ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2002Arzneimittel: Aut idem ist kein Zankapfel

POLITIK

Arzneimittel: Aut idem ist kein Zankapfel

Dtsch Arztebl 2002; 99(10): A-603 / B-491 / C-463

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Apotheker setzen auf die Kommunikation mit den Ärzten. Ihre gesundheitspolitischen Angriffe richten sich gegen die Legalisierung des Versandhandels.


Seit über einer Woche ist die im Arzneimittelausgaben-Begrenzungsgesetz verankerte und von zahlreichen Ärzteverbänden heftig kritisierte Aut-idem-Neuregelung in Kraft. Dennoch werden Rezepte in den Apotheken wie ehedem „behandelt“ – was niemanden verwundert. Denn was im Gesetzestext markig festgeschrieben wurde (DÄ, Heft 9/2002), kann mangels Inhalt nicht im Alltag umgesetzt werden.
Obwohl die neue Aut-idem-Regelung von der Apothekerschaft grundsätzlich begrüßt wird, da sie ihre pharmazeutische Kompetenz nun auch offiziell gewürdigt sieht, ist die Mehrzahl der Pharmazeuten wegen der überstürzten Einführung des Gesetzes nicht zufrieden. Man hätte es für sinnvoller erachtet, den Organen der medizinischen Selbstverwaltung Zeit einzuräumen, um ihre „Hausaufgaben“ erledigen zu können, erklärten Vertreter der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) auf dem Pharmacon-Kongress in Davos.
Start im Spätsommer
Gemeint ist damit die Festlegung therapeutisch vergleichbarer Wirkstoffe, Darreichungsformen und Packungsgrößen durch den Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen. „Dies ist eine immense Aufgabe, denn allein die Festbetragsgruppe I, die man zurzeit bearbeitet, enthält 340 Arzneistoffe“, sagte Dr. Christiane Eckert-Lill. Erst dann könne man für die neu gebildeten Gruppen die „obere Preislinie des unteren Preisdrittels“ festlegen. „Da diese Preislinie die Entscheidungsgrenze für den Apotheker markiert, wird man die neue Aut-idem-Regelung frühestens im Spätsommer auf ihre Alltagstauglichkeit prüfen können.“
ABDA-Präsident Hans-Günter Friese ist sich der Vorbehalte der Ärzteschaft gegenüber der Neuregelung durchaus bewusst und stellte klar, dass die Therapiehoheit des Arztes in jedem Fall erhalten bleiben muss. „Aut idem darf nicht zum Zankapfel zwischen beiden Heilberufen werden“, sagte Friese. „Die Regelung ist in Kraft, deshalb müssen wir sie pragmatisch angehen.“ Er empfahl seinen pharmazeutischen Kollegen, verstärkt die Kommunikation mit den Ärzten zu suchen.
Friese wies darauf hin, dass die Aut-idem-Substitution nicht nur in den Niederlanden, der Schweiz und in Frankreich problemlos praktiziert werde; bereits seit Jahren suchten die Apotheker im Nacht- und Notdienst auch hierzulande Medikamente nach Vorgaben des Arztes aus. Entkräften wollte Friese auch die Befürchtung der Ärzte, dass den Patienten möglicherweise Generika mit nicht optimaler Qualität abgegeben werden könnten. „Die Qualität der Generika ist in den letzten Jahren verbessert worden“, so Friese. Und wie bisher hafte der Hersteller für die Qualität seines Produktes.
Die berufspolitische Veranstaltung im Rahmen des Davoser Kongresses spiegelte die Sorge der Apotheker wider, dass eine mögliche Freigabe des Versandhandels durch die Politik zu einer generellen Systemveränderung führen könne. ABDA-Geschäftsführer Dr. Frank Diener wies das von Gesundheitsökonomen angeführte Argument entschieden zurück, dass der Versandhandel zu einer Kostenersparnis im Gesundheitssystem beitragen könne: „Nationen mit legalisiertem Versandhandel – wie die USA und die Niederlande – haben ihre Arzneimittelkosten deutlich schlechter im Griff als die Bundesrepublik.“ Es gebe keinen Beleg dafür, dass die Erlaubnis von Ketten- und Versand-apotheken in Verbindung mit einer Freigabe der Arzneimittelpreise die Ausgabenentwicklung besser als das jetzige System steuern würde. Dennoch versuchten verschiedene Interessengruppen mithilfe von Gutachten, „Stimmung“ gegen das bestehende System zu machen.
Versandhandel ist nur „Rosinenpickerei“
Dass man die Kosten der Arzneimittelversorgung nicht auf den Anteil des Vertriebs reduzieren könne, belegte Diener mit dem GKV-Arzneimittel-Index: Danach entfallen auf die Industrie 57,7 Prozent der Kosten für die Arzneimittelversorgung, 13,8 Prozent auf die Mehrwertsteuer, 8,5 Prozent auf den Großhandel und nur 20 Prozent auf die Apotheken. „Die komplette Wertschöpfungskette ist involviert, vor allem aber der Nichtvertriebsbereich“, sagte Diener.
Einig waren sich die Apotheker in Davos, dass man es nicht hinnehmen werde, dem Versandhandel die „Rosinen“ der pharmazeutischen Versorgung zu überlassen. „Der Gesetzgeber und die Kassen können nicht mit Selbstverständlichkeit erwarten, dass 22 000 Apotheken, die 140 000 Menschen einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen, die Restversorgung mit Nacht- und Wochenenddiensten sicherstellen.“
Als Alternative zum Versandhandel bieten die Apotheker folgenden Kompromiss an: Künftig sollen apothekenpflichtige Arzneimittel, die über Telefon, Fax oder Internet bestellt werden – für den Fall, dass dem Patienten eine Abholung in der Apotheke nicht zugemutet werden kann –, durch pharmazeutisches Personal zugestellt werden.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
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