ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2002Grüne Gentechnik: Chancen, aber keine Akzeptanz

POLITIK

Grüne Gentechnik: Chancen, aber keine Akzeptanz

Dtsch Arztebl 2002; 99(10): A-606 / B-494 / C-466

Richter, Eva A.

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Weltweit ist die Grüne Gentechnik bereits Realität. Auf 50 Millionen Hektar werden gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut. Foto: ap
Weltweit ist die Grüne Gentechnik bereits Realität. Auf 50 Millionen Hektar werden gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut. Foto: ap
Der Bauernverband will die Risiken nicht zu sehr in den Vordergrund stellen.

Angst um die eigene Gesundheit und die künftiger Generationen sowie die Hoffnung, das Welternährungsproblem lösen zu können, sind die Eckpfeiler der Meinungspalette zur Grünen Gentechnik in Deutschland. „Einstieg oder Ausstieg“ hieß auch das Perspektiv-Forum des Deutschen Bauernverbandes zur Zukunft der Grünen Gentechnik, das am 26. und 27. Februar in Berlin stattfand. Der Bauernverband stehe der Grünen Gentechnik weder euphorisch wie manche Saatgutunternehmen gegenüber, noch lehne er sie kategorisch ab wie die Umweltorganisationen, sagte der Verbandspräsident Gerd Sonnleitner. Die Chancen, die in dieser Technik steckten, dürften jedoch nicht von vornherein durch eine überzogene Risikodiskussion zugeschüttet werden. „Wir Bauern müssen die Chancen der Bio- und Gentechnik im Auge behalten, schon aus Wettbewerbsgründen“, betonte Sonnleitner. „Aber für uns ist das Verbrauchervertrauen genauso wichtig. Wir erzeugen nur das, was Akzeptanz beim Kunden findet.“
Von Akzeptanz ist aber derzeit weder in der deutschen noch der übrigen europäischen Bevölkerung viel zu spüren. Bei einer Umfrage der Europäischen Union im Dezember letzten Jahres lehnten etwa 70 Prozent der befragten EU-Bürger gentechnisch veränderte Lebensmittel ab. Fast 95 Prozent verlangten, zwischen gentechnisch veränderten und unveränderten Produkten wählen zu können. Auch in Deutschland seien nur 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung bereit, gentechnisch veränderte Lebensmittel zu konsumieren, erklärte Dr. Jürgen Hampel, Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg, Stuttgart. Der Nutzen gentechnischer Anwendungen in der Landwirtschaft werde nur als gering eingeschätzt. Als wichtige Eigenschaften von Lebensmitteln würden stattdessen „Natürlichkeit“ und „Tradition“ angesehen. „Die Gentechnik ist damit kaum vereinbar und wird eher als Bedrohung wahrgenommen“, erläuterte Hampel das Meinungsbild in Deutschland. Festgestellt haben die Umfragen zur Grünen Gentechnik ein nur geringes Vertrauen in Wissenschaft, Politik und Bauernverbände, jedoch ein großes Vertrauen in Verbraucher- und Umweltverbände.
Greenpeace beispielsweise kämpft seit 1996 gegen den Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft. Es gehe darum, zwischen Fortschritt und gefährlichem Unfug zu unterscheiden, sagte Brigitte Behrens, Geschäftsführerin von Greenpeace Deutschland. „Die Gentech-Industrie hat nie überzeugend erklären können, welchen Nutzen sie den Menschen bieten kann.“ Selbst die Gentech-Konzerne wüssten immer noch nicht, was sie tun. „Die derzeitigen Methoden erlauben keine gezielten, sondern nur zufällige Genmanipulationen“, betonte Behrens. Dabei würden die Genstrukturen der Nutzpflanzen gestört, teilweise sogar zerstört. Den Pflanzen würden neue Stoffwechselwege aufgezwungen, die unerwünschte Nebenwirkungen haben könnten. Die Sicherheit von Nahrungsmitteln lasse sich immer noch nicht zuverlässig testen, warnte Behrens.
Die Gegner der Grünen Gentechnik befürchten ferner, dass diese bei großflächigem Anbau außer Kontrolle gerät. Dies hätte sich bereits vielfach bestätigt. „In den USA mussten Lebensmittel in großem Umfang aus dem Verkehr gezogen werden, weil sie möglicherweise allergieauslösende Stoffe enthielten“, berichtete die Greenpeace-Vertreterin. Zu befürchten sei auch eine „Verseuchung“ normaler Pflanzen. In den USA würde die Verbrauchermeinung auch zunehmend kritischer, berichtete Behrens. Erste Supermärkte hätten bereits gentechnisch veränderte Lebensmittel aus ihrem Sortiment genommen.
Weltweit ist die Grüne Gentechnik weit verbreitet, besonders in Nord- und Südamerika. Mehr als 50 Millionen Hektar werden derzeit mit gentechnisch veränderten Pflanzen bebaut. Bestechend erscheinen die Chancen der Grünen Gentechnik: die Verbesserung der Ernährung der Weltbevölkerung, die Optimierung der nachwachsenden Rohstoffe, die Integration von Vitaminen in die Produkte und eine effiziente Züchtung. Dies sind die Vorteile, die vor allem Pflanzenzüchter und Futtermittelfirmen betonen. „Unsere Vorlieferanten übernehmen in hohem Maße nordamerikanische Positionen“, sagte Sonnleitner. Für sie gehe es nicht um die Frage, ob die Grüne Gentechnik in Deutschland angewendet werden soll, sondern wie die notwendige gesellschaftliche Akzeptanz zu erreichen sei. „Der Fortschritt macht vor der Züchtung nicht Halt“, meinte denn auch Dr. Hans Theo Jachmann, Geschäftsführer der Syngenta Agro GmbH, Maintal. Für ihn ist die Grüne Gentechnik ein logisches Fortschreiten der Züchtung, das Krankheits- und Schädlingstoleranzen sowie eine Anpassung der Pflanzen an Stressfaktoren in der Umwelt erreichen kann. Pflanzenzüchtung sei ein uraltes Geschäft, betonte Jachmann. Die gezielte Auslese habe die natürliche Evolution längst abgelöst. Auch beliebte Nahrungsmittel, wie die verschiedenen Kohlarten oder die Aprikose, seien nur durch gezieltes Kreuzen und Auslesen entstanden. Negative Auswirkungen der Grünen Gentechnik seien nicht bekannt. Dies würden 48 EU-Projekte mit mehr als 300 Studien beweisen. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft bestätigt (Stellungnahme vom Dezember 2001), dass keine Risiken für Mensch, Tier oder Umwelt bekannt seien, die über die Risiken bei der Nutzung von herkömmlich gezüchteten Pflanzen hinausgehen. Schwellenwerte für Beimischungen von Rohstoffen aus gentechnisch veränderten Organismen erhöhten nicht die Sicherheit für die Verbraucher, seien jedoch zur Information der Verbraucher erforderlich.
Die Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit von gentechnisch veränderten Lebens- und Futtermitteln fordert auch der Bauernverband. Eine klare Regelung für den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen durch den Gesetzgeber sei dringend notwendig. „Wir wollen die Wahlfreiheit des Landwirts und des Verbrauchers“, betonte Sonnleitner. Dies setze auch Regelungen für den Abstand der Felder voraus, damit es nicht zu Vermischungen komme.
Die europäische Freisetzungs-Richtlinie für gentechnisch veränderte Pflanzen muss bis zum 17. Oktober national umgesetzt werden. Ob Deutschland diesen Termin einhalten kann, ist jedoch fraglich. Bundesverbraucherschutzministerin Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen) ist dabei sehr zurückhaltend. Sie startete im Dezember 2001 lediglich einen Diskurs zur Grünen Gentechnik; mit der Entscheidung über das Forschungsprogramm, das Bundeskanzler Gerhard Schröder ursprünglich mit der Wirtschaft vereinbart hatte, nach der BSE-Krise jedoch auf Eis gelegt wurde, will sie bis zum Herbst warten. Dann sind auch die Bundestagswahlen vorbei. Dr. med. Eva A. Richter
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