ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2002Rheinland-Pfalz: Bald Ärztemangel auf dem Land

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Rheinland-Pfalz: Bald Ärztemangel auf dem Land

Engelmohr, Ines

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Frieder Hessenauer. Foto: privat
Frieder Hessenauer.
Foto: privat
Aus dem einstigen Überangebot ist ein Mangel geworden.
Vor allem in den ländlichen Gegenden können freie Arztstellen in Kliniken nur schwer wieder besetzt werden. In einem Flächenland wie Rheinland-Pfalz mit dünn besiedelten Regionen kann diese Entwicklung bedrohliche Ausmaße annehmen. Davor hat jetzt die Lan­des­ärz­te­kam­mer Rheinland-Pfalz in Mainz gewarnt.
Professor Dr. med. Frieder Hessenauer (47), Chirurg, Oberarzt aus Ludwigshafen, Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Rheinland-Pfalz, Mainz, fordert daher: „Der Arztberuf muss wieder attraktiver werden! Bessere Arbeitsbedingungen können Abhilfe schaffen. Ganz wichtig ist hierbei die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes in den Kliniken.“ Die Lan­des­ärz­te­kam­mer appelliert an Gesetzgeber und Tarifpartner, mit der Fiktion Schluss zu machen, dass Bereitschaftszeit Ruhezeit sei. Zugleich fordert sie alle Ärztinnen und Ärzte auf, keine untertariflichen oder gar unbezahlten Arbeitsverhältnisse zu gewähren oder einzugehen. Hessenauer: „Dies ist berufsrechtswidrig! Die Kammer wird derartiges Fehlverhalten verfolgen und konsequent ahnden. Wenn nötig, mit dem Entzug der Weiterbildungsbefugnis.“
Die Lan­des­ärz­te­kam­mer Rheinland-Pfalz will darüber hinaus der tatsächlichen Belastung von Ärztinnen und Ärzten auf den Grund gehen und hat jetzt eine Umfrage rund um das Thema Arbeitszeit gestartet. Ziel der Umfrage ist es, ein repräsentatives Abbild der Arbeitsbelastung in den Kliniken zu erhalten.
Rege in Anspruch genommen wird in Rheinland-Pfalz ferner die Ombudsstelle in der Kammer. Ärztinnen und Ärzte, die arbeitsrechtliche Probleme in den Kliniken haben, können hier Rat suchen. „Täglich wenden sich etwa drei Anrufer an die Vertrauensstelle“, berichtet Dr. Jürgen Hoffart, der als Ombudsmann der Lan­des­ärz­te­kam­mer weiterhilft. Die Ratsuchenden beklagen, dass sie auf dem Papier nach dem Dienstplan zwar Feierabend haben, aber anschließend weiterarbeiten müssen, Überstunden aufzuzeichnen, werde ihnen aber untersagt. Die so geleistete Mehrarbeit werde oftmals weder mit Geld noch mit Freizeit ausgeglichen. Klinikträger begründeten dies häufig mit der finanziellen Klemme, in der die Häuser stecken. „Dass Bereitschaftsdienste Ruhezeiten sind, ist schon lange ein Märchen“, erklärte Hoffart. „Den Arzt, der nachts während seines Bereitschaftsdienstes wirklich schlafen kann, gibt es nicht.“
Die Erfahrungen des Ombudsmannes decken sich mit Zahlen der Gewerbeaufsicht in Rheinland-Pfalz. Sie prüfte in einer Schwerpunktaktion im vorigen Sommer die Arbeitszeitnachweise für das ärztliche und pflegerische Personal. Nach einem ersten Zwischenbericht seien bislang in 45 Krankenhäusern die Arbeitszeiten von über 2 000 Ärztinnen und Ärzten und über 10 000 Beschäftigten im Pflegedienst geprüft worden. Bei einem großen Teil der Fälle hätten Aufzeichnungen über geleistete Überstunden und Bereitschaftsdienste gefehlt. In 31 von 45 Kliniken sei die höchst zulässige Arbeitszeit überschritten worden.
„Es ist erschreckend, mit welcher Einschüchterung und Verschwiegenheit ein Großteil der betroffenen Ärztinnen und Ärzte auf diese unhaltbaren Zustände reagiert“, berichtete Hoffart, „nur wenige haben die nötige Zivilcourage damit in die Öffentlichkeit zu gehen. Doch aufgrund des akut werdenden Ärztemangels werden die jungen Kolleginnen und Kollegen derzeit Gott sei Dank mutiger“, erklärte er.
Mit Klinikträgern, aus deren Häusern Vorwürfe kommen, nimmt Hoffart umgehend Kontakt auf. Ein erster Schritt, der Wirkung zeigt.
Die Ombudsstelle bei der Lan­des­ärz­te­kam­mer ist erreichbar unter der Telefon-Nummer: 0 61 31/2 88 22-82 bzw. -21 oder per E-Mail: hoffart@laek-rlp.de. Ines Engelmohr
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Johannes Oepen
am Sonntag, 19. April 2020, 21:33

Universitätsmedizin: Wird die Kinderheilkunde kaputtgespart?

Es ist wichtig und höchste Zeit, das Thema „was wird aus der Kinder- und Jugendmedizin“ deutlich anzusprechen. Danke an Frau Engelmohr und Prof. Zepp! Wenn Kinder nicht Objekte von medizinischen Handlungen sondern Subjekte gemäß ihrer Kinderrechte sein sollen, dann muss dafür gesorgt werden, dass NICHT NUR „Prozedur-Zeiten“ bezahlt werden, sondern Versorgung der Patienten – und dass ihre entwicklungsbedingt (!) geringere „Geschmeidigkeit und Mitarbeit“ berücksichtigt wird (bei höherem Leiden, wenn ihre subjektive Sicht nicht einbezogen werden KANN)

Prof. Zepp spricht es aus: Der damit erhöhte Personalaufwand für Kinder findet sich in der Kalkulation nicht wieder. In anderen Ländern mit Fallpauschalen, wie beispielsweise in Australien, hat man deshalb die Pädiatrie auch wieder aus dem DRG-System herausgenommen oder durch Zusatzfinanzierungen gestützt - insbesondere in der universitären Pädiatrie. … Wir haben in der Mainzer Universitätskinderklinik fünfzehn pädiatrische Hochschulambulanzen, von der Kinderonkologie über die Kinderpneumologie bis zur Kindernephrologie und vieles mehr. Können die auf Dauer alle gehalten werden – oder drohen sie Anhängsel von Abteilungen der „Erwachsenenmedizin“ zu werden?

Wir brauchen als Kinder- und Jugendärzte mit ihren Teams auch eine „Rückversicherung mit den Spezialisten der Spezialitäten“ – sonst sinkt auch die Qualität der Versorgung in der Breite! Dabei muss das Ziel von Medizin beachtet werden – Verbesserung der Teilhabe! Es bleibt bitter, dass in den pädiatrischen Praxen die Versorgung chronisch kranker Kinder betriebswirtschaftlich ein „defizitäres Zusatzgeschäft“ ist – finanziell strikt ausgerichtete Ärztinnen und Ärzte versuchen teilweise den Anteil chronisch erkrankter Kinder niedrig zu halten. Aber gerade die für eine gute „Compliance“ und Lebensqualität durchaus wichtigen Aspekte und organischem Outcome von Kindern und Jugendlichen die intensive Arbeit und Kommunikation mit Angehörigen scheinen in der „Akutmedizin“, aber auch der medizinischen Rehabilitation und der Praxismedizin vor Ort nicht angemessen eingeplant. Eher wird wohl erwartet, dass abhängig vom Temperament und der Bereitschaft auf „unvernünftiges Verhalten“ aus menschlicher Einstellung einzugehen das erledigt wird ohne auf eine Bezahlung zu drängen (damit auch ohne ein Qualitätsmanagement dazu einzurichten?).

Ein Vertreter der Leistungsträger hat mir im berufspolitischen Dialog gesagt: „Wir sind nicht dafür da, Geld zu sparen, sondern es sinnvoll auszugeben“. Natürlich kann nicht bezahlt werden, was nicht vorher eingenommen wird. Systemkonform und etwas zynisch formuliert gilt aber: So entstandener „schlechter Outcome“ durch „Noncompliance“ oder unzureichendes Zusammenwirken bedeutet neben Leid, verminderter Teilhabe und Lebensqualität bei Kindern und Jugendlichen jahrelang vermeidbare Kosten im Solidarsystem. „Keiner ist alleine krank“ – dazu kommen noch Überlastungsfolgen, die bei Angehörigen entstehen können … Im Stichlassen als Strategie, „darum haben Sie doch diesen Beruf ergriffen“ als Entschuldigung“.

Mehrkosten durch bessere Behandlungsstrategien verursachen Kosten, dies muss dem Bürger als Steuerzahler und Krankenkassenmitglied mitgeteilt werden. Wenn hier an Kindern und Jugendlichen gespart werden soll, dann muss das ebenso klar mitgeteilt werden: Man sieht Euch nicht – und wir können nicht dafür sorgen, dass Ihr mehr gesehen werdet. Wenn wir nicht klar aussprechen, was Bedarfe von Kindern für Ihre Gesundheit sind, werden „die Bürger*innen“ nicht verstehen, warum hier mehr an bezahlter Leistung nicht nur (?) eine moralische Forderung bedeutet, sondern auf gute Verwendung der Versichertengelder gedrungen wird.

Übergeordnet steht der Wunsch: Ein gemeinsames Haus für Kinder und Jugendliche, das diesen Namen auch verdient. Dort können sich die verschiedenen Disziplinen ergänzen – eben auch gemeinsam mit der psychosomatischen Medizin und Psychotherapie in einer interdisziplinären Station, nicht nur um Kindern und Jugendlichen einen schnelleren Übergang zu dieser Behandlung zu ermöglichen, sondern auch unnötige seelische und finanzielle „Kosten“ zu vermeiden!

Das Fazit bleibt: Gesundheitsversorgung und -vorsorge sind gesellschaftliche Verpflichtung. Unser Land, Deutschland, sollte aber auch erkennen, dass es ein Gewinn ist, in die Gesundheit der nächsten Generationen zu investieren.

Dr. med. Johannes Oepen
Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Facharzt für physikalische und rehabilitative Medizin

Postanschrift:
Klinik Viktoriastift
Behandlungszentrum für Kinder und Jugendliche
Landeskrankenhaus (AöR)
Cecilienhöhe 3
55543 Bad Kreuznach

Telefon: 0671-8355 – 101
Mobil 0159 0414 6730
Fax.: 0671- 8355141
E-Mail: j.oepen@kvs.landeskrankenhaus.de

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