ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2002Fälschungsaffären: Höchststrafe verhängt

POLITIK

Fälschungsaffären: Höchststrafe verhängt

Dtsch Arztebl 2002; 99(10): A-608 / B-495 / C-467

Koch, Klaus

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Prof. Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Foto: dpa
Prof. Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Foto: dpa
Interview mit Prof. Dr. rer. nat. Ernst-Ludwig Winnacker,
dem Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Mit der größten deutschen Fälschungsaffäre um Marion Brach und Friedhelm Herrmann ist 1997 eine Lawine ins Rutschen geraten: Mehrere 100 Mitautoren wurden überprüft, weitere Forscher sind für gefälschte oder zumindest mit Mängeln behaftete Veröffentlichungen verantwortlich. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat wegen schwerwiegender Mängel auch gegen Prof. Roland Mertelsmann von der Universität Freiburg, Dr. Wolfram Brugger und Prof. Lothar Kanz, heute an der Universität in Tübingen, Sanktionen verhängt. Die Affäre hat die Fähigkeit der deutschen Wissenschaft zur Selbstkontrolle auf die bislang härteste Probe gestellt.



DÄ: Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?
Winnacker: Das Verfahren ist jedenfalls abgeschlossen. Drei Dinge waren dabei wichtig: Erstens, dass die Verfehlungen in der Öffentlichkeit bekannt wurden; zweitens, dass die Beteiligten zur Rechenschaft gezogen werden, und drittens, dass sich das 1997 von uns entwickelte Verfahren zum Umgang mit Fehlverhalten bewährt. Diese drei Punkte sind meiner Ansicht nach erreicht worden. Wir haben getan, was wir konnten: Was Mertelsmann angeht, haben wir ihn für fünf Jahre als Gutachter und Antragsteller ausgeschlossen, Kanz und Brugger für jeweils zwei Jahre.
DÄ: Allerdings gibt es, was Ergebnis und Ablauf des Verfahrens angeht, geteilte Meinungen. Gutachter der „Task Force“, die einen Gutteil der Aufklärungsarbeit geleistet hat, haben der DFG Ende letzten Jahres sogar Manipulation eines Gutachtens vorgeworfen und mit einer Klage gedroht.
Winnacker: Das kann ich nicht nachvollziehen. Es ging darum, die Pressekonferenz zu retten, auf der die Untersuchungsergebnisse vorgestellt werden sollten. Ein Anwalt der Beteiligten hatte eine einstweilige Verfügung gegen Formulierungen in den Presseunterlagen beantragt und hätte damit die Pressekonferenz womöglich platzen lassen können. Das wollten wir unbedingt vermeiden und haben deshalb zwei Halbsätze gestrichen, die Vorsatz beziehungsweise Manipulation behauptet hatten. Es sind keine Fakten gestrichen worden.
DÄ: Hat es denn die angedrohte Klage gegeben?
Winnacker: Nein, die würde auch keine Aussicht auf Erfolg haben. Vor der Pressekonferenz hatte sich der Vorsitzende der gemeinsamen Kommission mit den Streichungen einverstanden erklärt.
DÄ: Die Kontroverse zeigt doch zumindest die tief sitzende Unzufriedenheit gerade derjenigen, die an der Aufklärung unmittelbar beteiligt waren. Hätte die DFG mehr tun können?
Winnacker: Was hätte sie mehr tun sollen? Das Verfahren konnte abgeschlossen werden. Die DFG ist nicht der Staatsanwalt, sondern eine Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaft. Das beschränkt die Mittel, die sie zur Untersuchung solcher Vergehen zur Verfügung hat. So ist sie beispielsweise auf die Kooperation aller Beteiligten angewiesen. Dort, wo diese Kooperation versagt wird, hat die Wissenschaft, deren öffentliches Interesse nachhaltig beschädigt ist, den Schaden.
DÄ: Hat zu der Unzufriedenheit nicht beigetragen, dass es nur innerhalb der DFG konkrete Strafen gegen Mertelsmann, Kanz und Brugger gegeben hat, aber keine dienstrechtlichen Konsequenzen?
Winnacker: Die Behörden in Baden-Württemberg sind im Falle Mertelsmann offenbar zu dem Schluss gekommen, dass es nach dem geltenden Disziplinarrecht keine Sanktionen geben kann. Das Problem ist eben, dass zu schärferen Maßnahmen Vorsatz nachgewiesen werden muss. Die Beweispflicht lag bei der DFG und den Untersuchungskommissionen. Ein Vorsatz konnte mit unseren Mitteln nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Das muss ich zur Kenntnis nehmen. Allerdings wundert es mich nicht, dass die Öffentlichkeit es als Systemversagen bewertet, dass die Vorgänge um Mertelsmann keine dienstrechtlichen Konsequenzen hatten.
Sie dürfen aber nicht übersehen, dass den Beteiligten schwere Mängel bei ihrem wissenschaftlichen Vorgehen bescheinigt wurden. In der Wissenschaft ist das die Höchststrafe. Das wird nicht vergessen, und das wird sich die Scientific Community noch weit über diese fünf Jahre hinaus merken.
DÄ: Spricht nicht der Fakt, dass Mertelsmann trotz der belegten Vorwürfe gegen ihn während der gesamten Zeit einer der Geschäftsführenden Direktoren am Universitätsklinikum in Freiburg geblieben ist, gegen Ihre Vorhersage?
Winnacker: Ich halte das tatsächlich für einen Affront gegen die Forschung. Gerade an einer Universität sind ärztliche und wissenschaftliche Tätigkeit untrennbar miteinander verbunden. Daher sind die Entwicklungen in Freiburg schon beunruhigend.
DÄ: Sie sagten, die DFG sei nicht der Staatsanwalt. Das scheint doch genau die Schwäche Ihres Verfahrens zur Aufklärung wissenschaftlichen Fehlverhaltens zu sein. Sie setzen auf Kooperation, weil die zu den wissenschaftlichen Tugenden gehört. Aber gerade diejenigen, die wirklich etwas zu verbergen haben, werden doch die Zusammenarbeit verweigern. Ist es nicht eher Zeit, diese Form der Selbstkontrolle als gescheitert zu erklären und den Gesetzgeber um Hilfe zu bitten?
Winnacker: Wir sind gezwungen, auf Kooperation zu setzen. Einer Untersuchungskommission bleibt aber die Möglichkeit, die Verweigerung der Kooperation öffentlich zu machen. Die Öffentlichkeit kann dann ihre eigenen Schlussfolgerungen ziehen. Wobei aber immer die Unschuldsvermutung gilt.
DÄ: Doch auch diese öffentliche Transparenz ist nicht konsequent durchgehalten worden. Die Universität Tübingen hat sich beispielsweise darauf beschränkt, öffentlich die Ehrenhaftigkeit von Kanz und Brugger zu beteuern, aber gleichzeitig die Kooperation mit der in Freiburg arbeitenden Kommission verweigert, die diese Ehrenhaftigkeit überprüfen wollte. Auch wenn man in Freiburg irritierenderweise Mertelsmann in Amt und Würden gelassen hat, ist man mit der Affäre selbst doch transparent umgegangen. Jetzt reden alle über Mertelsmann, aber niemand mehr von Kanz und Brugger. In Tübingen wird man sich doch bestätigt fühlen und „Mauern“ zur besseren Strategie erklären. Auch die DFG hat schließlich Kanz und Brugger „Ausrutscher“ attestiert, ohne die Grundlagen dieser Beurteilung im Detail zu veröffentlichen.
Winnacker: Das konnten wir nicht. Eine interne Kommission hatte sich mit Kanz und Brugger auseinander gesetzt und die beiden angehört und ist dann zu ihren Schlüssen gekommen. Der Grundsatz der Vertraulichkeit dieses Verfahrens war ein wichtiges Prinzip. Anderenfalls hätte die Kommission keine Informationen bekommen.
DÄ: Das meine ich ja: Wenn die Beteiligten nicht wollen, bekommen Sie keine Informationen. Sollte das nicht Anlass sein, die Gesetzeslage zu ändern? Könnte man beispielsweise die Pflicht zur Kooperation im Disziplinarrecht verankern und Verweigerung mit Sanktionen belegen?
Winnacker: Ich bin kein Jurist und kenne das Disziplinarrecht nicht gut genug. Aber ab Mitte dieses Jahres werden wir die Vergabe von Fördermitteln davon abhängig machen, dass die Empfängereinrichtungen Empfehlungen zur guten wissenschaftlichen Praxis implementiert haben. Das wird den Druck erhöhen, die Regeln zu befolgen.
DÄ: Haben Sie Kontrollen vorgesehen, ob sich die Institutionen an die Regeln halten?
Winnacker: Nein, wie sollten wir das, bei über 20 000 Anträgen pro Jahr? Wir haben einen Ombudsmann eingeführt, an den sich Wissenschaftler in Fragen guter wissenschaftlicher Praxis und ihrer Verletzung wenden können. Auf diese Weise erfahren wir von allfälligen Vorwürfen und können viele davon im Einvernehmen lösen.
DÄ: Es gibt einen fließenden Übergang zwischen bewusster Fälschung einer wissenschaftlichen Publikation und Verfälschung durch schlampige Arbeit. Die DFG hat ja schon 1999 in ihrer Denkschrift „Klinische Forschung“ darauf aufmerksam gemacht, dass es Mängel in der Ausbildung der deutschen Medizinforscher gibt. Einige Insider sagen, dass die Mängel, die in der Freiburger Gruppe um Mertelsmann gefunden wurden, durchaus weit verbreitet sein könnten. Das ist ein schwerer Vorwurf: Wie wollen Sie sich darüber klar werden, ob die in Freiburg aufgespürten Mängel wirklich Ausnahmen sind?
Winnacker: Die klinische Forschung in Deutschland hat strukturelle Probleme. DFG und Bun­des­for­schungs­minis­terium wollen das durch gezielte Förderprogramme ändern. Wir werden beispielsweise gemeinsam versuchen, das Umfeld für klinische Studien so zu verbessern, dass sie wieder nach Deutschland vergeben werden. Auch die Krankenkassen werden hier Verantwortung übernehmen müssen.
DÄ: Noch einmal zugespitzt: Ist es möglich, dass das, was an Mängeln in der Mertelsmannschen Gruppe aufgefallen ist, die bis zur Affäre ja einen erstklassigen internationalen Ruf hatte, vielleicht eine Zustandsbeschreibung klinischer Forschung in Deutschland sein könnte?
Winnacker: Nein, das glaube ich nicht. Es gibt exzellente klinische Forschung in Deutschland, aber gleichzeitig auch schwerwiegende strukturelle Defizite, die wir in unserer Denkschrift von 1999 angesprochen haben. Diese müssen endlich von den Beteiligten beseitigt werden. Dass und wie es geht, zeigen viele exzellente Beispiele. Würden wir tatsächlich neue klinische Forschergruppen einrichten, wenn wir diese Zuversicht nicht hätten? Was in Freiburg und Tübingen passiert ist, würde ich nicht verallgemeinern wollen. Die Fragen stellte Klaus Koch.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema