ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2002Rheinland-Pfalz: Bald Ärztemangel auf dem Land

POLITIK

Rheinland-Pfalz: Bald Ärztemangel auf dem Land

Dtsch Arztebl 2002; 99(9): A-539 / B-439 / C-412

Engelmohr, Ines

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Frieder Hessenauer. Foto: privat
Frieder Hessenauer.
Foto: privat
Aus dem einstigen Überangebot ist ein Mangel geworden.
Vor allem in den ländlichen Gegenden können freie Arztstellen in Kliniken nur schwer wieder besetzt werden. In einem Flächenland wie Rheinland-Pfalz mit dünn besiedelten Regionen kann diese Entwicklung bedrohliche Ausmaße annehmen. Davor hat jetzt die Lan­des­ärz­te­kam­mer Rheinland-Pfalz in Mainz gewarnt.
Professor Dr. med. Frieder Hessenauer (47), Chirurg, Oberarzt aus Ludwigshafen, Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Rheinland-Pfalz, Mainz, fordert daher: „Der Arztberuf muss wieder attraktiver werden! Bessere Arbeitsbedingungen können Abhilfe schaffen. Ganz wichtig ist hierbei die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes in den Kliniken.“ Die Lan­des­ärz­te­kam­mer appelliert an Gesetzgeber und Tarifpartner, mit der Fiktion Schluss zu machen, dass Bereitschaftszeit Ruhezeit sei. Zugleich fordert sie alle Ärztinnen und Ärzte auf, keine untertariflichen oder gar unbezahlten Arbeitsverhältnisse zu gewähren oder einzugehen. Hessenauer: „Dies ist berufsrechtswidrig! Die Kammer wird derartiges Fehlverhalten verfolgen und konsequent ahnden. Wenn nötig, mit dem Entzug der Weiterbildungsbefugnis.“
Die Lan­des­ärz­te­kam­mer Rheinland-Pfalz will darüber hinaus der tatsächlichen Belastung von Ärztinnen und Ärzten auf den Grund gehen und hat jetzt eine Umfrage rund um das Thema Arbeitszeit gestartet. Ziel der Umfrage ist es, ein repräsentatives Abbild der Arbeitsbelastung in den Kliniken zu erhalten.
Rege in Anspruch genommen wird in Rheinland-Pfalz ferner die Ombudsstelle in der Kammer. Ärztinnen und Ärzte, die arbeitsrechtliche Probleme in den Kliniken haben, können hier Rat suchen. „Täglich wenden sich etwa drei Anrufer an die Vertrauensstelle“, berichtet Dr. Jürgen Hoffart, der als Ombudsmann der Lan­des­ärz­te­kam­mer weiterhilft. Die Ratsuchenden beklagen, dass sie auf dem Papier nach dem Dienstplan zwar Feierabend haben, aber anschließend weiterarbeiten müssen, Überstunden aufzuzeichnen, werde ihnen aber untersagt. Die so geleistete Mehrarbeit werde oftmals weder mit Geld noch mit Freizeit ausgeglichen. Klinikträger begründeten dies häufig mit der finanziellen Klemme, in der die Häuser stecken. „Dass Bereitschaftsdienste Ruhezeiten sind, ist schon lange ein Märchen“, erklärte Hoffart. „Den Arzt, der nachts während seines Bereitschaftsdienstes wirklich schlafen kann, gibt es nicht.“
Die Erfahrungen des Ombudsmannes decken sich mit Zahlen der Gewerbeaufsicht in Rheinland-Pfalz. Sie prüfte in einer Schwerpunktaktion im vorigen Sommer die Arbeitszeitnachweise für das ärztliche und pflegerische Personal. Nach einem ersten Zwischenbericht seien bislang in 45 Krankenhäusern die Arbeitszeiten von über 2 000 Ärztinnen und Ärzten und über 10 000 Beschäftigten im Pflegedienst geprüft worden. Bei einem großen Teil der Fälle hätten Aufzeichnungen über geleistete Überstunden und Bereitschaftsdienste gefehlt. In 31 von 45 Kliniken sei die höchst zulässige Arbeitszeit überschritten worden.
„Es ist erschreckend, mit welcher Einschüchterung und Verschwiegenheit ein Großteil der betroffenen Ärztinnen und Ärzte auf diese unhaltbaren Zustände reagiert“, berichtete Hoffart, „nur wenige haben die nötige Zivilcourage damit in die Öffentlichkeit zu gehen. Doch aufgrund des akut werdenden Ärztemangels werden die jungen Kolleginnen und Kollegen derzeit Gott sei Dank mutiger“, erklärte er.
Mit Klinikträgern, aus deren Häusern Vorwürfe kommen, nimmt Hoffart umgehend Kontakt auf. Ein erster Schritt, der Wirkung zeigt.
Die Ombudsstelle bei der Lan­des­ärz­te­kam­mer ist erreichbar unter der Telefon-Nummer: 0 61 31/2 88 22-82 bzw. -21 oder per E-Mail: hoffart@laek-rlp.de. Ines Engelmohr
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