konservativen den Vorrang.“ Die Gründe für den „deutschen Sonderweg“ sieht er in den Erfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Doch: „Wir können einen rechtlichen Sonderweg nur einfordern, wenn wir die Güterabwägung mit anderen Argumenten treffen als die übrigen europäischen Länder – aber dies tun wir nicht“, sagte der Jurist. Es sei an der Zeit, von der „German disease“ Abschied zu nehmen und sich in den europäischen Kontext einzuordnen.
Dies sei jedoch mit dem ärztlichen Berufsrecht kaum zu vereinbaren, argumentiert Prof. Dr. jur. Dr. h.c. Adolf Laufs vom Institut für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Bioethik der Universitäten Heidelberg und Mannheim – er war der einzige Jurist, der einen kritischen Vortrag zum Thema PID hielt. Der Arzt müsse ungeborenes Leben erhalten; der Heilauftrag sei bei der PID zweifelhaft, sagte Laufs. Ihre Zulassung und die Änderung des Embryonenschutzgesetzes stehe zudem dem Verfassungsrecht entgegen. Völlig anderer Ansicht ist sein Mannheimer Kollege Prof. Dr. iur. Jochen Taupitz, Mitglied im Nationalen Ethikrat und in der Zentralen Ethikkommission bei der Bundes­ärzte­kammer. Für ihn ist der erste Artikel des Grundgesetzes („Die Menschenwürde ist unantastbar“) kein „Totschlagargument“. Die Menschenwürde sei nicht statisch konzipiert; Änderungen könnten sich ergeben. Zudem habe das Verfassungsrecht dem Embryo niemals Grundrechte zugesprochen, sondern nur den Schutz durch die Gesellschaft. Dieser käme jedoch auch dem menschlichen Leichnam, der Natur und den Tieren zu. Auch Margot von Renesse, Vorsitzende der Enquete-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“ des Bundestages, hält einen liberaleren Umgang mit dem Artikel 1 des Grundgesetzes für angemessen. Sie sieht die Diskussion um die PID als eine Suche nach der Grenze des Strafrechts an. Menschen in Notsituationen müssten unter Umständen straffrei bleiben können – ähnlich wie bei der Abtreibungsregelung. Behandlungschancen und die Erweiterung des Wissens sollten nicht beschränkt werden.
Dass die Beschränkungen innerhalb der Reproduktionsmedizin die menschliche Fortpflanzung stark beeinträchtigen, bezweifelt Prof. Dr. habil. Elmar Brähler von der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik der Universität Leipzig. „Nach empirischen Untersuchungen sind zwar 30 Prozent aller Frauen zeitweilig ungewollt kinderlos, von einer dauerhaft ungewollten Kinderlosigkeit sind jedoch lediglich ein bis drei Prozent aller Frauen betroffen.“ Die Ergebnisse seiner Repräsentativerhebung von 1999 zeigen auch, dass die Hälfte aller Schwangerschaften ungeplant zustande kommen. Brählers Fazit: „Man sollte an spontaner Zeugung festhalten, da sonst die Geburtenzahl noch weiter zurückgeht.“ Dr. med. Eva A. Richter
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