ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2002Rudolf Heltzel: Sakralbildhauer und „malender Fontane“

VARIA: Feuilleton

Rudolf Heltzel: Sakralbildhauer und „malender Fontane“

Dtsch Arztebl 2002; 99(9): A-581 / B-474 / C-446

Juds, Bernd

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LNSLNS Berlin ehrt einen vielseitigen Künstler.
Rudolf Heltzel: Brixplatz im Winter, 1986. Foto: privat
Rudolf Heltzel: Brixplatz im Winter, 1986. Foto: privat
Anfang Januar ist er von einer Irland-Reise zurückgekehrt: hat, wie gewohnt, „vor Ort“ Landschaften mit dem Marderhaar-Pinsel aufs Aquarellpapier gebracht. In touch mit Klostermauern und irischem Efeu hat er Bölls „Irisches Tagebuch“ live nacherlebt. Sonst ist Rudolf Heltzel – der „malende Fontane“ – gern den Spuren des großen Brandenburg-Forschers gefolgt – als märkischer Bildchronist, seit mehr als 80 Jahren: Der Zwölfjährige zog skizzierend durch die Berliner „Luisenstadt“ (heute: Kreuzberg), durch die Treptower Wiesen und in den Grunewald, malte Wildenten und Eisvögel in „Dürerscher“ Qualität. Schließlich baute er sich ein Boot, wurde poetischer „Wassermaler“, paddelte zu märchenhaften Ufern. „Wenn du im Boot, irgendwo zwischen Spreewald und Schwielochsee, einschläfst und so weitertreibst, um endlich – mitten in einem Sternenmeer über und unter dir – zu erwachen: Das ist pure Fontane-Romantik.“
Doch Heltzel malte auch in Moskau und auf Kreta, am Sinai, in Tunesien und am Bodensee. Und im tschechischen Böhmisch Leipa, woselbst der Papa bei der K.-u.-K.-Eisenbahn Dienst tat. Der Vierjährige kam dann mit der Mutter ins Kreuzberger „Milieu“ nach Berlin. Während Hitlers Ostland-Ritt, nach 1941, durfte der Künstler für die Zentrale der Frontbuchhandlungen Aquarelle für ein Mappenwerk anfertigen: Kirchen, Paläste, Landschaften zwischen Riga und Leningrad (bevor alles zur „Verbrannten Erde“ wurde).
Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er sein Atelier in einem Neuköllner Schrebergarten auf, hielt auf grobem Karton die Ruinen von Berlin-Mitte fest. Bilder vom neuen Berlin, Reisen ums Mittelmeer folgten. Dann gab es neue Impulse für den 80-Jährigen nach der „Wende“: wieder auf Fontanes Pfaden zu entlegenen vergessenen Herrenhäusern, Kirchenruinen und Erlenufern der lausitzischen Sümpfe. Der 90-Jährige vollbringt einen Höhenrekord: Auf dem 3 500 Meter hohen vereisten Jungfraujoch in der Schweiz malt er „im eisigen Wind“ den Aletsch-Gletscher. Seine Plein-Air-Arbeiten zeigte er auf Hommage-Ausstellungen in Ost und West und im Ausland.
Rudolf Heltzel malte 1998 (mit 91 Jahren) am Jungfraujoch im Berner Oberland in 3 500 Metern Höhe den Aletsch-Gletscher. Foto: Bernd Juds
Rudolf Heltzel malte 1998 (mit 91 Jahren) am Jungfraujoch im Berner Oberland in 3 500 Metern Höhe den Aletsch-Gletscher. Foto: Bernd Juds
Der „andere“ Heltzel ist in die sakrale Kunstgeschichte eingegangen: Bekannt sind – in vielen Ländern Mitteleuropas – seine Kreuzwege für katholische Gotteshäuser. Seine Skulpturen und illustren Weihnachtskrippen stehen auch in evangelischen Kirchen. Die „ökumenische“ Krippe in der (den Opfern aus dem NS-Widerstand gewidmeten) Berliner Kirche Regina Martyrum mit Krippenfiguren von NS-Verfolgten ist Zeugnis für Heltzels unbeugsam-menschliche Gesinnung. Seine „Schutzmantel-Madonna“ im Wallfahrtsort Alt-Buchhorst bei Berlin wurde seit 1937 Ziel oppositioneller Pilgerfahrten während des NS- und später des DDR-Regimes. Einige christliche NS-Opfer – wie Rudolf Mandrella – zählten zu Heltzels engsten Freunden. Als der Bundespräsident ihm das Bundesverdienstkreuz verlieh, geschah das wegen der Verdienste im Bereich Kirche–Kunst–Gesellschaft: In seinem Atelier über der Elisabethkirche in der Kolonnenstraße in Berlin-Schöneberg treffen sich seit über vier Jahrzehnten „Mitmenschen aller Richtungen“: philharmonische Virtuosen und Schauspieler, Museumschefs und Politici, Autoren und Puppenspieler, viele bildende Künstler sitzen zusammen mit Debattierern und Zuhörern aus allen Berufen und Altersgruppen, multikulturelles Engagement inklusive.
Jetzt wartet Rudolf Heltzel, der im Januar das Fünfundneunzigste vollendete, ungeduldig auf wärmere Tage. Da will er das Atelier herrichten für die nächste Saison und eine große Werkschau für den Lichthof des Rathauses Schöneberg vorbereiten, welche das Kunstamt – jubiläumshalber – für den November 2002 plant.
Im Sommer geht’s zu einer Ausstellung nach Ljubljana in Slowenien. Auch dort will er wieder „Landschaft machen – alles Plein-Air“. Das Atelier Heltzel in der Kolonnenstraße 38 in 10829 Berlin-Schöneberg ist zu erreichen über Telefon 0 30/3 04 29 41. Bernd Juds
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