ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2002Homöopathie: Verständnis in Bildern

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Homöopathie: Verständnis in Bildern

Dtsch Arztebl 2002; 99(9): A-552 / B-450 / C-423

Thor, Susanne

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Alte homöopathische Reiseapotheke und handschriftliche Eintragungen Hahnemanns aus dem Jahr 1808 im Historischen Museum in Köthen. Foto: dpa
Alte homöopathische Reiseapotheke und handschriftliche Eintragungen Hahnemanns aus dem Jahr 1808 im Historischen Museum in Köthen. Foto: dpa
Bei Zweifeln an der Wirksamkeit der Homöopathie kann die Lehrambulanz in Wittenberg Vorurteile abbauen helfen.

Es gibt immer wieder Berichte über Heilungen durch Homöopathie, in denen das Wirkliche und das Wunderbare zusammentreffen. Die einen preisen sie euphorisch als Medizin der Zukunft, den anderen scheint die Homöopathie eher suspekt. In diesem Zusammenhang wird häufig auch die Frage nach der Wissenschaftlichkeit dieser Methode gestellt.
Offensichtlich ging der Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann (1755–1843), für die damaligen Verhältnisse sehr fortschrittlich und wissenschaftlich vor. Der promovierte Mediziner hatte sich, unzufrieden mit dem wissenschaftlichen Stand und den therapeutischen Möglichkeiten seiner Zeit, aus der medizinischen Praxis zurückgezogen und wissenschaftlichen Aufgaben zugewandt. Durch chemische Studien und Studium der bereits bekannten Arzneimittel hoffte er, sichere Grundlagen für eine fundiertere Arzneimitteltherapie zu finden. So übersetzte er 1790 die Materia medica (Arzneimittellehre) von William Cullen, Professor in Edinburgh. Cullen schrieb dort, die Wirkung bei der Therapie von Wechselfieber (Malaria) sei die Folge der Bitterkeit der Chinarinde, die den Magen und damit den ganzen Körper stärke. Dies erschien Hahnemann jedoch nicht plausibel. Die sich ihm aufdrängende Frage, ob Chinarinde nicht selbst auch eine Art Wechselfieber erzeuge, beantwortete er mit einem Selbstversuch, bei dem er Chinin in einer heute noch üblichen Dosierung einnahm.
Es traten ähnliche Symptome auf, wie bei Wechselfieberkranken. Auch andere von ihm getestete Arzneien (zum Beispiel Tollkirsche und Brechnuss) erzeugten bei Gesunden in kleinen Dosen die ähnlichen Symptome, die sie bei Kranken heilen konnten. Aufgrund seiner Erfahrungen formulierte Hahnemann daraufhin das Ähnlichkeitsprinzip „Similia similibus curentur“. Dasjenige Mittel solle beim Kranken Anwendung finden, das beim Gesunden ähnliche Symptome zu erzeugen vermag. Seine Forschungsergebnisse fasste der Mediziner 1796 im berühmten Hufeland Journal („Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunst“) zusammen. Diese Veröffentlichung gilt als Geburtsstunde der Homöopathie. Auch wenn man sich zur Geschichte der Homöopathie und ihren Wirkprinzipien einigermaßen informiert hat, bleiben bezüglich der homöopathischen Praxis Fragen offen.
Der Besuch eines der 18 Wochenendseminare des drei Jahre dauernden Weiterbildungskurses zur Erlangung der Zusatzbezeichnung Homöopathie in Wittenberg schien geeignet, als Schulmedizinerin in die Ausbildung „hineinzuschnuppern“ und einigen Fragen auf den Grund zu gehen.
Vermittlung direkt am Patienten
In einer so genannten Lehrambulanz wollen die Wittenberger Dozenten neben der gängigen Vermittlung der Arzneimittelbilder die homöopathische Behandlung direkt am Patienten erläutern. Am Beispiel von „Antimonium crudum“ wurde an diesem Wochenende außerdem erklärt, was es mit der „Substanzlehre“ – ein ansonsten eher in der Anthroposophie gebräuchlicher Begriff – auf sich hat. „Die meisten Homöopathen gehen davon aus, dass die Substanz nicht nur Träger von chemischen Eigenschaften ist, so wie sie heute oft reduziert verstanden werden, sondern auch altes Wissen enthält, welches für uns heute viel schwieriger zugänglich und erlebbar ist, da es von ,schnelleren‘ Bedeutungsinhalten und Bildern überflutet wird“, erläutert der Internist und Homöopath Dr. med. Roland Baur. Er geht davon aus, dass auch beim so genannten modernen Menschen ein starkes Bedürfnis nach dieser Art von Information besteht.
Naturwissenschaftliche Forschung und Homöopathie schließen sich dennoch nicht aus. Baur, Dozent in Wittenberg, arbeitet bei der Zulassungskommission für homöopathische Arzneimittel (Kommission D) des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn und ist Mitinitiator einer der größten bisher durchgeführten Homöopathiestudien. In dieser werden die Daten von knapp 4 000 Patienten – davon 2 851 Erwachsenen und 1 130 Kindern und Kleinkindern – mit akuten und chronischen Leiden in über 100 homöopathischen Praxen ausgewertet. Gemeinsam mit dem Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Berliner Charité brachte Baur diese von der Karl und Veronica Carstens-Stiftung geförderte Outcome-Studie auf den Weg. Sie soll über den Zeitraum von zwei Jahren sowohl Fragen zum diagnostischen und therapeutischen Spektrum der homöopathischen Medizin in Deutschland beantworten helfen, als auch über den langfristigen Krankheitsverlauf unter homöopathischer Behandlung Aufschluss geben. Interessant ist, dass die homöopathischen Ärzte während des ersten Beobachtungsjahres neben der homöopathischen Behandlung kaum konventionelle Medikamente verabreichten. Auch Überweisungen und Diagnostik waren auf ein Minimum beschränkt. Aufschluss über die Effektivität der homöopathischen Behandlung unter Alltagsbedingungen, das heißt über den langfristigen Verlauf der bei den Studienteilnehmern vorherrschenden Krankheitsbilder, wird jedoch erst die für Mitte 2002 geplante Auswertung des Datenmaterials erbringen.
Vom Symptom zur Arznei
Die Patientenambulanz in Wittenberg erscheint dem Schulmediziner vertraut. Denn die ausführliche Erhebung der Anamnese, die hier bei der 32-jährigen Patientin erhoben wird, unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von einer Gesprächs-Psychotherapie – mit dem Unterschied, dass eine detaillierte homöopathische Anamnese bei chronischen Beschwerden zwei bis drei Stunden dauert.
Die Patientin, allein erziehende Mutter eines 12-jährigen Sohnes, wird von Depressionen geplagt, nachdem sich ihr Freund vor einem Jahr von ihr wegen einer anderen Frau getrennt hat. Sie arbeitet als Zahnarzthelferin, fühlt sich jedoch in ihrem Beruf nicht ausreichend anerkannt. Dies fordert sie heraus, trotz der Doppelbelastung noch mehr zu arbeiten. Sie verspricht sich von der Wahl des „richtigen“ homöopathischen Mittels sehr viel und erzählt zwischen Lachen und Weinen ihre Lebensgeschichte. Sie wünscht sich, wieder optimistischer in die Welt schauen zu können und die Enttäuschung und das Misstrauen anderen Menschen und vor allem Männern gegenüber zu verlieren.
Während der Anamnese geht es darum, eine Hierarchisierung der vom Patienten beschriebenen Symptome vorzunehmen. „Es ist die Kunst des Homöopathen, zu erfassen, welches Symptom den Patienten in seiner Individualität und als Person am besten beschreibt“, erläutert Roland Baur. Um aus der Fülle von Symptomen auswählen zu können, sei es wichtig, sich als Behandler zu fragen: „Was bedeutet das Symptom für den Patienten. Wie groß ist der Leidensdruck wegen dieses Symptoms, und wie deutlich erzählt er es?“
Als hervorstechende Gemütssymptome wurden bei der Patientin Selbstzweifel, Ehrgeiz, Wechsel zwischen Lachen und Weinen, Ekel und Scham sowie Besserung der Verfassung beim Tanzen eingestuft. Als allgemeine Symptome wurden das Verlangen nach Schokolade, sowie die Besserung ihrer Gesamtverfassung bei Wärme und romantischen Träumen herausgearbeitet. Lokalsymptome waren Migräne mit Beginn im Bereich des linken Auges, Magen-Darm-Beschwerden mit Wechsel zwischen Durchfall und Verstopfung, ein Nabelbruch im sechsten Lebensjahr, unreine Gesichtshaut und Lendenwirbelsäulen-Beschwerden, Zähneknirschen, Fußwarzen. Aus diesem „Symptomenkatalog“ wurden dann im Sinne von Hahnemann als „eigenheitliche“ Symptome ausgewählt: Besserung beim Tanzen, Ekel und Scham, Migräne mit Beginn linksseitig, Nabelbruch im sechsten Lebensjahr, Fußwarzen und Magen-Darm-Beschwerden.
Die den Patienten charakterisierenden Symptome werden im Repertorium nachgeschlagen. Hier sind die Krankheitszeichen nach einer bestimmten Ordnung aufgelistet, und es werden alle Arzneimittel aufgeführt, bei deren Prüfung die gefragten Symptome beim Gesunden auftreten. Das Finden des passenden Arzneimittels anhand der im Repertorium angegebenen Symptome ist Detektivarbeit: spannend, aber auch mühevoll, da für ein bestimmtes Symptom mehrere Mittel infrage kommen.
Kristallisiert sich ein Arzneimittel heraus, das bei den verschiedenen Symptomen immer wieder genannt wird, ist es sinnvoll, sich zusätzlich die Beschreibung des zugehörigen Arzneimittelbildes in der Materia Medica anzusehen, um eine Entscheidung zu treffen, welches Arzneimittel die Symptomatik des Patienten am besten abdeckt. Die in der Materia Medica zusammengefassten Arzneimittelbilder gehen von den Ergebnissen der historischen Arzneimittelprüfungen aus und wurden von den Homöopathen nach Hahnemann, wie zum Beispiel James T. Kent oder Edward C. Whitmont, mit zusätzlichen Informationen und Erfahrungen angereichert.
Welches Wirkprinzip heilt?
Für Baur, den promovierten Molekularbiologen mit einer schulmedizinischen Laufbahn an einer Universitätsklinik ist die Begegnung mit den Patienten keine rein naturwissenschaftliche und erfolgt eher in Bildern. Neben dem Mess- und Wägbaren gehört für ihn auch das Akausale zum Menschsein. Heilung sei möglicherweise auch ein akausales Geschehen.
Mit winzigen Mengen zu therapieren, war für den Forscher und Chemiker Hahnemann zunächst wissenschaftlich konsequent, lösten doch die üblicherweise verwandten Konzentrationen sowohl bei der Arzneimittelprüfung als auch bei der Therapie erhebliche, bis ins Toxische gehende Wirkungen aus. Diese Beobachtungen veranlassten ihn, die Arzneimittelkonzentrationen mehr und mehr zu reduzieren, meist in Verdünnungen
1 : 100. Überraschenderweise aber blieb die Heilwirkung erhalten, die „Erstverschlimmerung“ reduzierte sich oder verschwand ganz. Erst 25 Jahre später entwickelte Hahnemann das noch heute übliche „Potenzierungs- oder Dynamisierungsverfahren“.
Hahnemann kannte sowohl die Phänomene der Suggestion als auch die der Placebowirkungen, versuchte damit aber nicht die Wirkungen von Arzneimitteln mit Verdünnungsgraden jenseits der Avogadroschen Zahl zu erklären. In der zweiten Auflage der „Chronischen Krankheiten“ (1838) schreibt Hahnemann, dass „er es selbst nicht begreife“.
Die Homöopathie wird auch in Zukunft der Naturwissenschaft nicht alle Fragen beantworten können, vielleicht gibt sie ihre Antworten aber auch nur in Bildern, deren Bedeutung wir zu verstehen verlernt haben.
Dr. med. Susanne Thor
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