ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2002Famulatur: Erlebnis Saõ Paulo

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Famulatur: Erlebnis Saõ Paulo

Dtsch Arztebl 2002; 99(9): A-596 / B-484 / C-456

Schwarzer, Kay

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Foto: privat
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Drei Jahre Medizin-Studium waren vorüber und ich haderte mit mir selbst, ob das, was ich tat, richtig war. Wie schön ist es dann, zu verreisen! Ich hatte mich entschlossen, knapp zwei Monate in Brasilien zu verbringen, davon einen Monat im größten Krankenhaus des Landes – dem Hospital das Clinicas (H. d. C.), der Uni-Klinik von Saõ Paulo.
In Saõ Paulo angekommen, suchte ich mein Zimmer auf. Ein Freund, der geschäftlich oft in Brasilien verkehrt, hatte mir das Zimmer besorgt und seine Freundin, die vor einigen Jahren ein Tertial ihres PJ im H. d. C. absolvierte, hatte mir ihren damaligen Professor als Ansprechpartner vermittelt. Es ist aber auch möglich, sich direkt an der
medizinischen Fakultät der Universität Saõ Paulo zu bewerben, wo man auch nach einem Wohnheimzimmer fragen kann. Informationen im
Internet: www.usp.br/fm/fr-gra dua.htm.
Das H. d. C. mit seinen rund 1 200 Ärzten genießt einen guten Ruf, der Patienten aus allen Regionen des Landes anzieht. Die Klinik erhält einen wesentlich höheren Etat vom Staat als andere Krankenhäuser. Patienten, die zum H. d. C. kommen, müssen die Behandlung mit neuen und teuren Medikamenten nicht selbst zahlen wie in jedem anderen Krankenhaus des Landes. Das könnten die meisten Patienten ohnehin nicht.
Der erste Tag in der chirurgischen Notaufnahme war nicht leicht. Es gab lange Schlangen wartender Patienten, während innen bereits alles überfüllt war. Patienten wimmerten und heulten, ihr Schicksal und die Ärzte erwartend, oft flankiert von einem Familienangehörigen. Die Ärzte (Residentes) und Studenten des 5. und 6. Studienjahres (Internos) schienen oft anderes zu tun zu haben, als sich mit den Patienten zu beschäftigen. Ich versuchte, dem Ablauf zu folgen, konnte aber nicht verstehen, warum das Wohl der Patienten nicht eindeutig im Mittelpunkt stand. Am Abend war ich total erschöpft und mir wurde klar, dass meine Bewertung der Dinge nicht neutral war. Ich beschloss, dass ich nicht gekommen war, um den Brasilianern zu erzählen, was richtig und falsch ist. Meine Motivation sollte es sein, hier etwas zu lernen und so begann ich ab Tag zwei, einfach nur noch zu beobachten.
Ab diesem Punkt wurde die Klinik für mich zu einem medizinischen Paradies. Gigantisch groß, mit allen Fachrichtungen und Heerscharen von Patienten, Ärzten und Studenten, konnte ich hier vieles sehen, was ich im ersten klinischen Studienjahr in Deutschland nur aus Büchern und Vorlesungen kennengelernt hatte: Menschen mit ihrer Krankheit und ihrem sozialen, familiären und persönlichen Hintergrund. Ob endemische, also für uns exotische Krankheiten wie Lepra, Chagas, Schistosoma mansoni, Hanseniasis oder bei uns eher selten auftretende Krankheiten wie HIV, Tb und Syphilis – jetzt sah ich die Realität und war dann manchmal erstaunt, dass die Theorie sich mit der Realität deckte.
Mein Tag begann morgens um 7 Uhr auf der chirurgischen Notaufnahme, aber nach Absprache konnte ich jede Abteilung der Klinik aufsuchen. Ich ging in den ersten beiden Wochen oft in den OP-Trakt mit seinen etwa 40 Sälen und war fasziniert. Die Brasilianer operieren wie die Weltmeister, sind dabei immer gut gelaunt und entspannt (!) und sie erklärten und zeigten mir alles, wonach ich fragte. Diese entgegenkommende, offene Art fand ich immer wieder. Ich verbrachte jeweils ein bis zwei Tage in der Radiologie, Gynäkologie, Endoskopie, Urologie, Pädiatrie, Augenheilkunde, Orthopädie, Kardiologie und in der Herzchirurgie.
Mein Fazit: Das Land bietet engagierten Studenten und Ärzten viel Gelegenheit, praxisbezogene Medizin zu betreiben. Die Uni von Saõ Paulo engagiert sich aber auch in der Forschung; die Lesesäle der Bibliothek habe ich nie leer vorgefunden. Kay Schwarzer
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