ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2002Aut-idem-Regelung: Therapieverantwortung ist unteilbar

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Aut-idem-Regelung: Therapieverantwortung ist unteilbar

Korzilius, Heike

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LNSLNS Seit dem 23. Februar gilt das Arzneimittelausgaben-Begrenzungsgesetz. Unter anderem kehrt es die bisher geltenden Substitutionsregeln bei ärztlichen Verordnungen um.

Mit In-Kraft-Treten des Arzneimittelausgaben-Begrenzungsgesetzes kehrt sich die bisherige Bedeutung des Aut-idem-Kästchens auf den Rezeptvordrucken um: Nicht ankreuzen bedeutet, der Apotheker darf substituieren, angekreuzt bedeutet, der Arzt hat die Substitution ausgeschlossen. Foto: Peter Wirtz
Mit In-Kraft-Treten des Arzneimittelausgaben-Begrenzungsgesetzes kehrt sich die bisherige Bedeutung des Aut-idem-Kästchens auf den Rezeptvordrucken um: Nicht ankreuzen bedeutet, der Apotheker darf substituieren, angekreuzt bedeutet, der Arzt hat die Substitution ausgeschlossen. Foto: Peter Wirtz
Mit dem so genannten Arzneimittel-Sparpaket beabsichtigt Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt, auch Arzneimittelhersteller und Apotheker ihren Teil zur Stabilisierung der Arzneimittelausgaben beitragen zu lassen. Einsparungen von rund 1,3 Milliarden € verspricht sie sich von diesem Maßnahmenbündel, die Absenkung der Arzneimittelfestbeträge eingeschlossen. Begleitet von heftiger Kritik trat das Gesetz am vergangenen Samstag in Kraft. Es sieht unter anderem vor, in den Jahren 2002 und 2003 den Rabatt, den die Apotheken den gesetzlichen Krankenkassen einräumen müssen, von fünf auf sechs Prozent zu erhöhen. Der Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen soll den Vertagsärzten Empfehlungen zur wirtschaftlichen Verordnung von Analogpräparaten an die Hand geben. Außerdem werden die Krankenhäuser verpflichtet, bei Therapievorschlägen für den weiterbehandelnden Arzt Wirkstoffbezeichnungen zu verwenden. Eine ursprünglich geplante Preissenkung für nicht festbetragsgebundene Medikamente kauften die forschenden Arzneimittelhersteller der Bundesregierung für 204 Millionen € ab – als freiwilliger Solidarbeitrag der pharmazeutischen Industrie floss die Summe in das Gesetz ein. Kaum weniger umstritten als dieser Coup ist die Umkehr der bisher geltenden Aut-idem-Regelung, die das Arzneimittelausgaben-Begrenzungsgesetz vorsieht. Danach ist der Apotheker künftig automatisch verpflichtet, ein wirkstoffgleiches Arzneimittel aus dem unteren Preisdrittel abzugeben, es sei denn, der Arzt hat dies ausdrücklich ausgeschlossen oder bereits selbst ein Präparat aus dem unteren Preisdrittel verordnet.
Die neue Regelung wirkt sich unmittelbar auf die ärztliche Verordnungspraxis aus, weil das Gesetz keine Übergangsfristen vorsieht. „Ärzte, die die Auswahl des Präparates nicht dem Apotheker überlassen wollen, sollten, wo immer möglich, ein preisgünstiges Gene-
rikum verordnen und das Aut-idem-Feld auf dem Rezept durchstreichen“, empfiehlt der stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Leonhard Hansen, seinen Kollegen. Denn mit In-Kraft-Treten des Gesetzes kehrt sich auch die bisherige Bedeutung des Aut-idem-Kästchens auf den Rezeptvordrucken um: Nicht angekreuzt bedeutet, der Apotheker darf substituieren, angekreuzt bedeutet, der Arzt hat die Substitution ausgeschlossen. Diese potenziell verwirrende Sprachregelung hat jedoch nur Übergangscharakter. Zurzeit diskutieren die KBV und die Spitzenverbände der Krankenkassen, ob Rezeptformulare künftig zwei Kästchen – aut idem und nec aut idem – verzeichnen, die der Arzt wahlweise ankreuzen kann. Für den Apotheker gilt, dass er ein Arzneimittel nur gegen ein solches austauschen darf, das in Wirkstärke und Packungsgröße identisch und für denselben Indikationsbereich zugelassen ist. Außerdem muss es die gleiche oder eine austauschbare Darreichungsform besitzen. Hinweise über die therapeutische Vergleichbarkeit oder die Austauschbarkeit von Darreichungsformen gibt der Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen in seinen Arzneimittel-Richtlinien.
Mit einer reibungslosen Umsetzung der Aut-idem-Regelung rechnen die Beteiligten jedoch erst ab Mitte dieses Jahres, denn die Selbstverwaltung muss noch weitere Vorarbeiten leisten. So muss zunächst einmal das untere Preisdrittel festgesetzt werden, damit Ärzte und Apotheker sich überhaupt orientieren können. Das Verfahren: In einer Gruppe wirkstoffgleicher Präparate wird der Durchschnittspreis der drei
billigsten und der drei teuersten Medikamente ermittelt. Anhand des Differenzbetrages berechnet man die Obergrenze des unteren Preisdrittels. Innerhalb dieses Rahmens können Ärzte und Apotheker dann Medikamente verordnen oder abgeben. Der Bundes­aus­schuss hat inzwischen damit begonnen, die Präparategruppen zu bilden. Danach legen die Spitzenverbände der Krankenkassen die Preisgrenzen fest, die jeweils für ein Quartal gelten sollen.
Obwohl noch heftig an den Vorgaben gearbeitet wird, sind die Apotheker bereits jetzt angehalten, preisgünstige Arzneimittel abzugeben. Nach dem Gesetz sollen sie immer dann von der Aut-idem-Regelung Gebrauch machen, wenn eine preisgünstige Substitutionsmöglichkeit „eindeutig“ erkennbar ist – beispielsweise, wenn der Arzt ein Originalpräparat verordnet. Anhaltspunkte für eine preiswerte Substitution liefert den Apothekern die Lauertaxe, auf die sie über ihre Apothekensoftware zugreifen können. Diese kennzeichnet innerhalb von Präparategruppen mit gleichem Wirkstoff, gleicher Dosierung, Darreichungsform und Packungsgröße das untere Preisdrittel.
Die Umkehr der bisherigen Aut-idem-Regelung ist nach wie vor höchst umstritten. Während die Apotheker mit Freude der Erfüllung eines lang gehegten Wunsches entgegensehen – einziger Wermutstropfen ist die Preisgrenze –, warnt die KBV davor, die Therapiefreiheit der Vertragsärzte zu beschneiden. „Für eine Arzneimittelwahl, die der Apotheker trifft, kann der Arzt nicht weiterhin die volle medizinische und wirtschaftliche Verantwortung tragen“, sagte der KBV-Vorsitzende, Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, bereits im November letzten Jahres, als das Gesetzgebungsverfahren noch in vollem Gang war. Zur selben Zeit warnte der KBV-Länderausschuss vor den Folgen für die Compliance der Patienten. Das Gremium befürchtete damals wie heute, dass insbesondere chronisch kranke Patienten verunsichert werden, wenn sie in der Apotheke häufig wechselnde Medikamentenpackungen erhalten.
Dennoch lassen sich nach Ansicht der KBV Compliance-Probleme vermeiden und die Therapieverantwortung erhalten, wenn die Vertragsärzte die Freiräume nutzen, die ihnen das Gesetz lässt. So schließe eine Verordnung im unteren Preisdrittel die Substitution des Apothekers automatisch aus – mithin auch den häufigen Präparatewechsel für die Patienten. In diesem Zusammenhang lohne es sich für die Ärzte auch, den Arzneimittelmarkt zu beobachten. Einige Hersteller von Generika hätten offenbar aus Furcht vor Umsatzeinbußen inzwischen angekündigt, ihre Preise entsprechend zu senken. Darüber hinaus habe der Arzt letztlich immer noch die Möglichkeit, per Kreuz auf dem Rezept, Aut-idem zu verbieten. Heike Korzilius
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